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Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

24. April 1916, zwölf Uhr Mittags.

.Die Dubliner fielen aus allen Wolken. Aus den Morgenblättern hatte man noch, bevor man zum Lokalteil überging, von den neuesten, weit entfernten Fronten des Weltkrieges erfahren: In Verdun schien es ja jetzt richtig loszugehen. Unsere armen Jungs da draußen! Über 100.000 Söhne irischer Eltern kämpften für England und die gerechte Sache gegen die deutschen `Hunnen´. Von draußen hörte man in manchen Stadtvierteln vereinzelt Schüsse hallen, und dann einen dumpfen Knall, wie eine entfernte Explosion – sicher wieder irgend so `ne Übung dieser Freiwilligen, die gekniffen hatten und daheim geblieben waren. Dann kam vielleicht ein Nachbar herein und erzählte wirres Zeug von einem Polizisten, der vor Dublin Castle erschossen worden sei, und daß ein paar Verrückte das Hauptpostamt gestürmt hätten, und das Gerichtsgebäude The Four Courts an der Liffey, und außerdem die Bäckerei Boland´s Mill und die Keksfabrik Jacob…

In `Henry, der Held´ versetzt sich Roddy Doyle (`The Commitments´) einfühlsam und historisch präzise in die dramatischen Szenen hinein, die sich im GPO abspielten:

„Ich hielt mir den linken Arm vor die Augen und schlug die Scheibe ein, die draußen auf dem Gehsteig scheppernd in Scherben ging…

Draußen, jenseits der eingeschlagenen Fenster und der Säulen, tat sich nichts, da waren nur die Straße und die üblichen Straßengeräusche – quietschende Trambahnen, Kindergeschrei, Nagelschuhe auf Kopfsteinpflaster und Fahrbahn, die Stimmen der Frauen von dem Stand an der Nelsonsäule, die Namen und Preise ihrer Blumen ausriefen. Nur das Erschrecken und die Flüche der Passanten, die sich draußen vor dem herumfliegenden Glas duckten, gaben diesem Vormittag einen Anstrich von Bedeutsamkeit.

Bei uns im Haus sah das anders aus. Kommandeur Connollys Stimme setzte sich gegen den allgemeinen Lärm durch.

– Die Fenster verbarrikadieren. Mit Postsäcken, Schreibmaschinen, allem, was ihr findet.

Die Haupthalle verwandelte sich. Männer in den Uniformen der Volunteers und der Citizen Army, die meisten aber unvollständig oder gar nicht uniformiert, schleppten Tische, Stühle, Aktenberge, Sandsäcke, Postsäcke, Kohlensäcke auf den Schultern und bauten sie am Haupteingang, den Seiteneingängen und vor allen Fenstern zu Schutzwällen auf… Befehle wurden geblafft, blaffend wiederholt, ausgeführt. Junge Burschen rannten zwischen den Offizieren hin und her, holten und brachten Meldungen. Sie bewegten sich hektisch, waren hibbelig vor Aufregung, während die Älteren, die schon Männer oder doch fast Männer waren, eher ruhig blieben in dem Bewußtsein, daß dies die wichtigsten Momente in ihrem Leben waren.

Ein Schuß schickte uns zu Boden. Stücke der Stuckdecke lösten sich, ein Brocken prallte an meinem Rücken ab.

– Wer hat da geschossen?

– Ich, sagte jemand auf der anderen Seite der Haupthalle. – Ich hab bloß mein Gewehr losgelassen, da ist es losgegangen.

– Paß gefälligst auf. Nicht, daß ihr hier einen umbringt!

Ein riesiger Kerl demolierte einen Postschalter; die Axt ging durch das rote Teak wie durch Kuchenteig. Das Holz brauchte er für den großen Kessel, der vor ihm auf den Fliesen stand. Kommandant Clarke wünschte Tee. Ein Mann in Zivil wickelte Kupferdraht um Tisch- und Stuhlbeine und um mehrere übereinandergestapelte Schreibmaschinen, als Verstärkung für seine Barrikade. Postbeamte sprinteten zum Haupteingang. Ich hörte das Hallen der eiligen Schritte, mit denen die letzten die Treppe runterrannten, um noch rauszukommen, ehe die Tür abgeschlossen und verrammelt wurde.

– Ihr könnt gern hierbleiben, Genossen, sagte Paddy Swanzy zu ihnen, während er sich den weißen Kalkstaub von der Uniform der Citizen Army klopfte. – Jesses, seht euch das an. Total eingesaut, dabei haben wir noch gar nicht angefangen…“

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Über dem Postamt flatterten, immer mehr Neugierige anlockend, die darauf deuteten, die Flaggen der irischen Republik, eine ganz in Grün mit den goldenen Lettern `Irish Republic´, eine in den Farben Grün, Weiß und Orange. Grün stand für die Katholiken, Orange für die `Oranier´, die Protestanten, und das Weiß dazwischen verhieß Frieden und Einigkeit. Weit gefehlt.

Auf der Treppe hatte sich ein blasser, schmächtiger Herr postiert, der nicht in diese schlecht sitzende, viel zu groß wirkende, grüne Uniform eines Kommandanten der Irish Volunteers zu passen schien. Er verlas laut eine Proklamation der `Provisorischen Regierung der Irischen Republik´, wieder und immer wieder, bis sich in der O´ Connell-Street, die eigentlich noch Sackville Street hieß, die Volksmassen um ihn drängten, naja, ziemlich lichte Volksmassen, denn viele trauten sich nach den Neuigkeiten gar nicht mehr aus dem Haus.

„Männer und Frauen Irlands!“ rief er, „im Namen Gottes und der Generationen vor uns, aus deren Händen es seine alten nationalen Traditionen entgegengenommen hat, sammelt Irland durch uns seine Kinder um seine Flagge und kämpft für seine Freiheit“ (`Was will er? Was soll das hier? Wer is´n das überhaupt?´) „Wir behaupten das Eigentumsrecht des irischen Volkes an seinem Land und sein Recht, frei über sein Schicksal bestimmen zu können“ (`Hört, hört!´). „Hiermit proklamieren wir die Irische Republik als souveränen, unabhängigen Staat und verpfänden unser Leben für ihre Freiheit, ihr Wohlergehen und ihre Anerkennung als Nation unter den Nationen…“ Die Erklärung war, wie noch heute für jedermann lesbar, in den Fenstern des General Post Office ausgehängt, schwarz auf weiß, unterzeichnet von Eamonn Ceannt, Thomas James Clarke, James Connolly, Seán Mac Diarmada, Thomas MacDonagh, Pádraic Henry Pearse und Joseph Mary Plunkett. Von wem, bitte? Die wenigsten kannte diese Leute… bis auf Connolly vielleicht, war das nicht dieser sozialistische Arbeiterführer, oder Pearse, der kürzlich in der O´Connell-Street die Grabrede für O´ Donovan Rossa, einen Veteranen des Freiheitskampfes gehalten hatte – „in einem unfreien Irland soll niemals Frieden herrschen“. Klar, der Mann in der schlecht sitzenden Uniform auf der Treppe war Pearse, ein Schullehrer, der Gaelisch unterrichtete. Aber all die anderen… was hatten die vor? Wer steckte dahinter? Eine Revolution, mitten im Weltkrieg? Na, wenn das mal gut ging! Die Stimmung schwankte noch zwischen Neugierde und Besorgnis, während die Trambahnen wie gewöhnlich „klirrend klingelnd“ um die Nelson-Säule kurvten.


Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Die Hintermänner

Ja, wer steckte dahinter? In erster Linie die Irisch-Republikanische Bruderschaft (Irish Republican Brotherhood, IRB), eine mächtige Untergrundbewegung, die aus den `Feniern´ der 1850er Jahre hervorgegangen war und, gemeinsam mit dem amerikanisch-irischen revolutionären Bund Clan-na-Gael (Die Irische Familie), um die Jahrhundertwende von den USA aus operierte. Ihre Anführer glaubten nicht –mehr – an eine `gütliche´, politisch-parlamentarische Lösung des Konflikts zwischen Irland und Großbritannien, wie sie etwa Parnell und der Home Rule-Bewegung vorschwebte: „Unsere Pflicht ist es, uns selbst den Mut und die Kraft zu geben, den Engländern unsere politischen Rechte mit dem Schwert zu entreißen.“

Es gab Tausende Sympathisanten der IRB in Irland und Amerika, aber niemand wußte so genau, wer wirklich zum `inneren Kreis´ ihrer 1912 ca. 2000 Mitglieder gehörte. Geheimhaltung war oberstes Gebot, denn die britische Regierung hatte nach dem Aufstand von 1867 und vielen Terroranschlägen – zum Beispiel 1882 den Morden im Phoenix Park – ein Netz von Spionen und Informanten über die ganze Insel geknüpft, und Militär- und Polizeikräfte gingen jedem `sachdienlichen Hinweis´ nach. Man mußte schon verdammt gerissen sein, um durch dieses Netz zu schlüpfen. Die Karteienkästen in Dublin Castle quollen über von Namen, Adressen und Personenbeschreibungen aller Individuen, die nur irgend verdächtig erschienen, und die Stadt wimmelte von Spitzeln – so wie der Sargbauer Corny Kelleher in Ulysses, eine Figur, zu der Joyce wieder mal ein `typischer´ Dubliner Modell gestanden hatte. Als Hauptbasis kam für die IRB nur die USA in Frage, nicht nur, weil man dort vor Verrätern und nächtlichen Razzien sicher sein, sondern weil man mit Hilfe von Clan-na-Gael durch Geldspenden irischer Emigranten, eines gewaltigen Bevölkerungsanteils also, eine solide Finanzierung aller geplanten Aktivitäten auf die Beine stellen konnte. Schließlich brauchte man dazu Waffen und Sprengstoff, und die mußten gekauft werden.

Die IRB war keine Vereinigung schwärmerischer Nationalisten, an denen ja damals kein Mangel herrschte, sondern nach militärischem Muster straff organisiert. Man hatte aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte gelernt. Ziel war nicht ein weiteres `Revolutiönchen´, sondern DER konzertierte, bewaffnete Befreiungsschlag, der Irland endgültig vom britischen Joch befreien würde. Dabei galt es drei in ihrer `Verfassung´ festgelegte Prinzipien zu beachten:

„ 1. Die IRB, die sich auf einen Krieg vorbereitet, beschränkt sich in Friedenszeiten darauf, `moralischen Einfluß´ auszuüben

2. Die IRB wird diesen Krieg nicht eher beginnen, als bis sie die Mehrheit der irischen Nation geschlossen hinter sich weiß

3. Die IRB wird, soweit es sich mit ihrer Integrität vereinbaren läßt, jede Bewegung unterstützen, die sich der Sache der irischen Unabhängigkeit verschrieben hat.“

Von Punkt zwei nahm man bald Abstand, wie der Ablauf des Osteraufstandes zeigt; die Nation mußte offenbar zu ihrem Glück gezwungen werden. Punkt eins und drei ließen sich gemeinsam abhaken, indem man nationalistische Bewegungen, etwa Douglas Hydes `Gaelische Liga´, die eine Wiederbelebung der irischen Sprache anstrebte oder den `Gaelischen Turn- und Sportverein´(GAA) – na, `unterstützte´ ist nicht ganz das richtige Wort, sagen wir lieber gezielt unterwanderte. In jeden dieser Vereine, natürlich auch in Maud Gonnes republikanische Frauentruppe `Töchter Erins´, wurden IRB-Aktivisten eingeschleust, die nach einer Anfangsphase der Indoktrination (bzw. der Stärkung bereits vorhandener Tendenzen) in Führungspositionen aufstiegen. Douglas Hyde beobachtete diese Entwicklung mit großer Sorge und trat in letzter Konsequenz 1915 vom Amt des Vorsitzenden der`Gaelic League´ zurück.

T.J. Clarke

Thomas James Clarke (1857 – 1916) – „Kommandant Clarke wünschte Tee“, wie es bei Roddy Doyle heißt – war eine Schlüsselfigur des Osteraufstands, Spitzenfunktionär der IRB und Mitglied ihres Militärrates. In England hatte man ihn 1883 mit einem Köfferchen flüssigen Sprengstoffs verhaftet und zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Nach 15 Jahren kam er wieder frei, emigrierte 1899 nach Amerika und kehrte 1907 mit dem Auftrag nach Dublin zurück, die Republikanische Bruderschaft in Irland neu zu organisieren. Zur Tarnung eröffnete er einen Zeitungs- und Tabakwarenladen in der Great Britain Street (heute Parnell Street), von dem aus er ein Netzwerk von Kontakten knüpfte. „Die alte Organisation gab es zwar noch, aber ihre Führung lag in den Händen einiger älterer Herren, die von Zeit zu Zeit zusammenkamen, um in Kneipen ihre revolutionären Lieder zu singen. Clarke… hielt nicht viel von diesen alten Herren. Er warb junge aktive Mitglieder an und ließ sie einen Treueid auf die kommende irische Republik schwören… Dank seiner früheren Verdienste und der finanziellen Unterstützung durch Clan-na-gael gelang es Clarke, sich den Weg zur Spitze der Republikanischen Bruderschaft zu erkämpfen. Er gab der Bewegung einen rein militärischen Charakter und bildete ihre Mitglieder für die kommenden revolutionären Aktionen aus“ (Alf Aberg). Dabei wirkte er mit seinem schmächtigen Körperbau, der Nickelbrille und dem buschigen Schnurrbart völlig harmlos, eher wie ein Bücherwurm, ein weltfremder Intellektueller.

Seán Mac Diarmada (1884-1916), zuerst Gärtner, dann Trambahnfahrer, kam 1908 nach Dublin, wie Clarke im Auftrag der IRB, um die Organisation `wiederzubeleben´. Sie wurden enge Freunde und arbeiteten bei der Rekrutierung neuer Mitglieder zusammen. 1914 hielt er eine feurige Rede gegen die Teilnahme irischer Freiwilliger am 1. Weltkrieg und ihre `sklavische pro-britische Haltung´, die ihm eine dreimonatige Gefängnisstrafe einbrachte.

Joseph Mary Plunkett (1887-1916) war Dichter, Gelehrter, Co-Direktor des Irish Theatre und Mitherausgeber der Irish Review. In seinem Haus in einem Vorort von Dublin befand sich ein geheimes Waffenlager. Er litt unter Drüsentuberkulose im Endstadium und hatte sich von seinem Krankenlager aufgerafft, um am Aufstand teilzunehmen.

Thomas MacDonagh (1878 – 1916), ein weiterer Rebellenliterat, leitete gemeinsam mit Plunkett das Irish Theatre in der Hardwicke Street; sein Drama When Dawn is Come wurde 1908 am Abbey Theatre uraufgeführt. Bei einem Aufenthalt auf den Aran-Inseln lernte er den Dichter Pádraic Pearse kennen, der ihn davon überzeugte, der IRB beizutreten.

Eamonn Ceannt (1881-1916), Irischlehrer der Gaelic League, Stadtkämmerer der Dublin Corporation, ein Meister auf dem irischen Dudelsack (uilleann pipes), IRB-Mitglied seit 1908, 1913 Mitbegründer der Freiwilligenmiliz und Kommandant ihrer vierten Batallion; neben Clarke und Pearse einer der drei Hauptstrategen des Aufstands.

Pádraic Henry Pearse (1879-1916), Rechtsanwalt, Journalist, Idealist, Herausgeber der Wochenzeitschrift der Gälischen Liga, An Claidheamh, Leiter der zweisprachigen Schule St. Enda in Rathfarnham, IRB-Mitglied seit 1912, Verfasser von Theaterstücken, Gedichten, (sehr anrührenden und lesenswerten) Kurzgeschichten und Essays auf englisch und irisch. Die große Liebe seines Lebens war eine Studentin, die auf tragische Weise ertrank. Nach ihrem Tod leistete er mit seinem jüngeren Bruder Willie einen heiligen Eid, Irland zu befreien oder bei dem Versuch zu sterben. Diese Gelegenheit kam, als er 1916 Oberkommandierender der Freiwilligenverbände des Osteraufstands und Präsident der provisorischen Regierung der Republik wurde.

Auf den siebten Unterzeichner ihrer Proklamation, die Pearse vor dem Hauptpostamt verlas, James Connolly (1868-1916),Gewerkschaftsführer der Irish Transport and General Worker´s Union und Gründer der Irish Socialist Republican Party, wird im weiteren Verlauf der Ereignisse noch zurückzukommen sein; er stieß erst relativ spät zum `Kreis der Verschwörer´.

