Das Kino in seiner Frühzeit ist kein sonderlich seriöser Zweig der Unterhaltungsindustrie. Die Hauptabnehmer von Méliès´ féerien sind Schaubudenbesitzer auf Jahrmärkten, die um jeden Franc mit ihm feilschen und einige seiner Filme nur auf Kommission übernehmen, zum Beispiel die berühmte `Reise zum Mond´. Er selbst schreibt in seinen Erinnerungen:
„Ich hatte die Kühnheit gehabt, einen Film von 260 Metern Länge“ (dh. knapp einer Viertelstunde Dauer) „herzustellen, den ersten von solcher Bedeutung. Ich mußte ja einfach bei meinen Zuschauern, dh. den Kaufinteressenten, die zur Premiere geladen worden waren, den Eindruck hervorrufen, reif fürs Irrenhaus zu sein. Die Ausrufe erklangen von überall: `Das ist ja verrückt, einen Film zu dem Preis! Sowas hat man ja noch nicht erlebt! Keinen einzigen Film werden Sie verkaufen! Man ruiniert sich ja nur mit so teuren Streifen, etc.etc.“
Es ist freilich Méliès allein, der sich damit ruiniert, während die Produktionen der Star Film-Gesellschaft ihren Käufern – und besonders denjenigen, die sie umsonst kopieren – nicht selten ein Vermögen einbringen. Es gibt damals noch kein Copyright für Filme, und die Welt wird mit Raubkopien überschwemmt. Zu Tausenden werden sie in alle Gegenden des Universums verschickt und noch dazu von gigantischer Reklame begleitet. Auf Plakaten und in der Presse wird `Le Voyage dans la Lune´, der ungeheure Erfolg der Géo Méliès Star Film, Paris angekündigt. Sogar die gefälschte Handelsmarke befindet sich auf den Kopien. Méliès ist gegen diesen widerrechtlichen Handel machtlos. „Dank Edison, dank Lubin aus Philadelphia und Carl Lämmle, die meine Filme gefälscht haben,“ schreibt er mit bitterer Ironie, „hatte mein Name allerdings eine Reklame ohnegleichen.“
1909 sind die letzten Refugien aus seinem Riesenvermögen erschöpft. Er hat alles seiner großen Leidenschaft, dem Film geopfert. Edison bietet ihm an, seinem Trust beizutreten, aber er lehnt ab. Im gleichen Jahr versammelt sich in New York der `Zweite Internationale Kongress der Filmhersteller´. Méliès ist, wie schon im Vorjahr, der Präsident des Treffens, hält also den Vorsitz über Wirtschaftsbosse vom Schlage eines George Eastman, Charles Pathé und Léon Gaumont. Es gelingt ihm, gegen den Widerstand mächtiger amerikanischer Firmen, die Vereinheitlichung der Filmperforation durchzusetzen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Internationalisierung des Films zu leisten – nur wird leider auf diesem Kongreß auch ein Beschluß gefasst, der seiner eigenen, bereits stark verschuldeten `Star Film-Gesellschaft´ die Existenzgrundlage entzieht: Man erklärt das Verleihsystem für verbindlich und untersagt fortan jedweden Verkauf von Filmen an Schausteller oder Kinobesitzer. Im Prinzip ist das zwar eine vernünftige Maßnahme, die den Verleihfirmen das Copyright über die von ihnen vertriebenen Streifen sichert und die – gerade von Méliès so beklagte – Praxis des Raubkopienziehens einschränken soll. Aber er selbst besitzt nicht mehr genügend Kapital, um eine eigene Verleihfirma zu gründen, und da er seine Filme nicht länger wie üblich absetzen darf, geht ihm auch bald das Geld für weitere Produktionen aus. Er muß sich wohl oder übel