Hexen, aus L. Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg (1909)

Den Höhepunkt in dem Leben der Hexen scheinen die geselligen Zusammenkünfte derselben zu bilden. Die Hauptfeste finden auf dem Blocksberge in der Walpurgisnacht und in der Johannisnacht statt; letztere tritt hier zu Lande häufiger hervor als die erstere. Da macht sich alles auf, was hexen kann, und eilt auf Katzen, Ziegenböcken, Besenstielen, Ofengabeln und anderen Tieren oder Geräten durch die Lüfte. Vor der Reise muß jede Hexe sich mit einer besonderen Salbe beschmieren und einen Zauberspruch sprechen. Ein solcher Spruch ist z.B.:

Liek ut, liek an,

narrens an –

nan Blocksbarg!

Auch können sie durch die Lüfte fliegen, wenn sie sich mit dem Safte des Faulbaums (rhamno cathartica) beschmieren.  Stellenweise sagt man, ein Wirbelwind trage sie von einem Ort zum andern. Wenn die Hexen in der Johannisnacht unterwegs sind, verspeisen sie die Blütenknospen der Quäken (Waldvogelbeere) als kurzen Kohl, daher findet man nach Johanni an den Quäken fast alle Knospen ausgebrochen. Will man die Hexen auf ihren nächtlichen Reisen sehen, so stelle man sich auf einem Kreuzwege hinter eine eiserne Egge; an Kreuzwegen müssen sie vorbei. Außer der Hauptversammlung auf dem Blocksberge kommen aber noch zahlreiche Zusammenkünfte an anderen Orten und zu anderen Zeiten vor. Solche Plätze sind z.B. zu Oldenburg vor dem Eingange zum Kirchhofe, in der Kurwiekstraße neben der Hofapotheke und auf dem Walle hinter dem Schlosse, im Moore hinter Jader Bollenhagen, wohin die Musikanten aus Varel kommen, der Hexenberg bei Stollhamm, der Hexenberg zwischen Ganderkeese und Bürstel, im Saterlande Huddenjebom bei Bollingen und Buddenjepohl bei Hollen, die Hamberger Berge bei Visbek, der Sandbrink bei Erlte im Ksp. Visbek, der Hexenberg zwischen Drantum und Garthe, der Hexenbusch, nördlich von Nienhausen im Kirchspiel Steinfeld, der Bojeberg bei Haddien usw. Musik und Tanz, Essen und Trinken, wobei Pferdefleisch das beliebteste Gericht ist, sind die regelmäßigen Vergnügungen und die Hexen kommen oftmals weit dazu hergereist. Die Hexen wollen bei ihren Belustigungen nicht belauscht sein, und einmal heißt es sogar, daß sie den, welcher unberufen in ihren Kreis träte, ergriffen und ins Feuer würfen; sonst aber begnügen sie sich, dem Störer allerlei Schabernak zu spielen, der selten üble Folgen hat. Wenn Hexen auf die Fahrt gehen, so kann man die Reise mitmachen, wenn man ihr Tun genau beobachtet und nachahmt, doch muß man sich wohl hüten, daß man nichts versehe. – Wenn eine Hexe des Nachts abwesend ist, so liegt derweil ihr Körper leblos im Bette.

…Im Kirchspiel Neuende wohnte ehedem eine alte Witwe, die für eine Hexe galt. Kinder wagten sich ihr am Tage kaum vorbei; auch Erwachsene gingen ihr aus dem Wege, wenn sie konnten. Kränkelte ein Kind oder auch ein Erwachsener in der Umgegend, so meinten die Leute gleich, sie seien behext von dem alten Weibe, und wenn sich die Leute dann nur besannen, so war die Alte gewiß dagewesen, hatte etwas geliehen oder einige Äpfel oder sonst was geschenkt. Sie wohnte ganz allein in ihrem eigenen Hause; ihre einzige Gesellschaft war bloß eine große gelbe Katze, mager wie ein Stück Holz und auf dem Rücken ganz kahl, darauf soll sie des Nachts geritten haben. Eines Abends sollte ein Knecht hin zu ihr und holen von ihr ein Stück Garn, das sie gesponnen. Wie er vor ihr Fenster kommt, ist die Stube ganz hell erleuchtet, und drinnen wird geschwatzt und gelacht und getanzt. Da denkt er: »Was mag die Alte für Besuch haben?« und klopft ans Fenster. Sogleich ist das Licht aus, die Haustür wird aufgerissen und vorbei sausts ihm, wie wenn der Wind durch die Bäume saust, und er sieht fünf oder sechs Katzen, von alten Weibern geritten, in vollem Galopp fortrennen. Er hat entsetzliche Angst, muß aber doch seine Botschaft bestellen. Wie er nun ins Haus kommt, sitzt die Alte in der Stube und gibt ihm zuerst auf seine Fragen keine Antwort; ihre Augen funkeln wie Katzenaugen. Zuletzt hat sie ihm ganz matt geantwortet, und damit hat er fortgehen können, aber er hat eine entsetzliche Angst ausgestanden und ist nie wieder dahin gegangen.