(Eoin MacNeill)

Das Hauptinteresse der IRB galt den Irish Volunteers, jener Freiwilligenmiliz, die 1913 von Eoin MacNeill – als Reaktion auf die militanten Ulster Volunteers der Anti- Home Rule-Bewegung in Nordirland – gegründet worden war. Mac Neill, ein Professor für frühe irische Geschichte am University College Dublin, war ein angesehener Gelehrter mit moderaten politischen Ansichten, jedenfalls kein Extremist; aber natürlich trug die Freiwilligenbewegung von Anfang an radikal republikanische Züge, und natürlich mischte die IRB auch von Anfang an kräftig mit. Die IRB, ob dies Mac Neill bewußt war oder nicht, war bereits maßgeblich an der Gründung der Irish Volunteers beteiligt, stellte einerseits sowohl Ausbilder als Rekruten, rekrutierte andererseits aus den Reihen dieser schnell wachsenden, 1914 ca. 160.000 Mann starken Truppe neue Mitglieder.

Daraus ließe sich folgern, Mac Neill sei nur eine Marionette gewesen, die vertrauenserweckende Galionsfigur, die dem `wichtigsten Instrument des Umsturzes´ den Anschein von Solidität geben sollte. Man sollte jedoch den Einfluß der IRB auf die Irish Volunteers nicht überschätzen. Diese waren ja kein stehendes Heer, sondern setzten sich aus über das ganze Land verstreuten Reservisten zusammen, die sich verpflichtet hatten, ihr Vaterland im Ernstfall eines Bürgerkrieges gegen die protestantischen Home Rule-Gegner zu verteidigen. `Defence, not Defiance´ hieß die Devise, `Verteidigung, nicht Herausforderung´; es ging darum, auf einen Angriff der Ulster Volunteers angemessen reagieren zu können, keineswegs darum, einen bewaffneten Aufstand gegen die britische Besatzungsmacht vom Zaum zu brechen. Ganz im Gegenteil.

Wie sehr sich die IRB verrechnet hatte, zeigte sich nach Ausbruch des 1. Weltkrieges: John Redmond, der Führer der irischen Parlamentsfraktion, forderte Irland auf, auf der Seite Englands gegen Deutschland zu kämpfen, um so gewissermassen durch `gute Führung´ die in Aussicht gestellte, bereits mit der `Third Home Rule Bill´ gesetzlich verankerte Selbstverwaltung endlich Realität werden zu lassen. Von den 160.000 Freiwilligen verweigerte nur ein Bruchteil von 11.000 den Dienst in der britischen Armee. Und selbst von diesen 11.000 gelang es den Organisatoren des Osteraufstandes schließlich nur etwa 1000 zu mobilisieren. Daran läßt sich ablesen, daß die Wirkung der IRB trotz aller Bemühungen und `Infiltrationen´ im Endeffekt doch nur eine sehr begrenzte war.

Die Irish Volunteers, die sich nun stolz `National Volunteers´ nannten und für Großbritannien in den Krieg zogen, mußten bald erkennen, daß man ihre Dienste geringer schätzte als die der Ulster-Protestanten. Katholische Iren durften nicht in geschlossenen Verbänden kämpfen, auch nicht unter eigenen Fahnen; und sie wurden im sinnlosen Stellungskrieg eher `verheizt´ als ihre königstreuen Kameraden aus dem Norden. Den meisten kam jetzt erst schmerzlich zu Bewußtsein, daß Irland bereits ein geteiltes Land war.

Die auf der Insel Verbliebenen galten dagegen bei einem großen Teil der Bevölkerung als `Drückeberger´, die sich weigerten, ihren Beitrag zur Home Rule zu leisten, indem sie sich als verläßliche Partner Englands erwiesen. Noch gingen die europäischen Nationen ja von einer raschen Beendigung des Krieges aus, und danach würde alles besser werden. Viele arbeitslose junge Iren, die kein Kanonen-futter sein wollten, sahen das allerdings anders und versuchten, in die USA zu emigrieren, da sie eine spätere Zwangsrekrutierung befürchteten. An dem Verdacht schien was dran zu sein – die britische Regierung reagierte prompt auf die Emigrationswelle und erschwerte die Ausreisebedingungen. Diese Maßnahmen hatten einen unbeabsichtigten Nebeneffekt: sie trieben den Irish Volunteers in Irland Scharen neuer Mitglieder zu, jener Minderheit also, die wie Roger Casement der Ansicht waren, „Die Iren haben kein Blut abzugeben für irgend ein anderes Land, für irgend eine andere Sache als für Irland.“

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Casements Geheimmission in Deutschland

Casement (1864-1916), in Sandycove bei Dublin geboren, stammte aus einer gutsituierten, protestantischen Familie und hatte, ehe er für die irische Sache kämpfte, ein abenteuerliches Leben geführt. Mit zwanzig ging er nach Afrika, wo er als Landvermesser tätig war, Elefanten jagte und Forschungsreisen in den tiefsten Urwald unternahm, bevor er in den Dienst der britischen Regierung eintrat.

Es folgte eine steile Karriere als Konsulatsbeamter im Kongo. Er wurde sogar wegen seiner Verdienste geadelt – was ihn befremdete, denn er hatte inzwischen die Schattenseiten englischer Kolonialpolitik kennengelernt und scheute nicht davor zurück, sie publik zu machen. Sein `Kongo-Report´, in dem er auf die brutale Ausbeutung afrikanischer Arbeiter in den Gummiplantagen hinwies, schlug 1903 wie eine Bombe ein, ebenso der `Putumayo-Report´ von 1911, in dem er ähnliche Mißstände im Dschungel des oberen Amazonas anprangerte. Zwar führte sein Engagement in Teilbereichen zu Reformen, ließ ihn aber als `Nestbeschmutzer´ für den Staatsdienst untragbar werden, den er ohne Bedauern quittierte. 1913 kehrte er nach Irland zurück, wo sich sein Eindruck bestätigte, daß die Engländer auch in diesem Land nicht viel mehr als eine Kolonie sahen. Er trat Douglas Hydes `Gälischer Liga´ bei und war an der Gründung der Irish Volunteers beteiligt, deren `recruiter-in-chief´ und Schatzmeister er wurde. So kam er in Kontakt mit der IRB, die in ihm einen Mitstreiter mit diplomatischer Erfahrung und, durch sein Eintreten für die Menschenrechte in Afrika und Südamerika, auch von hohem internationalen Renommée fanden.

Von der bis zur Beendigung des Weltkriegs ausgesetzten Home Rule war nicht viel zu erwarten. Die hatte England immer wieder versprochen, um dann doch wieder auf Druck der Protestanten einzuknicken, wenn es ums Eingemachte ging. Bestenfalls lief es auf ein paar weitere, fadenscheinige Kompromisse hinaus. Man würde den Iren vielleicht etwas mehr Leine geben, aber sie niemals von der Leine lassen. Das `Selbstbestimmungsrecht Irlands unter den freien Nationen der Welt´ stellte sich die Irisch Republikanische Bruderschaft anders vor.

Also beschloss sie, nach der alten Maxime, daß „Englands Krieg Irlands Chance bedeutet“ zu handeln und begann mit der Planung einer großangelegten, die ganze Insel umfassenden Revolution. Der Zeitpunkt hing nur noch von einer geheimen Mission ab, mit der man Roger Casement betraute: er sollte, natürlich unter falschem Namen, von Amerika über Norwegen nach Deutschland reisen, Verbindung mit dem Generalstab, womöglich sogar mit dem Kaiser persönlich aufnehmen und um Unterstützung für den irischen Freiheitskampf werben. In der gegenwärtigen Situation erfüllte aus britischer Sicht allein der Gedanke den Tatbestand des Hochverrats.