einen Verleihpartner suchen. Seine Wahl fällt auf Charles Pathé, der ihm Geld vorschießt, aber Sicherheiten dafür verlangt. Um weitermachen zu können, verpfändet ihm Méliès seine Ateliers, Geräte, Kostüme, kurz, seinen gesamten Besitz. Die Zusammenarbeit verläuft für beide Seiten unerfreulich: Pathé beklagt sich über Méliès´ Verschwendungssucht und behauptet, seine Filme spielten kein Geld ein, Méliès fühlt sich ausgenützt, bevormundet und in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt. 1913 kommt es zum endgültigen Bruch und zu einem Prozeß, den Méliès verliert. Im gleichen Jahr stirbt seine Frau Eugénie nach langer Krankheit. Kurz darauf meldet sein Bruder Gaston mit der amerikanischen Filiale der `Star Film´ Konkurs an. Das Théatre Robert Houdin wird geschlossen. Alle Freunde des Zauberers von Montreuil lassen ihn im Stich. Er verstrickt sich immer mehr in Schulden, setzt seine letzte Hoffnung in ein Varietétheater, das er bei Ausbruch des Krieges eröffnet. Der 1. Weltkkrieg ruft die kindlichen Eindrücke wieder in ihm wach, die ihn 1871 als Kind verstörten. Abermals ist nichts mehr so, wie es einmal war, sein Leben ein Scherbenhaufen. 1917 beschlagnahmen die Pariser Militärbehörden seine Ateliers. Einige Tausend Meter unersetzlichen Negativmaterials, fast die Summe zwanzigjährigen Schaffens, werden zu `Kriegszwecken´ vorwiegend zu Kämmen und Gürtelschnallen verarbeitet. Von seinen Feenmärchen ist nur ein winziger Bruchteil erhalten geblieben. Am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstandes, ist Georges Méliès bankrott.
Die Welt fängt an, den verbitterten alten Mann zu vergessen. 1923 versteigert man den Rest seiner Habe für eine lächerliche Summe. Über zwei Drittel seiner féerien verwandeln sich in praktische Gebrauchsartikel. Er selbst verbrennt in einem Anfall von Verzweiflung einen Teil der alten Negative in seinem Garten in Montreuil. Eugénie hat ihm eine Tochter, Georgette, und einen Sohn, André hinterlassen. Die drei leben von nun an, ständig von irgendwelchen Gläubigern bedroht, in ärmlichsten Verhältnissen. Eine späte Romanze versöhnt Méliès mit den Widrigkeiten des Schicksals: Eines Tageas begegnet er seiner alten Jugendliebe wieder, der Schauspielerin Jehanne d´Alcy, die in vielen seiner Filme mitgewirkt hat. Auch ihr Publikum, von dem sie einst stürmisch gefeiert wurde, hat sie mittlerweile vergessen. Sie ist jetzt Besitzerin eines kleinen, schäbigen Kiosks, wo sie Spielzeug verkauft. Sie tauschen gemeinsame Erinnerungen aus, und der Zauberer von Montreuil holt für sie noch einmal Blumensträuße aus der Luft. Er heiratet sie 1925 und führt mit ihr zusammen das Spielwarenlädchen. „Das Geschäft, das meine Großeltern betrieben,“ schreibt Madeleine Malthète-Méliès, „lag am Bahnhof Montparnasse und war ein zugiges Lokal. Es war eine Holzbude mitten im Bahnhof und man fror im Winter nicht wenig. Mein Großvater hatte stets den Hut auf dem Kopf und die Pfeife im Mund; immer trug er einen Mantel. Er verkaufte Spielzeug, Bonbons, Schokoladen, Blechtrompeten und Jojos, denn das war gerade die Zeit, in der die Jojos in Mode kamen. Er war mit dem Leben, das er führte, durchaus zufrieden, obwohl er hart arbeitete.
Im September sperrte er den Laden zu und wir fuhren in das feinste Hotel von Ploumanach und führten dort ein mondänes Leben. Mein Großvater arbeitete das ganze Jahr eigentlich nur für diese wenigen Wochen. Er sagte: `Ich bin ein Kaufmann wie jeder andere.´“
So würde die Geschichte enden, wären nicht an einem schönen Frühlingstag des Jahres 1928 die Regisseure René Clair, Paul Gilson und Léon Druhot bei einem Spaziergang durch Zufall auf den Pionier des Films aufmerksam geworden. Sie sorgen dafür, dass er noch einmal ins Rampenlicht zurückkehrt. Er muß Vorträge über seine Arbeit als erster Regisseur der Welt halten, einmal gar als Gag für die Pressereporter durch einen papierbespannten Reifen springen. Man gibt ihm zu Ehren Galadinés, ernennt ihn zum Ritter der Ehrenlegion – der greise Louis Lumière steckt ihm persönlich das Kreuz ins Knopfloch – und überhäuft ihn mit Auszeichnungen. Das `Chat noir´hat längst seine Tore geschlossen, aber in den Künstlerkneipen der Dadaisten und Surrealisten applaudiert ihm eine neue Generation. Auf einer Veranstaltung kränzt ihn der Komponist Eric Satie – selbst ein Pionier auf dem Gebiet der modernen Musik – mit Lorbeer. „ Er freute sich darüber,“ berichtet M.M.-Méliès, „ohne sich aber zu wundern. Er wußte, dass ihm einmal Gerechtigkeit widerfahren würde.“
All diese Ehrungen und Ovationen bringen ihm nicht sonderlich viel ein. Sein Sohn André hat sich inzwischen selbstständig gemacht, lebt im Ausland und schreibt jedes Jahr ein oder zwei Briefe. Georgette, seine Tochter, erliegt 1930 einer langen und schweren Krankheit, wie ihre Mutter. Man läßt Méliès, seine zweite Frau und seine Enkelin mietfrei in einem Dreizimmerappartement wohnen, in einem `Altersasyl für minderbemittelte Filmkünstler´, für das kürzlich von einer wohltätigen Organisation ein Gebäude in der Nähe des Flughafens Orly gekauft worden ist. Dort lebt er von 1932 bis zu seinem Tod im Jahre 1938, ordnet die kümmerlichen Reste seines Lebenswerks, schreibt für den Dichter Jacques Prévert ein nie realisiertes Filmszenarium, `Le fantome du métro´, außerdem Feenmärchen und phantastische Erzählungen, zeichnet, malt, verfolgt das etwas größenwahnsinnige Projekt, ein gigantisches Museum der Filmgeschichte zu bauen, das `Notre Dame du Cinéma´ heißen soll und empfängt Journalisten, denen er von der Vergangenheit erzählt. Sie holt ihn ja ständig wieder ein. In seinen letzten Tagen ist er, inmitten seines nie unloyaklen Hofstaats der Phantasie, umgeben von Rittern, Feen, Hexen und Drachen, von Elfen, Nymphen, Dämonen und Fabelwesen. Er taucht wieder ein in die Bilderbücher, die ihn geprägt haben.
Georges Méliès stirbt am 21. Januar 1938 im Hospital Leopold-Bellan in Paris und wird auf dem Friedhof Père Lachaise beerdigt. An die hundert Personen folgen seinem Sarg, darunter die Regisseure Ferdinand Zecca, Alberto Cavalcanti, René Clair, Nadia Sabirskaia, Henri Chomette und Louis Aubert. Die Inschrift auf seinem Grabstein lautet `Georges Méliès, Createur du spectacle cinématographique 1861 – 1938.´














Georges Méliès – eine kurze Biographie (1. Teil)
April 18, 2010Dies ist die sonderbare, tragikomische Lebensgeschichte von Georges Méliès, dem `Zauberer von Montreuil´und ersten Spielfilmregisseur, der dem neuen Genre, der `siebten Kunst´, alle Traumelemente gab und alle Wege eröffnete.
