Frank T. Zumbach: Antike Orgien (4)

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Wahrscheinlich das einzige, was uns mit den kultischen Festen der Griechen und Römer verbindet, ist unser – inzwischen leider meist auf launige Vereinsmeierei herabgebändigte – Karneval oder Fasching mit immerhin noch impliziten erotischen Konnotationen. Die Aphrodisia etwa waren Feiern zu Ehren der Aphrodite, der Göttin der Liebe, aber ebenso der Lust: Sie erscheint auch als `Aphrodite, die Hure´, und es kam vor, dass Prostituierte und Lebedamen aus ihrem oft nicht unbeträchtlichen Vermögen zusammenlegten, ihr einen Tempel zu weihen. In Korinth boten anlässlich der Feiertage (`pannychis´) zahlreiche Freudenmädchen umsonst ihre Dienste an; in Thessalien war das Festival der Aphrodite Anosia der lesbischen Liebe geweiht. Homosexualität galt allgemein keineswegs als die Ausnahme von der Regel. Gewiss, wir sprechen hier von ungefähr dreitausend Jahren, unter denen man die `Antike´ gemeinhin zusammenfasst, und von Moralvorstellungen, die rasch wechseln und sich in ihr Gegenteil verkehren konnten. Doch auch zeitlich weit auseinander liegende Quellen bezeugen das gleiche Laissez-faire in Fragen der Erotik.

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Bei den Griechen herrschte – ähnlich wie bei den Anhängern des heute nach wie vor praktizierten Voodoo-Kultes – die Vorstellung einer theolepsie (Begeisterung), eines Einswerdens mit der Gottheit durch Ekstase, durch Tanz, Musik, Sex, Wein und andere rauscherzeugende Mittel. Doch Götter traten bei den Dionysia oder den späteren römischen Bacchanalien immer mehr in den Hintergrund. Sie wurden zunehmend zu behördlich geduldeten Massenorgien und – besäufnissen, einer Aus-Zeit für das Volk, einem Ventil für zuvor durch Fasten und Enthaltsamkeit aufgestaute Triebe. Aristoteles erklärt übrigens, dass die vom Wein Berauschten aufs Gesicht fallen, während die, die Gerstensaft getrunken hätten, auf dem Rücken liegen, „denn der Wein macht den Kopf schwer, Bier betäubt.“

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Auch das mystische Brimborium vieler unterschiedlicher, teils orientalischer Kulte, die vor allem im Spätrom florierten, wie etwa der Anbetung der Cybele oder der Bona Dea, war meist nur Deckmäntelchen für andere Umtriebigkeiten; wenn zum Beispiel Juvenal die Priesterinnen des Isis-Kults `Schlampen´ nennt, so überzeichnet er die Wirklichkeit sicher nur um ein Quäntchen.

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Das Volk musste – auch jenseits von `Brot und Spielen´ – bei Laune gehalten werden; wie das geschah, war den Herrschenden gleichgültig. Mit ihren Orgien hatten derlei stumpfe Belustigungen nicht das Geringste zu tun. In seinem Buch `Über die Wollust´ schreibt Herakleides Pontikos: „Tyrannen und Könige, im Besitz aller Güter und in vielseitiger Erfahrung, erkennen den Wert der Hedone (Wollust, Vergnügen: der Ursprung des Wortes Hedonismus), dass sie nämlich den Seelen der Menschen einen höheren Schwung verleiht… Das Leben genießen und es auszukosten, ist eben ein Zeichen von Freiheit, denn es macht die Seelen frei und großzügig. Mühe und Arbeit aber kommt den Sklaven und Elenden zu, deshalb ist deren Seele kleinlich und gedrückt.“ Athenaios zitiert den Komödienschreiber Alexis mit den Versen: „Wer reich ist, sollte leben, dass man´s sieht, / und das Geschenk der Gottheit deutlich machen,/ denn Gott, der dir die guten Dinge gab,/ will, dass man sich dafür ihm dankbar zeigt. Doch wer sein Gut versteckt und sagt, er habe,/ nur wenig, der erscheint ihm undankbar,/ nicht wie ein freier Mann, und schleunig wird/ er von ihm nehmen, was zuvor er gab.“ Aristobalus erwähnt eine Statue des Sardanapalus in Anchiale, deren rechte Hand wie leichtfertig mit den Fingern schnippt. Die Inschrift lautete: `Sardanapalus, der Sohn des Anacyndaraxes, errichtete Anchiale und Tarsus an einem einzigen Tag. Iß, trink und vergnüge dich, denn alles andere ist bedeutungslos.´

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