(Only extant footage of Roger Casement)

Im nachhinein erscheint diese Vorgehensweise ziemlich naiv. Daß Deutschland Truppen von der Front abziehen würde, um Irland uneigennützig zur Unabhängigkeit zu verhelfen, darauf hofften wohl nicht einmal die schwärmerischsten Köpfe der IRB. Man war sich durchaus der Gefahr bewußt, im Falle eines deutschen Sieges nur eine Besatzungsmacht durch eine andere einzutauschen. Daher bestand Casement auch auf einer offiziellen, `kategorischen´ Erklärung des Auswärtigen Amtes in Berlin, des Inhalts, „daß die deutsche Regierung nur das Beste des irischen Volkes, seines Landes und seiner Institutionen wünscht. Die kaiserliche Regierung erklärt in aller Form, daß unter keinen Umständen Deutschland in Irland einfallen wird mit der Absicht, es zu erobern oder eine der angestammten Institutionen dieses Landes zu beseitigen. Sollte in diesem großen Kriege, den Deutschland nicht gewollt hat, das Glück es jemals mit sich bringen, daß deutsche Truppen an den Gestaden Irlands landen, so würden sie dort landen nicht als eine Armee von Eindringlingen, die plündern und zerstören, sondern als Streitkräfte einer Regierung, die einem Lande und einem Volke gegenüber, dem Deutschland nur nationale Entfaltung und nationale Freiheit wünscht, von nichts als von Wohlwollen geleitet ist.“ Hm… `Sollte das Glück es jemals mit sich bringen, daß deutsche Truppen an den Gestaden Irlands landen…´ Nicht auszuschließen, daß die Formulierer dieser Note wirklich nur die besten Absichten hatten.

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916/ Banna Strand: Irish Rebel Song

Juni 14, 2012

Casement, erfahren auf diplomatischem Parkett, suchte wohl eher ein militärisches Eingreifen Deutschlands mit allen Mitteln zu verhindern. Die Trumpfkarte, mit der er winkte, war die Ablenkung der Briten auf einen neuen und unerwarteten Kriegsschauplatz. Für diese Ablenkung benötigte Irland Waffen, vielleicht ein wenig logistische Betreuung, verbunden mit der Freilassung irischer Kriegsgefangener, die sich dem Freiheitskampf anschließen konnten.

Dabei hatte er alle Mühe, die Aufmerksamkeit und Nachstellungen des British Secret Service, der ihm seit 1911 auf den Fersen saß, von sich selbst abzulenken. Sir Roger Casements Tagebuchaufzeichnungen `Meine Mission nach Deutschland während des Krieges´ sind eine überaus spannende Lektüre, eine Mischung aus Sherlock Holmes und James Bond, mit allen Mordanschlägen, Intrigen, Dunkelmännern, Detektiven, Tarnungen, Taxiverfolgungsjagden und `Entkömmnissen um Haaresbreite´, die das Herz des Liebhabers von Kriminalromanen höher schlagen lassen – allerdings mit dem Vorzug der Authentizität.

Nur wurde leider nichts daraus. Der asketisch wirkende, hochgewachsene, voll-bärtige Ire, jeder Zoll ein Gentleman, wurde hoffiert, herumgereicht, hingehalten und schließlich damit abgespeist, daß man ihm lediglich gestattete, eine kleine Brigade aus irischen Kriegsgefangenen zusammenzustellen. Nach so viel Hoffnungen, nicht eingehaltenen Zusagen und über zweijährigen Bemühungen war seine Mission gescheitert. Auch hatte er den Eindruck, daß er nicht länger das volle Vertrauen der `Organisation´ genoß, der IRB und des amerikanischen Clan-na-Gael.

„Die Deutschen lügen immerzu,“ schrieb er verbittert, „halten sich an ihre Abmachungen oder auch nicht; aber ich habe keinen Grund zu der Annahme, daß sie jemals an uns oder andere denken, sondern stets nur an sich selbst. Sie haben ihr Wort mir gegenüber wiederholt gebrochen, das Schicksal Irlands ist ihnen völlig gleichgültig, und wenn sie etwas versprechen, so nur im Hinblick auf ihren eigenen Vorteil.“ Zu diesem Zeitpunkt, im Oktober 1915, traf Robert Monteith in Deutschland ein, ein Ex-Offizier der Irish Volunteers, den Thomas Clarke als Ausbilder für die Irische Brigade geschickt hatte. Monteith fand Casement in einem gesundheitlich und nervlich sehr angeschlagenen Zustand vor; als sich sich begegneten, „drehte er seinen Kopf zur Wand und weinte.“ Im März 1916 wurde Monteith, nicht Casement, ins Hauptquartier des Generalstabes in Berlin zitiert. Dort teilte man ihm mit, man wisse aus sicherer Quelle, daß in Irland während der Osterfeiertage ein Aufstand geplant sei; diesen wolle man mit 20.000 Gewehren, 10 Maschinengewehren und 1 Million Schuß Munition unterstützen.

Das lange Warten auf einen Erfolg Casements hatte den `Militärrat´ der IRB in Dublin zermürbt. Thomas Clarke, Pádraic Pearse und die anderen Köpfe der Verschwörung waren nunmehr bereit, mit oder ohne deutsche Hilfe loszuschlagen, um endlich ein Zeichen zu setzen und ein `Blutopfer´ zu bringen. Ohne ausreichende Bewaffnung war das natürlich der schiere Wahnsinn. Die Führung der IRB in den USA hätte einer so selbstmörderischen Aktion niemals zugestimmt, und auch Eoin Mac Neill, der Oberste Chef der Irish Volunteers, durfte natürlich nichts davon erfahren. Der britische Geheimdienst, über jeden Schritt Casements unterrichtet und dieser Tage besonders wachsam, hörte Funksprüche ab; Marineschiffe patrouillierten die irische Küste. Die Situation erforderte äußerste Geheimhaltung, was die Gefahr von Pannen und Fehlinformationen erhöhte. Trotzdem war es gelungen, die Nachricht von einem geplanten Aufstand nach Berlin durchsickern zu lassen, um Casements Forderungen Nachdruck zu verschaffen.

Der war entsetzt, als Monteith ihn darüber unterrichtete. Ein wirksamer Befreiungsschlag gegen die Großmacht England ließ sich mit dem deutschen Almosen von 20.000 Gewehren nicht durchführen. Dieser wahnwitzige Plan mußte unter allen Umständen verhindert werden. Er hatte außerdem den Eindruck gewonnen, daß die Deutschen zwar daran interessiert waren, die Briten vom Kriegsschauplatz abzulenken, die irische Revolution ihnen dabei aber nur als Mittel zum Zweck diente – ja, daß sie ihr Scheitern dabei billigend in Kauf nahmen.

Ein Wettlauf mit der Zeit begann. Der Frachter Libau mit der Waffenladung war unter dem Namen `Aud´ und norwegischer Flagge bereits von Lübeck ausgelaufen. Casement verriet nichts von seinem Vorsatz, es gar nicht erst zu dem Aufstand kommen zu lassen. Die Gewehre konnte man immer noch zu einem späteren Zeitpunkt gebrauchen, wenn Planung, Bewaffnung und Logistik Aussicht auf eine erfolgreiche Erhebung versprachen. Die Militärs des Kaiserreiches waren allerdings mißtrauisch geworden, ob ihre Strategie aufgehen würde.

Im April 1916 brachte ein deutsches U-Boot Casement, Monteith und einen weiteren Gefährten, Daniel Bailey aus der Kriegsgefangenenbrigade, von Wilhelmshafen bis dicht vor die irische Westküste, zum Banna-Strand in der Nähe von Tralee. Es hätte einen guten Vorsprung vor dem Frachter gehabt, wäre der Kommandant nicht von der Admiralität instruiert gewesen, auf keinen Fall vor dem 20. April anzukommen, also zeitgleich mit der `Aud´: der Generalstab wollte offenbar auf Nummer sicher gehen, daß Casement keine Dummheiten machte. Der war während der Überfahrt die meiste Zeit seekrank und erkundigte sich nur ab und zu besorgt, warum man nur so langsam vorankam. Die Erklärungen klangen plausibel, schließlich herrschte Krieg.

Von nun an galt das Murphy´sche Gesetz: Was schief gehen kann, geht schief. Die Informationslage auf Seiten aller irischen Beteiligten war desaströs. Casement ging davon aus, daß Eoin MacNeill, der Führer der Irish Volunteers, über den geplanten Aufstand unterrichtet war, doch der hatte keine Ahnung – höchstens eine leise Vorahnung. Die in den Waffentransport Eingeweihten nahmen an, daß die `Aud´ (die über keine Funkanlage verfügte) erst am 23. April eintreffen werde, wahrscheinlich ein Mißverständnis durch mangelhafte Übermittlung. So standen auch keine Leute bereit, die Gewehre in Empfang zu nehmen.

(Karl Spindler)

Karl Spindler, der Kapitän des Frachters, kreuzte über 24 Stunden unschlüssig vor der Küste, bis einige Kriegsschiffe der Royal Navy auf ihn aufmerksam wurden und ihn in die Zange nahmen. Er sah nun keinen anderen Ausweg mehr, als seine Mannschaft in die Rettungsboote steigen zu lassen und die `Aud´ durch Sprengung zu versenken.

(The `Aud´ Deep Down)

Einige viel zu spät losgeschickte Irish Volunteers fuhren in ihrem Wagen mit überhöhter Gesschwindigkeit zum Banna Strand. Der Fahrer verlor in einer Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug, das über die Klippen ins Meer stürzte. Drei der vier Insassen ertranken.

Casement, Monteith und Bailey wurden in der Nacht des 21. April von der deutschen U-19 in einem Dingi ausgesetzt, einer „Nußschale“, die sie an Land bringen sollte. Das Beiboot kenterte in der Brandung; die drei Männer konnten sich mit Mühe und Not an den Strand retten. Casement war ohnmächtig geworden; „er lag im fahlen Mondlicht da wie ein schlafendes Kind, während die Brecher über ihn hinweggingen,“ erinnerte sich Monteith. Seine Gefährten schleppten ihn zu McKenna´s Fort, den Resten einer alten Wikingerbefestigung, wo sie ihn gegen eine Mauer lehnten, und beschlossen, in Tralee ein Auto aufzutreiben, um ihn abzuholen. Kurz nachdem sie fort waren, wurde ein Polizist der Royal Irish Constabulary, der zufällig vorbeifuhr, auf das in den Wellen treibende Beiboot aufmerksam. Er suchte mit der Taschenlampe die Gegend ab und stieß dabei auf Casement, der inzwischen wieder bei Bewußtsein war und ihm erzählte, er sei `ein englischer Schriftsteller, der hier nur einen Spaziergang mache´.

`In klatschnasser Kleidung?´ fragte der Konstabler und nahm ihn fest.

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Verwirrung

Als Geheimagent war Casement nicht sonderlich begabt. Er hatte sich zwar den Bart abrasiert, aber man fand bei seiner Durchsuchung im Gefängnis von Tralee eine Schlafwagenfahrkarte Berlin-Emden und ein Tagebuch in einem leicht dechiffrierbaren Code. Bevor er zwei Tage später, am Ostersonnabend, unter strengster Bewachung nach London überstellt wurde, gelang es ihm jedoch noch, den Priester F. M. Ryan, der ihn in seiner Zelle besuchte, davon zu überzeugen, MacNeill eine Warnung zu übermitteln: er müsse den Aufstand unbedingt stoppen. Aufstand? dachte MacNeill, als er die Botschaft erhielt, was für ein Aufstand? Aber die Nachricht bestätigte nur seine Befürchtungen. Für Ostersonntag war ein großes Manöver der Irish Volunteers in Dublin geplant, und er hatte schon seit Tagen den Verdacht gehabt, daß Pearse, Clarke und die anderen Hardliner hinter seinem Rücken etwas im Schilde führten. Das Manöver war von Pearse organisiert worden, dieser Sanftmut in Person, mit dem er gestern noch so nett geplaudert und der all seine Bedenken zerstreut hatte. Eine Katastrophe stand bevor, und die Uhr tickte. Es war Samstag Mittag. MacNeill gab im Sunday Independant telegraphisch eine ganzseitige Anzeige auf, in der alle Befehle zur Mobilisierung der Freiwilligen widerrufen wurden – „Die Volunteers wurden betrogen! Sämtliche Befehle für die geplante Übung sind hiermit gegenstandslos. Bis auf weiteres beteiligt sich niemand an irgendwelchen Aktionen!“ – und berief für Sonntagmorgen eine Krisensitzung ein.

Was natürlich zu allgemeiner Verwirrung führte. Auch die Rädelsführer mußten schnell reagieren. Die Ereignisse überschlugen sich. Wenn alles glatt gegangen wäre, hätte man wenigstens über die sehnlichst erwarteten 20.000 Gewehre von der `Aud´ verfügen können, aber das schien nicht geklappt zu haben, man wußte noch nicht genau, wieso und warum, und offenbar hatte MacNeill ihre Absichten durchschaut. Das große, von den Behörden genehmigte Manöver wäre die Gelegenheit gewesen, einige strategisch wichtige Punkte der Stadt zu besetzen und Tausende Irish Volunteers vor die Wahl zu stellen, ob sie mitmachen wollten oder nicht. Die meisten hätten mitgemacht, davon waren Clarke und Pearse überzeugt, aber das ging nun nicht mehr, man mußte kurzfristig umdisponieren, und das Ganze auf den Ostermontag verlegen. Das hieß, daß man nicht mehr mit dem erhofften Domino-Effekt rechnen konnte, dem Flächenbrand von einem Zentrum aus, der sich, mit Ausnahme Ulsters, wohl über die gesamte Insel ausgebreitet hätte, sondern daß man von Anfang an auf verlorenem Posten stand, mit einem `Fähnlein der Aufrechten´, einer Schar von Idealisten, die sich für Irland opferten. Manche wußten, daß sie in den Tod gingen, viele dachten, daß es so schlimm doch nicht werden könne.

Der schnauzbärtige Gewerkschaftsführer James Connolly zum Beispiel. Eine kapitalistische Macht, glaubte er, würde niemals Privateigentum zerstören, niemals das wirtschaftliche Zentrum Dublins bombardieren, die O´Connell-Street mit ihren britischen Banken und Geschäftshäusern. Da täuschte er sich aber gewaltig.

Nach dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen die Teilnehmer der Larkin-Demonstration von 1913  hatte Connolly die Irish Citizen Army gegründet, eine Schutztruppe der Arbeiter vor behördlicher Gewalt. Sean O´ Casey war zunächst einer ihrer leitenden Offiziere gewesen, schied aber aus, als er Connollys größenwahnsinnige Absichten erkannte. Der war bitter enttäuscht über das Scheitern der sozialistischen Internationale, den Weltkrieg zu verhindern, enttäuscht auch über die in seinen Augen zögerliche Haltung der IRB, den Kriegsausbruch für die irische Sache zu nützen. Er wollte, wenn es sein mußte, an der Spitze seiner 250 Mann starken Armee selbst einen Aufstand beginnen, „um einen europäischen Brand zu entfachen, der nicht löschen wird, ehe nicht der letzte Thron und kapitalistische Schuldschein und Pfandbrief auf dem Scheiterhaufen des letzten Warlords zu einem Häufchen Asche…“ blablabla. Mit solchen Sprüchen ging er in seiner Zeitung Worker´s Republic so lautstark hausieren, daß ihn die Organisatoren des Aufstands lieber frühzeitig in ihre Pläne einweihten, statt zu riskieren, daß durch Connollys Gepoltere alles aufflog. Im übrigen konnten sie 250 entschlossene Männer gut gebrauchen.


Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916/ The GPO 1916

Juni 14, 2012

Es geht los

24. April 1916, Ostermontag. „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“. Eigentlich war der Aufstand gut vorbereitet gewesen, wenn man ihn nicht um einen Tag hätte verschieben müssen, wenn alle 11.000 Irish Volunteers nach Dublin gekommen wären, wenn der Waffentransport nicht gescheitert wäre, wenn, wenn, wenn. Als die Kommandeure am Morgen zu einer ersten Lagebesprechung und Feststellung der Truppenstärke zusammentrafen, bot sich ihnen ein ernüchterndes Bild. Die meisten Freiwilligen waren in der Konfusion widersprüchlicher Befehle gar nicht erst erschienen, selbst die nicht, mit denen man fest gerechnet hatte. Sogar von Connollys Irish Citizen Army hatten sich nur 118 Mann eingefunden, knapp die Hälfte. (Auf die bald von Patrioten gern gestellte Frage „Wo warst Du 1916?“ antworteten viele Iren schlagfertig: „Unterm Bett – genau wie Du.“) Insgesamt kam man auf nicht viel mehr als 1000 Rebellen, und die waren, milde ausgedrückt, unzureichend bewaffnet. Ein Himmelfahrtskommando, wenn auch mit kurzer Schonfrist: Von den über 3000 in Dublin stationierten britischen Soldaten und Polizisten der Royal Irish Constabulary war während der Feiertage nur ein Bruchteil in Dublin geblieben, die anderen vergnügten sich bei Pferderennen und ähnlichen Veranstaltungen. Wenigstens dieser Teil des Plans schien aufgegangen. Strategisch wichtige Gebäude, auch Dublin Castle, waren kaum bewacht. Eigentlich hätten Regierung und Geheimdienst durch die Verhaftung Casements und die Ereignisse am Banna Strand alarmiert sein müssen, aber offenbar glaubte man, daß da ein großer Fisch ins Netz gegangen sei und es vorerst keinen weiteren Anlaß zur Besorgnis mehr gebe.