…Eine Frau an der Jaderlangstraße, die kurz vorher von einem Sohne entbunden war, lag in der Stube im Bette, während der Mann vor der Stube am Feuer saß. Die Frau jammerte im Bette, und der Mann glaubte zu hören, daß sie mehreremale hinter einander rufe: »O Donnerstag.« Der Mann ging zu ihr und erkundigte sich, ob ihr etwas fehle, aber sie verneinte es. Als der Mann nun weiter fragte, warum sie denn immer jammere: »O Donnerstag«, gestand sie ihm, sie gehöre zum Verbunde der Hexen und müsse am nächsten Donnerstag nach Galiläa. Dagegen sehe sie sehr an, und deshalb habe sie gejammert: »O Donnerstag.« Der Mann beruhigte seine Frau und erbot sich, an ihrer Stelle die Reise mit zu machen. Des war die Frau zufrieden und sagte: »Nun, so paß auf, in der Johannisnacht, nächsten Donnerstag, wird ein Ziegenbock vor das Haus kommen und sich durch Stoßen gegen die Haustür melden; den besteige getrost, er wird dich hintragen, und wenn er zu langsam ist, so treibe ihn mit Fluchen an.« Als nun die bestimmte Nacht gekommen war, stellte sich der Ziegenbock richtig ein und meldete sich durch Stoßen gegen die Haustür, wie die Frau vorhergesagt hatte. Der Mann setzte sich auf und rasch ging die Reise vor sich. Andere Reisende, teils auf Hähnen, teils auf Schweinen reitend, schlossen sich nach und nach an. Kamen sie an einen Fluß, so wurde geflucht, und der Ziegenbock setzte munter hinüber. Vor einem See an den sie gelangten, wollte der Ziegenbock ein wenig zögern, aber ein derber Fluch brachte ihn auch über den See. Endlich kam die Gesellschaft in Galiläa an, und der Mann, von der Reise erschöpft und über die Erreichung des Ziels vergnügt, rief ein freudiges »Gott Lob!« Da warf der Bock seinen Reiter ab und ließ ihn auch nicht wieder an sich kommen. Nicht lange, so kehrte die ganze Reisegesellschaft, die zusammen gekommen war, wieder zurück, und der Ziegenbock trabte ledig mit den übrigen Reitern mit fort, ohne seinen Reiter wieder an sich zu lassen. Der mußte also zu Fuße wieder heimkehren, und als er zu Hause wieder ankam, da war der kurz vor seiner Reise geborene Sohn vierzehn Jahre alt.

…Ein Jüngling, welcher die Gewohnheit hatte, daß er des Abends oft nach den Mädchen ging, um sie zu necken, kam spät in der Nacht von Visbek nach Endel. Als er in die Hamberger Berge gelangte, erblickte er von weitem ein Licht. Näher gekommen sah er, daß das Licht auf einem Tische stand, und daß mehrere Personen um den Tisch herum tanzten. Er blieb voll Verwunderung stehen, da winkten sie ihm, er solle herankommen, aber er getraute sich nicht. Da sprangen zwei junge Mädchen auf ihn zu, ergriffen ihn bei der Hand, führten ihn zu dem Tische und fingen mit ihm zu tanzen an. Erst mußte er lachen, daß er jetzt wider Willen tanze. Aber das Lachen verging ihm bald, das Tanzen nahm kein Ende. Zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten, er wurde ganz müde, aber alles Sträuben half ihm nichts, er mußte tanzen. Endlich konnte er gar nicht mehr, seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen, und die Mädchen mußten ihn nur so mit herumschleppen. Da legte er sich aufs Bitten, sie möchten ihn doch gehen und am Leben lassen, er müßte sich sonst zu Tode tanzen. Da fingen sie alle an zu lachen, ließen ihn aber endlich gehen, aber er war so abgemattet, daß er kaum nach Hause kommen konnte, und als er am andern Morgen aufstehen wollte, konnte er nicht gehen. Dies hatte übrigens geholfen, er ist nachher nachts nicht wieder ausgegangen.

 

 

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