Frank T. Zumbach: Antike Orgien (1)

Als vor einigen Jahren unser damaliger Außenminister von „spätrömischer Dekadenz“ faselte, stocherte er damit auch im Assoziationssumpf: Salongemälde des 19. Jahrhunderts wurden da vor manch innerem Auge lebendig, lorbeergekränzte Lebemänner auf Lotterbetten, die sich von leichtgeschürzten Sklavinnen bedienen und unterhalten lassen, Luxus und Laster aus dem Blickwinkel von Malern der sonst eher prüden viktorianisch-wilhelminischen Epoche, wie wir sie aus vielen Drucken kennen – oder Hollywood-Sandalenfilme mit verrückten Kaisern wie Nero, gespielt von Peter Ustinov.

thomas_couture_-_los_romanos_de_la_decadencia_museo_de_orsay_1847-_oleo_sobre_lienzo_472_x_772_cm

8915602_orig

Die Antike bietet seit Jahrhunderten eine Projektionsfläche für alle erdenklichen Träume und Ideale. Ihre Wiederentdeckung löste die Renaissance aus, in den Augen der Kirche geradezu einen erneuten Sündenfall: die Menschheit aß abermals vom Baum der Erkenntnis – und wurde sich ihrer Nacktheit als ästhetischer Kategorie bewußt. Die zurückliegenden tausend Jahre galten nun als dunkles `Mittel´- Alter zwischen zwei lichten Epochen. Die Missverständnisse und Vereinnahmungen setzten sich fort in Architekturstilen, Moden, politischen Programmen und bürgerlichem Bildungsdünkel. Noch heute wird die Antike gequälten Schülern als endlose Senatsdebatte togenraffender älterer Herren dargestellt; der Lehrplan traktiert sie ausgerechnet mit den größten Langweilern, die das alte Griechenland oder Rom zu bieten hatten.

Das alles waren freilich meist Hirngespinste. Schon die Wörter `Antike´, `Mittelalter´ und `Renaissance´ sind ja „billige Kunstmittel, um unter dem Schein des Sinnreichen und Prägnanten einen Mangel an genauer Einsicht zu verbergen. Die Ausdrücke zaubern uns den Wahn vor, als besäßen wir einen schlüssigen Begriff für den Zusammenhang und die Einheit einer ganzen Zeit, einen Begriff, in dem alle Erscheinungen eines Zeitraumes aufgehoben wären, während wir in Wirklichkeit eine solche Einheit bloß vag vermuten“ (Johan Huizinga).

3a2a3f1ea7df652aba2ca3c5d273b417

2d8756b5c335f0557d9e2f016c0de9ef

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: