Frank T. Zumbach: Antike Orgien (6) / Ninfeo

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Zunächst wurde dem Teilnehmer, sobald er sich auf dem Speisesofa niedergelassen hatte, ein Schreibtäfelchen mit einer Liste der vom Küchenchef vorbereiteten Gerichte überreicht (Athenaios). Die kulinarische `Überraschung´ des Abends, die so üblich war, dass von einer Überraschung eigentlich nicht mehr die Rede sein konnte, wird von Petron, aber auch schon von Hippolochus beschrieben: „… Dann trägt man eher ein ganzes Vermögen als ein Gericht herein, ein silbernes, dick vergoldetes Tablett, groß genug, um ein ganzes gebratenes Schwein zu fassen – und zwar ein ungewöhnlich großes. Das lag auf dem Rücken und streckte seinen offenen Bauch nach oben, der voll war von vielen Köstlichkeiten. Da gab es mit ihm gebratene Drosseln und Enten und eine unbegrenzte Menge von Singvögeln und über Eier gegossenen Bohnenbrei und Austern und Kamm-Muscheln. Und jedem Gast wurde dieser ganze Turmbau zusammen auf dem Tablett dargeboten.“ Aus solchen Völlereien, die bald schon als ordinär und neureich in Verruf gerieten, ist wohl auch die `lukullische Olive´ entstanden, vielleicht nur eine Legende: Eine Olive wird in eine Sardine gesteckt, die Sardine in eine Wachtel, diese in ein Täubchen und dieses wiederum in ein nächstgrößeres Tier, bis ein ganzer Ochse sich am Spieß dreht; von all dem Fleisch rührt Lukull nichts an, auf seinem Teller befinden sich lediglich ein paar Oliven, die er gelangweilt verzehrt.

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Kaiser Vitellius pflegte ein von ihm selbst kreiertes Gericht zu reichen, das er den `Schild der Minerva´ nannte. Es bestand aus Lebern von Papageienfischen, Gehirnen von Fasanen und Pfauen, Flamingozungen und den Innereien von Neunaugen. Agatharchides von Knidos berichtet, dass man Alexander dem Großen bei einem Gastmahl zum Nachtisch mit Gold überzogenes Naschwerk servierte. „Wenn sie es verzehrten, rissen sie die Goldhülle ab und warfen sie wie den übrigen Abfall weg, damit die Gäste Zeugen ihrer Verschwendungssucht würden, die Sklaven aber Nutznießer.“

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Gaumenfreunden waren nicht etwa der Auftakt zum `wichtigeren´ Teil des Abends, der Sinneslust, sondern rangierten durchaus gleichwertig und wurden von nicht wenigen sogar höher geschätzt – auch die Zunge feierte Orgien.

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In Alkiphrons Brief `von einer Unbekannten an Bakchis´, in dem ein junges Mädchen eine idyllische Orgie unter freiem Himmel auf dem Landsitz eines Freundes beschreibt, nimmt die Schilderung der Speisenfolge ungleich mehr Raum ein als die der Intimitäten: „Nachdem wir nun ein wenig das Liebesspiel genossen hatten… wurde wieder getafelt: Vögelchen, die man in Schlingen fängt, und Rebhühner, sehr süße Mosttrauben und Hasenrücken, ferner Muscheln und Schnecken… Pilze, die an den Erdbeerbäumen vorkommen, zur Magenstärkung Wurzelsalat mit Essig und Honig, und zum Schluss unsere Lieblingsspeise – Lattich und Sellerie … Als wir so mit dem frischen Gemüse unseren Magen wieder in Ordnung gebracht hatten, zechten wir mit solchem Übermut weiter, dass wir jegliche Scheu voreinander abstreiften und von der Liebe offen Besitz ergriffen… ich hasste den Hahn des Nachbarn, der uns mit seinem Gekrächz die Weinstimmung verscheuchte.“

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Gewiss, den Wein, dessen aufreizende Wirkung in die gewünschte Richtung lenkte, aber auch zu unliebsamen Störungen und Zwischenfällen führen konnte, sollte der Gastgeber vorsichtig, das heißt zunächst in Maßen und verdünnt, servieren lassen. Zu vorgerückter Stunde scheint man allerdings bereits die Devise des Whiskytrinkers Churchill vorweg genommen zu haben: `nach dem sechsten Glas etwas kürzer zu treten und das Sodawasser wegzulassen´. Wein gab es in vielen Rebsorten, Hippolochus allein erwähnt drei, aus Thasos, Mende und Lesbos, und kalt musste er sein: „Niemand wär wohl einverstanden,/ wollte man ihm seinen Wein/ lau kredenzen. Nein, er fordert / vielmehr ganz im Gegenteil/ Wein gekühlt in tiefem Brunnen, und dazu mit Schnee gemischt“ (Strattis).

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