Frank T. Zumbach: Antike Orgien (8)

Vor solcher Kulisse spielte sich das sorgfältig choreographierte Programm ab. Die `tief verschlungene Kunst der Musik´( Eupolis) gehörte selbstverständlich dazu: `Bei Gott, Musik ist ganz wie Afrika/ das jedes Jahr ein neues Tier gebiert“ (Anaxilas). Sänger und Sängerinnen, zu besonderen Anlässen, etwa Hochzeiten, Chöre von bis zu hundert Stimmen, Zitherspielerinnen, Harfenmädchen, Flötenbläserinnen, viele unterschiedliche Schlagzeuger, rhodische Sambyke-Spielerinnen (ein hellklingendes, viersaitiges Instrument) sorgten für einen melodischen Klangteppich, der sich immer wieder steigerte zu ekstatisch-rhythmischen Tänzen, an denen oft auch die Gastgeber teilnahmen.

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Von diesen Tänzen waren besonders der Cordax und die Sicinnis berühmt-berüchtigt, bei denen man sich wie bei einem Striptease der Kleider entledigte und in aufreizenden Posen bewegte. Dies musste jedoch zugleich `untadelig´(Lucian von Samosata), anmutig und elegant geschehen, es gab strenge Regeln für die Schritte und Gesten, und es kam vor, dass sich ein allzu berauschter Zecher, der beim Tanz auf despektierliche Weise die Selbstkontrolle verlor, ins gesellschaftliche Abseits beförderte.

Unter anderen erwähnt Theopompos, dass die hübschesten Musikerinnen und Tänzerinnen auch für Liebesdienste zur Verfügung standen, natürlich nicht umsonst, sondern meist auf Kosten des Gastgebers. „Mir kamen sie ganz nackt vor,“ beschreibt Hippolochus diese Damen in der Schilderung eines Gelages, „doch meinten meine Freunde, sie hätten Hemdchen angehabt.“ Er muss rührend provinziell gewirkt haben, denn solche seidenen Gewänder von spinnwebartiger Feinheit waren damals, auch in der High Society Roms, ein Importschlager. Sie stammten von der griechischen Insel Kos, wo sie von Frauen in speziellen Fabriken hergestellt wurden.

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„Die Tänzerinnen,“ fährt Hippolochus fort, „waren als Nereiden und Nymphen verkleidet… Danach kamen Phallosträger und Clowns und nackte Artistinnen, die zwischen Schwertern ihre Künste zeigten und Feuer aus dem Munde strömen ließen… nun nimmt uns wieder ein fast unverdünntes Getränk gefangen… Als das Trinken weiterging und es allmählich dämmrig wurde, wurden die Vorhänge aus weißem Leinen, mit denen der Raum rings umkleidet gewesen war, aufgezogen. Da sie verschwanden und die Wände sich durch eine verborgene Mechanik öffneten, wurden Fackeln sichtbar. Man erblickte Eroten und viele Figuren in der Gestalt von Artemis, Hermes und ähnlichen, die die Fackeln in silbernen Händen hielten. Während wir noch die raffinierte Erfindung bestaunten, wurden Wildscheine, wahrhaft von der Größe des erymanthischen Ebers, auf goldgeränderten viereckigen Tabletts, von silbernen Spießen durchbohrt, aufgetragen…“

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Athenaios berichtet vom `süßen und verlockenden, zarten Klang´ von Wasserorgeln (hydraulis), `wie Rundaltäre gebaut´, die auch bei den Zirkusspielen zum Einsatz kamen. Die beliebtesten Instrumente aber waren neben den beiden Leiern, der Lyra und der Kithara, offenbar Flöten in den verschiedensten Formen und Materialien, aus Knochen, Holz, Elfenbein oder Metall, darunter auch die Syrinx aus Schilfrohr. Aristoteles erzählt, dass man „in Etrurien noch zu seiner Zeit die Sklaven unter Flötenklängen zu peitschen pflegte“(Pollux), und von Charon von Lampsakos stammt folgende Anekdote: „Die Kardianer hatten alle ihre Pferde gelehrt, bei den Symposien zur Flötenmusik zu tanzen. Sie richteten sich dabei auf der Hinterhand auf und machten mit den Vorderhufen bestimmte Bewegungen. So tanzten sie, mit den Flötenmelodien völlig vertraut. Das wusste Naris, und so kaufte er sich aus Kardia ein Flötenmädchen. Die Flötistin kam zu den Bisaltern und unterrichtete eine große Zahl von ihnen im Flötenblasen. Die nahm Naris mit, als er gegen Kardia auszog. Sobald der Kampf im Gange war, ließ er die Melodien anstimmen, die die Pferde von Kardia kannten. Kaum hörten die Pferde die Flöten, da erhoben sie sich auf die Hinterbeine und begannen zu tanzen. Die Stärke der Kardianer lag in ihrer Reiterei, und so kam es, dass sie geschlagen wurden.“ Eine vergleichsweise harmlose Variante von Eros und Thanatos, deren Zusammenspiel fast immer mitschwang: Als Dionysius der Jüngere, der Tyrann von Sizilien, nach langen Kämpfen seinen Geburtsort Locris einnahm, ließ er das größte Haus der Stadt mit Rosen und wildem Thymian anfüllen, um sich mit den jungen Frauen der Stadt, einer nach der anderen, auf die schändlichste Weise zu vergnügen. Strabo berichtet, dass man Tauben mit geschlitzten Flügeln in der Halle habe kreisen lassen, und „dass die armen Mädchen zur Belustigung des Tyrannen nach den Vögeln haschen mussten, mit sehr verschieden hohen Absätzen ihrer Sandalen. Bald darauf aber, nachdem die Gatten und Väter der missbrauchten Mädchen die Oberhand zurückgewonnen und Frau und Töchter des Dionysius in ihre Gewalt gebracht hatten, ließen sie diese vor aller Augen die obszönsten Handlungen begehen, bevor sie ihnen Nadeln unter die Fingernägel trieben und schließlich umbrachten.“

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