Die Rebellen begannen Abteilungen zu bilden, um verschiedene Häuser und Plätze zu besetzen, etwa das Gerichtsgebäude The Four Courts an der Liffey. Der Park Stephen´s Green sollte als Heerlager dienen und wurde von der Citizen Army abgeriegelt. Eamon de Valera, der spätere Minister- und Staatspräsident des Freistaats Irland, bezog mit seiner Abteilung Stellung in der Großbäckerei Boland´s Mill, um von hier die Südostflanke Dublins gegen die Briten zu verteidigen – sobald die Armee anrückte, womit in den nächsten Tagen zu rechnen war. Dreißig Volunteers wurden zum Magazine Fort abkommandiert, einem Waffenlager am Gipfel eines Hügels im Phoenix Park. Sie taten so, als spielten sie Fußball und kickten dabei den Ball wie zufällig immer näher an den Wachtposten heran, der ihnen neugierig zusah. Als er merkte, was wirklich gespielt wurde, war es schon zu spät. Auch die Soldaten innerhalb des Forts wurden völlig überrascht und ließen sich widerstandslos entwaffnen. Nachdem das Arsenal evakuiert und geräumt war, jagte ein Sprengstoffexperte die Pulverkammer in die Luft. Die Explosion sollte der klangvolle Auftakt des Easter Rising sein, es gab aber bloß eine dumpfe Detonation, deren Schallwelle nicht sonderlich weit trug.

James Connolly hörte sie nur, weil er so angespannt gelauscht hatte. Er sah auf seine Taschenuhr und sagte: „Na, dann wollen wir mal.“ Ein gewisser W.J.Brennan-Whitmore, der zu seiner Kompanie der Citizen Army gehörte, erinnerte sich:

„Als wir am Haupteingang des General Post Office in der Mitte der O´Connell Street angelangt waren, rief der Kommandeur: `Kompanie halt. Links um!.´ Collins und ich wußten, was jetzt geschehen würde und kamen den Ereignissen ein wenig zuvor, indem wir uns bei Plunkett einhakten und mit ihm zum Eingang liefen. Dann hörten wir schon Connollys laute Rednerstimme hinter uns: `Besetzt das Postamt!´ Es war gut, daß wir etwas schneller gewesen waren, denn es hätte Plunkett  leicht umreißen können, als die ganze Truppe mit einem wilden Siegesschrei auf das Tor zustürzte. Der große Schalterraum war voller Kunden und Bankbeamten. Als wir hereinkamen, hörten wir wieder Connolly in sehr entschlossenem Tonfall brüllen: `Alles `raus´.

Einen Moment lang herrschte verblüfftes Stille. Für Sekundenbruchteile schien es, als hätten die Anwesenden es so verstanden, daß sein Befehl an die eigenen Leute von der Citizen Army gerichtet sei. Als man begriff, daß die Aufforderung allen übrigen gegolten hatte, liefen die Leute panikartig zu den Ausgängen. Viele Schalterbeamte standen einfach auf und verdrückten sich, ohne auch nur ihre Mäntel und Hüte mitzunehmen. Sobald die Schalter verlassen waren, ließ sich erneut Connollys Stimme vernehmen: `Fenster einschlagen und verbarrikadieren.´

Diesem Befehl kamen wir mit großem Vergnügen nach. Von draußen übertönte eine durchdringende Frauenstimme das Getöse: `Herr im Himmel, die Mistkerle zertöppern ja all das schöne Glas!´“ (Die Scheiben wurden zertrümmert, um die Rebellen im Inneren des Postgebäudes bei dem zu erwartenden Feuergefecht nicht zusätzlich durch herumfliegende Glassplitter zu gefährden.)

(Illustration: Peter Dennis)

W.B. Yeats: Easter 1916/ Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916/ Scene from `Michael Collins´

Juni 14, 2012

(Illustration: Peter Dennis)

Eine schreckliche Schönheit

Allein schon ein Blick auf das Todesjahr der Unterzeichner der `Proklamation der Provisorischen Regierung der Irischen Republik´, Clarke, Pearse, Connolly, Mac Diarmada, Plunkett, MacDonagh und Ceannt – und noch vieler, vieler anderer – es ist immer dasselbe, 1916 – bestätigt den unvermeidlichen Ausgang dieser seltsam realitätsfernen Revolte. Bis heute sind sich die Historiker uneinig, ob ihr Scheitern nicht bereitsTeil ihrer Strategie war.

Zur Kapitulation entschloß man sich übrigens nicht, weil die Rebellen das brennende Postamt verlassen mußten und die Ausweglosigkeit ihrer Lage erkannten, wie oft behauptet wird. Clarke, Pearse, der bereits schwerverwundete Connolly und die anderen wollten sich zum nächsten Stützpunkt am Gerichtsgebäude Four Courts durchschlagen, als sie Zeugen einer erschütternden Szene wurden: Eines der umliegenden Gebäude, der Pub `The Flag´, war ebenfalls in Brand geschossen worden, und der Wirt, Robert Dillon, seine Frau und seine Tochter kamen auf die Straße und schwenkten eine weiße Fahne. Ein übereifriger englischer Soldat mähte die Familie mit seinem Maschinengewehr nieder. Die meisten zivilen Todesopfer waren unbeteiligte Dubliner Bürger, die das Pech hatten, in der O´ Connell Street in der Nähe des GPO zu wohnen und die von vorrückenden Truppen ohne viel Federlesens in ihren Häusern erschossen wurden. Der Aufstand kostete insgesamt 132 britische Soldaten und Polizisten der Dublin Metropolitan Police, 64 Rebellen und 254 Zivilisten das Leben; etwa 2000 Zivilisten wurden verwundet.

In einem Abschiedsbrief vom 1. Mai 1916 schrieb Pearse an seine Mutter: „…Ich weiß nicht, was Du gehört hast seit dem letzten Schreiben, das ich Dir aus der Hauptpost geschickt habe… Wir beschlossen, um ein weiteres Gemetzel unter der Bevölkerung zu verhindern und in der Hoffnung, das Leben unserer Anhänger zu retten, mit dem kommandierenden General der britischen Truppen in Verhandlungen zu treten. Er erwiderte, er würde mich nur empfangen, wenn ich bedingungslos kapitulierte, und das tat ich.

Ich wurde in das Hauptquartier des britischen Oberbefehlshabers in Irland gebracht und schrieb und unterzeichnete dort einen Befehl an unsere Leute, ihre Waffen niederzulegen.