Es ist die Geschichte eines Besessenen, eines Träumers und Idealisten, dessen auf Zelluloid gebannte Märchenwelten im rauhen Konkurrenzkampf des rasch industrialisierten Mediums nicht lange bestehen konnten und der an seiner eigenen Gigantomanie scheiterte, wie nach ihm viele Hollywood-Regisseure.
Georges Méliès wurde am 8. Dezember 1861 geboren, im Sternbild des Schützen, als dritter Sohn eines wohlhabenden Pariser Schuhfabrikanten, der die mondäne Lebewelt jener Jacques Offenbach Zeit, des `zweiten Empire´, `zweiten Rokoko´, der `l´epoque de Worth´oder wie immer sie sich zu nennen beliebte mit modischem und elegantem Schuhwerk versorgte – den hübschen Schnürstiefelchehn etwa, deren Absätze die Damen beim Can-Can gefährdeten. Louis Méliès, der Vater, war ein Türftler und durch die Erfindung einer Maschine zu Reichtum gelangt, mit der sich Stiefelschäfte automatisch nähen ließen. Diese Erfindung förderte seinen Aufstieg vom einfachen Schuster zum Großindustriellen. Die Familie bewohnte ein prunkvolles Stadthaus mit Marmorportal, Salongemälden und Samtportieren.
Und hier begegnen wir Georges zum erstenmal: stimmungsvolle Bilder einer wohlbehüteten Kindheit inmitten von Dienerschaft, `Sonntagen auf dem Lande´, kostspieligen Geselligkeiten und dem Paris jener Tage – alles aus dem Blickwinkel eines verwöhnten und verträumten Knaben.
Er verkriecht sich gern in seine Phantasiewelten oder in die Bilderbücher, die er um sich herum auf den schweren Teppichen verstreut. Man sieht ihn im weiträumigen, neureich-überladen eingerichteten Wohnzimmer auf dem Boden liegen, umgeben von einem Meer bunter, aufgeschlagener Bände mit Bildern von Rittern, Feen, Hexen und Drachen, verirrt sich mit ihm in den Illustrationen Gustave Dorés zu den Werken Dantes, Ariosts oder den Perraultschen Märchen, während sein Bruder Gaston lustlos ein monotones Übungsstück auf dem Flügel klimpert. Eine behagliche, schläfrige, träumerische Atmosphäre liegt über allem, das Sonnenlicht flimmert durch die Gardinen auf dem Teppichmuster und den Buchseiten.
Georges ist fasziniert von den Geheimnissen der Laterna Magica, dem Ticken schwerer Uhren, den geschmäcklerischen Statuen, Büsten und nickenden Buddhas, welche die elterliche Wohnung schmücken.
Den Vater, der ein florierendes Unternehmen mit über Tausend Mitarbeitern leitet und ganz in seinem Beruf aufgeht, bekommt er kaum zu Gesicht. Louis Méliès ist ein untersetzter, rotgesichtiger älterer Herr, stets in eine Wolke von Zigarrenqualm gehüllt oder in irgendwelche Akten und Berechnungen vertieft. Sein hervorstechdenes Merkmal bildet, neben dem buschigen weißen Schbnauzbart, die goldene Uhr mit der dicken Kette, die er übertrieben protzig zur Schau stellt. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet, damit seine Söhne es einmal besser haben sollen als er. Am schönen Schein liegt ihm viel, die Welt darf ruhig Zeuge seines Erfolges werden. Im Familienkreis gibt er sich manchmal jovial, manchmal tyrannisch. Aber im Grunde ist er ein liebenswerter alter Knabe, der einen guten Tropfen zu schätzen weiß, hin und wieder zu Seitensprüngen neigt, exquisite Schuhe entwirft und die Führung des Haushalts seiner Frau und den Dienstboten überläßt.
Schon früh wird deutlich, dass Georges anders als gewöhnliche Kinder ist. Es gibt für ihn keinen großen Unterschied zwischen Tagträumen und dem, was Erwachsene als `Realität´ bezeichnen. Alles fließt bei ihm zusammen, hinter dem altmodischen Kachelofen lauern Kobolde und spinnenfingrige Hexen, die Feen, Drachen und verzauberten Prinzessinnen sind greifbare Wirklichkeit. Sein ganzes Leben ist er bemüht, den dünnen Trennungsstrich zwischen Magie und Alltag zu verwischen, Luftschlösser aufzubauen und einzustürzen. Mit seinen Spielkameraden, die sich anfangs willig seiner Führung unterwerfen, stellt er Szenen aus allerlei Märchen nach. Die Eltern, die seine blühende Phantasie noch amüsiert, lassen ihn in allem gewähren, veranstalten für ihn und seine Freunde Maskenfeste, die ihn besonders begeistern, da sie ihm die Möglichkeit bieten, in immer neue Rollen zu schlüpfen.
Auch die beiden älteren Brüder können sich Georges Einfluß nicht entziehen und hecken unter seiner Anleitung unzählige, oft bedenkliche Streiche aus. Dies führt zwangsläufig zu ersten, ernsthaften Auseinandersetzungen mit dem Vater, dessen zerstreute Ermahnungen freilich nichts bewirken. Méliès´ honorige Geschäftsfreunde und ihre Gattinnen, die Georges mit wunderlichen Fragen, Gesprächsthemen und Auftritten verunsichert, halten den Jungen für verrückt.
In seinen schulischen Leistungen bleibt er hinter seinen Altersgenossen und auch den Brüdern Henri und Gaston zurück. Stattdessen entwickelt er ein erstaunliches Talent zum Malen und Zeichnen, besonders zum Karikieren. „Der Mathematiklehrer“, erinnert sich die Enkelin Madeleine Malthède-Méliès, „ertappte ihn eines Tages, als er eine Karikatur von ihm anfertigte, und er fand sie so ähnlich, dass er sie in seinem Zimmer aufhängte.“
Die Haltung seiner Schulkameraden ihm gegenüber schwankt zwischen Bewunderung und Verachtung: wie viele begabte und sensible Kinder bleibt er stets ein Außenseiter, ein `Klassenclown´. Aber er fühlt sich recht wohl in dieser Rolle, sprüht vor Witzen und Einfällen, und man verzeiht ihm die meisten Schrullen, weil man selbst über sie lachen muß.
Zu einer großen Leidenschaft für Georges wird die Fotokamera, die der Vater kürzlich angeschafft hat. Dabei inrteressiert er sich wieder weniger für die Abbildung der Wirklichkeit als für `tableaux vivants´, lebende Bilder, die seiner Einbikldung entspringen und die er unermüdlich mit Verwandten und Bekannten im Garten ihres Landhauses im Pariser Vorort Montreuil inszeniert, um sie auf Daquerreotypien zu bannen.
Er hört nie auf zu spielen. Der sogenannte `Ernst des Lebens´, von dem ihm die lästigen Schulstunden einen Vorgeschmack geben, berührt ihn nur insofern, als er ihn Zeit kostet, Zeit für nützlichere Dinge, Zeit für Träumereien,Skizzen, Spiele, Schlachten mit Zinnsoldaten – -
Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, scheint die Welt aus den Fugen. Überall herrscht eine fiebrige, aufgeregte Katastrophenstimmung, die Georges nicht versteht, die ihn ängstigt und zugleich fasziniert. Täglich treffen neue Schreckensmeldungen ein: Frankreich hat Deutschland den Krieg erklärt, die französischen Heere werden – die Nachrichten überstürzen sich – vernichtend geschlagen, die preußischen Truppen marschieren auf Paris!
Die Familie verläßt, gerade noch rechtzeitig, die Stadt und flieht zu Verwandten aufs Land. Während der Zugfahrt sieht Georges brennende Ortschaften und Leichen in Schützengräben. Nichts ist mehr, wie es vorher war, die festgefügte Ordnung, das Idyll, das ihn umgab, alles bricht auseinander. Der Aufstand der Pariser Kommune im März 1871 vermehrt die durch das Bombardement entstandenen Verwüstungen. Dann tritt für einige Monate Friedhofsruhe ein. Georges, noch zu jung, die Zusammenhänge zu begreifen, nimmt die Ereignisse nur periphär, in flüchtigen, erschreckenden Bildern und Eindrücken wahr. Sie können bei ihm weder Einsicht noch Trauer hervorrufen, bloss kindliches Staunen.
Und außer den Bildern und Eindrücken ist eigentlich nichts passiert. Ein paar Einschußnarben im Putz des elterlichen Hauses – die Wohnräume unversehrt, bis auf ein zersprungenes Fenster, verhangene Möbel, Staub und eine gewisse Fremdheit in den Zimmern. Auffällig jedoch eine gewisse hektische Betriebsamkeit beim Wiederaufbau der Stadt , der allgemeine Drang, den Schock des verlorenen Krieges durch noch mehr Vergnügungen, Pomp und modische Extravaganzen zu verdrängen. Louis Méliès ist als Fabrikant teurer Modeschuhe, im Gegensatz zu vielen anderen Geschäftsleuten, keineswegs ruiniert. Seine Umsätze steigen sogar. Der Can-Can erlebt erst jetzt seine eigentliche Blütezeit. Die Welt kommt allzu rasch wieder ins Lot, die Grande Nation braucht Fassade, um ihre Wunden zu bedecken. Ein merkwürdiges Treibhausklima, in dem allerdings auch die Künste gedeihen.
Georges beginnt sich bald für das Theater zu interessieren – nicht so sehr für das klassische Theater á la Comedie Francaise, sondern vor allem für die Zaubershows, Varietés, Revuen, Marionettenbühnen, das schaurige und blutrünstige `grand – guignol´, die Guckkasten-`Diableries´ (Puppenstubenbühnenbilder, vor deren Hintergrund kunstvoll gestaltete und gruppierte Gipsfigürchen, Engel, Teufel, Salondamen, Gerippe und Fabelwesen Einblicke in den `Alltag der Hölle´boten) und die Grusel- und Wachsfigurenkabinette, wie das Musée Grevin. Im Paris des 3. Kaiserreiches schossen solche Etablissments wie Pilze aus dem Boden.
Ein prägendes Erlebnis wird für ihn der erste Besuch im `Théatre Robert Houdin´ auf dem Boulevard des Italiens, wohin ihn seine Eltern eines Abends unvorsichtigerweise mitnehmen, nicht ahnend, dass diese Vorstellung seine Zukunft entscheidend beeinflussen soll.
Houdin – nicht zu verwechseln mit `Houdini´ alias Erich Weiss, dem späteren Entfesselungskünstler – galt als der größte und berühmteste Illusionist des 19. Jahrhunderts. Unsere modernen Zaubertricks, Kartenkunststücke, bunten Tücher und Blumensträuße, Tauben und Kaninchen, ja selbst die zersägten Jungfrauen und Las Vegas-Sensationen sind allesamt nur ein müder Abklatsch gegenüber seinen Darbietungen. Allein sein Theater war ein technisches Wunderwerk mit Falltüren und Versenkungen, drehbaren Wänden, Spiegelkombinationen, Gewitterblitzen, Schwefelwolken, Riesenseifenblasen und Vorrichtungen, mit deren Hilfe man Geistererscheinungen auf die Bühne projezieren konnte. Er selbst scheint zu jener Zeit, längst über den Zenit seiner Karriere hinaus, noch immer eine charismatische Persönlichkeit gewesen zu sein , anziehend und dämonisch.
Bevorzugt trat er im Kostüm des Mephisto auf, und viele seiner Hexereien bleiben bis heute unerklärlich.
Der junge Méliès ist völlig überwältigt und tagelang nicht ansprechbar. Sein Entschluß steht fest: dem Meister nachzueifern und einst selbst Magier zu werden. (Wird fortgesetzt).
Schlagwörter:Dark Carnival, Strange Portrait
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