All dies tat ich in Übereinstimmung mit dem Entschluß unserer provisorischen Regierung… Ich persönlich hätte lieber einen letzten verzweifelten Ausfall gewagt, ehe wir in die Verhandlungen eingetreten wären, aber ich beugte mich dem Mehrheitsbeschluß… Unsere Hoffnung und unser Glaube ist, daß die Regierung das Leben unserer Anhänger verschonen wird, aber wir erwarten nicht, daß sie das Leben der Anführer schonen wird. Wir sind bereit zu sterben, und wir werden froh und stolz sterben. Ich wünsche nicht einmal zu leben…

Du mußt darüber nicht bekümmert sein. Wir haben Irlands Ehre und unsere eigene gerettet… Die Leute sprechen jetzt hart von uns, aber die Nachwelt wird sich unserer erinnern und ungeborene Generationen werden uns segnen…“

Prophetische Worte: Wie schon so oft in der irischen Geschichte war es auch dies-mal weniger das Ereignis der Rebellion selbst, als vielmehr die Reaktionen darauf, die eine weitreichende Veränderung bewirkten. Am Tag der Entwaffnung, erinnerte sich O´ Casey, „hatte sich der Himmel schwarz überzogen, und Regen strömte her-ab… Die stille, leere Straße kommen kleine Menschengruppen dahermarschiert. Sie sind erschöpft, abgerissen und todmüde, die hungrigen Schatten der schmucken… und zuversichtlichen `Freiwilligen´, die vor einer Woche in die entgegengesetzte Richtung marschiert waren…Der heiße bittere Brodem von verkohltem Holz, Leder und Stoff brannte in der Nase. Auf der Straße verstreute, verkohlte Holzstücke, die in der Mitte noch rot glühten, knirschten unter ihren Tritten. Da kamen sie herab, bepackt mit Hunderten von Gewehren oder vor Maschinengewehrwagen gespannt, angestarrt von Tausenden von Soldaten, und stapelten ihre armseligen Waffen zu Haufen, und die Tommys waren baß erstaunt, daß man mit solch einem elenden Metallhäuflein versucht haben sollte, die Macht und Herrlichkeit von Englands bewaffneten Streitkräften zu überwinden.“ Die Stimmung in der Bevölkerung war fast einhellig gegen die Verlierer. In manchen Stadtvierteln ähnelte ihr von Begleitsoldaten abgeschirmter Zug einem Spießrutenlauf. Sie wurden von der Menge übel beschimpft und mit Schmutz und verrottetem Gemüse beworfen.Viele Dubliner hatten Häuser und Geschäfte verloren und ließen ihre Wut und Verzweiflung an den Gefangenen aus. Doch schon in den folgenden Tagen deutete sich ein Umschwung an. Der Kontrast zwischen der aufrechten, würdevollen Haltung der Führer des Aufstands, mit deren Ideen, Schriften und Lebensläufen man sich auseinanderzusetzen begann, und den brutalen Polizeistaatmethoden der britischen Regierung führte zu einer differenzierteren Betrachtung der Ereignisse.

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Sir John Maxwell, Oberbefehlshaber der Truppen und nun de facto Herrscher über ganz Irland, war schon von früheren Kriegseinsätzen für sein rücksichtsloses Vorgehen bekannt. 1898 hatte er nach der Schlacht von Omdurmam im Sudan verwundete Gegner füsilieren lassen, mit der Begründung, „daß man nur mit einem toten Fanatiker Mitleid haben könne.“ Eine andere Politik als die des `Exempel statuierens´ und `jeden Widerstand im Keim erstickens´ ging über seinen Horizont. Als besonders gravierend und strafverschärfend wurde die, wie Maxwell es nannte, „Verbindung mit deutscher Intrige und Propaganda“ gewertet, wie überhaupt der Verrat, England während des Weltkrieges in den Rücken gefallen zu sein.

Bevor Pádraic Pearse zusammen mit Thomas Clarke und Thomas MacDonagh den quälenden Reigen der Exekutionen eröffnete, die vom 3. bis 12. Mai dauerten, waren seine letzten Worte vor dem Standgericht:

„Ich nehme an, ich spreche hier zu Engländern, die ihre eigene Freiheit schätzen, und die vorgeben, für die Freiheit von Belgien und Serbien zu kämpfen. Glauben Sie mir, daß auch wir die Freiheit lieben und sie herbeisehnen. Sie scheint uns erstrebenswerter als alles andere in der Welt. Diesmal haben Sie uns besiegt, aber wir werden uns erneut erheben und den Kampf wieder aufnehmen. Sie können Irland nicht erobern; Sie können die irische Freiheitsliebe nicht auslöschen; wenn unsere Tat nicht ausreichte, den Frieden zu erringen, werden unsere Kinder ihn gewinnen, auf bessere Weise.“

Es war erst die überzogene Reaktion der Briten, die Welle der dem Aufstand folgenden Hinrichtungen und willkürlichen Verhaftungen, die in den Iren ein neues Bewußtsein ihrer Situation wachrief: das tägliche bange Warten auf die Vollstreckung der Todesurteile, die unnötigen Grausamkeiten, wie daß man die Leichen der Erschossenen den Verwandten nicht zur Beerdigung überließ, sondern sie in ungelöschtem Kalk zersetzte. Der schwer verwundete Connolly wurde aus dem Militärhospital in Dublin Castle zum Kilmainham-Gefängnis gebracht und, da er nicht mehr stehen konnte, auf einem Stuhl festgebunden und erschossen (er konnte sich im letzten Moment gerade noch aufrichten, um unerschrocken in die Gewehrmündungen zu blicken);

(Roger Casement bei seinem Prozeß)

Sir Roger Casement verurteilte man trotz vieler Proteste und Gnadengesuche (u.a. von W.B. Yeats, George Bernhard Shaw und Arthur Conan Doyle) in London zum Tod durch den Strang. Um zu verhindern, daß gerade er zum Märtyrer würde, scheute die Regierung nicht davor zurück, seine `geheimen Tagebücher´ zu veröffentlichen, die ihn als Homosexuellen auswiesen. Im prüden Klima jener Zeit brach damit, ähnlich wie im Fall Oscar Wildes, die Front seiner Verteidiger zusammen. In der Todeszelle schrieb er eine Botschaft an seine Landsleute: „Iren! Lebt selbstlos und sterbt tapfer für Irland, wie es die Männer von 1916 getan haben, und keine menschliche Gewalt, kein Empire und kein Gold kann euch die Freiheit vorenthalten. Irland ist angetreten, um das Unrecht zu bekämpfen, wie David den Goliath, allein, nur mit einem Kieselstein bewaffnet; und es hat, so bete ich zu Gott, die Macht und die Überheblichkeit und den Stolz Großbritanniens gebrochen. Das ist unsere Hinterlassenschaft; mögen die Lebenden darauf aufbauen und zu Ende führen, was wir begonnen haben.“

Bis zum 15. Mai waren im Kilmainham-Gefängnis fünfzehn Männer erschossen worden, darunter sämtliche Unterzeichner der Proklamation, und weitere fünfundsiebzig warteten auf ihre Hinrichtung. 3500 Iren wurden verhaftet und ohne Verfahren in englische Gefängnisse deportiert, die meisten in das Internierungslager Frongoch in Nordwales, das man später als `Sinn Fein´- Universität bezeichnete.

General Maxwell hatte in weniger als zwei Wochen aus einer paralysierten Nation eine Nation von glühenden Republikanern gemacht. „Wir kennen ihren Traum,“ schrieb W.B. Yeats in seinem berühmten Gedicht `Easter 1916´, „genug, / zu wissen daß sie träumten und sind tot; / Und was, wenn allzugroße Liebe / sie so verstörte bis sie starben?/ … Alles hat sich verwandelt, ganz und gar / eine schreckliche Schönheit kam zur Welt.“ Auch in den Versen vieler anderer zeitgenössischer Dichter kristallierte sich das allgemein Empfundene: „…For mine are all the dead men´s dreams“ (Francis Ledwidge); oder, bitterer, Sir Arnold Bax (`Dermot O´Byrne´):

„And when the devil made us wise / Each in his own peculiar hell, /With desert hearts and drunken eyes/ We´re free to sentimentalize/ By corners where the martyrs fell.“

(der sechste und letzte Teil fehlt leider aus urheberrechtlichen Gründen)

Frank Zumbach: Der Osteraufstand von 1916

Juni 14, 2012

Der britische Premierminister Herbert Asquith schien die Entwicklung vorauszusehen, vielleicht hörte er auch nur auf die wiederholten Warnungen von George Bernhard Shaw, „aus Rebellen keine Heligen zu machen“. Er kam persönlich nach Dublin, um die Exekutionen zu beenden und das Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen, zu spät allerdings, um die Geburt eines Mythos zu verhindern. Nie zuvor war die Geheimorganisation IRB so populär gewesen. Die aus der Haft entlassenen Irish Volunteers wurden als Helden empfangen, und viele junge Iren, die unschuldig in englischen Gefängnissen gesessen hatten, kehrten als Widerstandskämpfer zurück.

Als die englische Regierung nach der deutschen Offensive im Sommer 1918 dringend Truppenverstärkung benötigte und die allgemeine Wehrpflicht auf Irland ausdehnte, stieß sie nur noch auf Haß und Ablehnung. Die Iren dachten nicht im Traum daran, wieder auf Seiten ihrer Unterdrücker zu kämpfen. Im Gegenteil.

Aus der `Irisch Republikanischen Bruderschaft´ (IRB) entwickelte sich die `Irisch Republikanische Armee´ (IRA). Als ihr politischer Arm galt Arthur Griffiths nationalistische Partei Sinn Fein (`Wir selbst´), die innerhalb von zwei Jahren die Mehrheit aller irischen Mandate – 73 von insgesamt 105 – gewann und John Redmonds Home Rule Partei ablöste. Der Osteraufstand hatte in der Tat „alles ganz und gar verwandelt.“ Der Irische Freiheitskrieg 1919 – 1921, der eigentlich ein Guerilla-Krieg war und aus einer Serie von Terroranschlägen gegen britische Institutionen und deren Vertreter bestand, wurde von reorganisierten Freiwilligenmilizen geführt, die sich nun stolz IRA nannten und das lateinische Wort für `Zorn´ assoziieren ließen. England wollte es lange Zeit nicht wahrhaben, daß Irland unregierbar geworden war. Seit Jahrhunderten war man noch jeder Rebellion dieser `Kartoffelfresser´ Herr geworden: „Einfach lachhaft, sage ich. Die wilden Iren! Der Schnaps muß ihnen in die Krone gestiegen sein! Kann die nicht begreifen. Man weiß nie, woran man mit ihnen ist! Die meisten gehören einfach in ein Irrenhaus!“ (Sean O´ Casey). Doch der 1. Weltkrieg hatte die politische Landkarte nachhaltig verändert. Das Empire bröckelte, Amerika mit seinem starken irischen Bevölkerungsanteil begann Druck auf seine Regierung auszuüben… und die gewohnten britischen Repressalien – der Versuch der Zerschlagung von Sinn Fein durch Verhaftungen ihrer Repräsentanten, oder die Entsendung von Söldnertruppen, der gefürchteten `Black and Tans´, die auf Terror mit Gegenterror antworteten, verschlimmerten die Lage nur. So sah man sich zu Kompromissen genötigt. Asquiths Nachfolger Lloyd George handelte schließlich geschickt einen Vertrag aus, der am 6. Dezember 1921 ratifiziert wurde und eine Teilung Irlands in einen `Freistaat´ (der Begriff `Republik´ wurde vermieden, indem man das irische Wort dafür, Saorstát, wörtlich übersetzte) und dem nördlichen Teil der Insel als Teil des `United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland´ vorsah. Ein Paradox, eine historische Ironie: Nordirland gewann dadurch die Home Rule, welche die Ulster-Unionisten stets mit allen Mitteln verhindern wollten.

All diese Ereignisse und auch der Bürgerkrieg von 1922-23, dessen Ursache eben jene Teilung war, mit der sich viele Iren nicht abfinden konnten, nahmen ihren Ausgang in der Erstürmung des Hauptpostamtes, der eine ungeheure Symbolkraft zukam. Die Teilnehmer des Osteraufstandes, insbesondere der Mystiker Pádraic Pearse, setzten auf die Wirkung von Symbolen und bezogen sie sehr bewußt in die `Inszenierung´ ein: schon das ursprünglich geplante Datum, der Ostersonntag, die Auferstehung des Herrn, sollte zugleich die Auferstehung der irischen Nation erleben.

„…Pearse übertrug die Vorstellung eines stellvertretenden Sühneopfers Jesu Christi für die ganze Menschheit auf die politische Situation seiner Zeit… und verlieh seinen aus katholischer Bildlichkeit gespeisten Appellen an ein katholisches irisches Volk eine ganz besondere Note… die Vorstellung eines an sich sinnlosen Blutopfers, das in einer apokalyptischen Situation (des Weltkrieges) einen universalen Sinn erhält durch die Überwindung der egoistischen Bestrebungen jedes Menschen und die Hingabe für ein umfassendes Ganzes, die eigene Nation…“ (Michael Maurer). Selbst der Sozialist James Connolly, der ja mit seiner 250 Mann starken Citizen Army notfalls auch allein gegen die britische Weltmacht angetreten wäre, stellte in seinen Schriften christliche Bezüge her: „Ohne eine Spur von Blasphemie, vielmehr mit der geschuldeten Demut und Ehrfurcht, erkennen wir, daß man von uns, wie von der Menschheit vor dem Kreuzesopfer (Christi), wahrlich sagen kann: `ohne Vergießung des Blutes gibt es keine Erlösung.´“ Roger Casement zieht in seiner letzten Botschaft den biblischen Vergleich zu David und Goliath.

Mit der christlichen Symbolik vermischt sich die der keltischen Mythologie. Hinter einem der Frontscheiben des GPO sieht man, neben der berühmten Proklamation der Provisorischen Irischen Republik, Oliver Sheppards Bronzestatue des Cú Chulainn, mit einer Krähe auf der Schulter – der Schicksalsgöttin Badh, die sich mit „drei gräßlichen Schreien“ auf dem sterbenden Halbgott niederließ. In Pearse´ berühmtestem Gedicht, Mise Èire wird auch der berühmteste Held der irischen Sage erwähnt:

Mise Éire: Ich bin Irland:

Sine mé ná an Chailleach Ich bin älter als die alte Frau von

Bhéarra Beare.

Mór mo ghlóir: Groß mein Ruhm;

Mé a rug Cú Chulainn cróga. Ich, die Cú Chulainn den Tapferen gebar.

Mór mo náir: Groß meine Schande:

Mo chlann féin a dhiol a máthair. Meine eigenen Kinder haben ihre Mutter verkauft.

Mise Éire: Ich bin Irland:

Uaigni mé ná an Chailleach Ich bin einsamer als die alte Frau von Bhéarra.

(Beare.*Die alte Frau von Beare wird von Yeats als `die Mutter der Götter´ beschrieben.)

Wie Cú Chulainn trotzten die Rebellen des Osteraufstandes allein einer Übermacht; wie Cú Chulainn, der in die Schlacht von Muithemne zog, obwohl er durch böse Vorzeichen und Prophezeiungen wußte, daß er dem Tod in die Arme lief, opferten sie sich für eine aussichtslose, aber gerechte Sache. Um aufrecht im Angesicht der Feinde zu sterben, band sich Cú Chullainn mit seinem Gürtel an einen Steinpfeiler – so hat ihn auch der Künstler dargestellt – was wiederum an James Connolly erinnert, wie er sich, schwerverletzt im Hof des Kilmainham Gefängnisses an einen Stuhl gefesselt, vor den Gewehren seines Erschießungspelotons aufrichtete.

Klar, das alles ist natürlich patriotischer Kitsch. Die Iren wissen das und „sentimentalisieren ihre Märtyrer“ oft nicht ohne Selbstironie. Sean O´Faolain ging in der Studie `The Irish´ ziemlich hart mit seinen Landsleuten ins Gericht:

„Was war es, das der irische Rebell immer wieder opferte? Den besseren Teil seines Lebens? Viel schlimmer, viel anstrengender, viel schwerer zu ertragen: er opferte den besseren Teil seines Verstandes… unsere irischen Rebellen (wie wahrscheinlich die meisten europäischen Rebellen in revolutionären Zeiten) ließen sich immer schon lieber von Gefühlen hinreißen als ihren Verstand zu benützen. Daher geht es in der gesamten irisch-patriotischen Literatur auch stets nur um Gefühle… Das politische Bewußtsein der Iren ist bis heute kindlich geblieben.“

Zugegeben. Aber war je eine Revolution Ausdruck „politischen Bewußtseins“, ein Akt der Vernunft? Die Besetzung des Postamtes ganz sicher nicht. Die Rebellen des Osteraufstandes waren romantische Idealisten. Ihr Schicksal ging den Iren zu Herzen, nicht ins Hirn, und ihre Stilisierung zu christlich-keltischen Märtyrern kann einem sogar ganz schön auf den Geist gehen. Sentimentale Bande… an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Geht´s nicht ein bißchen kleiner? Aber trotzdem haben sie´s doch irgendwie geschafft. Sie haben dazu beigetragen, Irland zu einer unabhängigen Republik zu machen. „Ich bin für Irland gestorben!“ ruft der Pub-Patriot nach dem sechsten Pint Guinness, „und ich sag euch was, Jungs: Ich würd´s, wenn´s sein müßte, jederzeit wieder tun! Wo warst du 1916?“ „Nirgends. Ich bin Jahrgang 1920.“ „Immer die gleichen Ausflüchte!“