Hexen, aus L. Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg, 1909

Vor etwa fünfzig Jahren lebte in Schwei eine alte Frau, welche für eine Hexe gehalten wurde. Sie konnte von einer Kuh außerordentlich viele Butter machen, und mästete sie ein Schwein, so war in zwei bis drei Wochen der Speck einen halben Finger dick. Eines Tages wollte sie ausgehen und befahl ihrem Mädchen, Butter zu machen. Sie ging dann fort, und das Mädchen begab sich an seine Arbeit. Zu seinem Schrecken fand sich in dem Rahmkübel eine große Kröte, welche es aus dem Hause warf. Bald kam die Frau wieder zu Hause, und weil sie vergessen, bevor sie ausging, den Rahm selbst in die Karne zu geben, so fragte sie das Mädchen, ob es auch etwas im Rahmkübel gefunden habe. »Ja«, erwiderte es, »eine Kröte; ich habe sie neben dem Hause unter eine Hecke geworfen.« Sogleich lief die Frau hinaus, um die Kröte wieder aufzusuchen, und so wie sie nur rief: »Tädewig, Tädewig!« so kroch die Kröte unter der Hecke hervor. Die Frau nahm sie in Empfang, reinigte sie und setzte sie wieder an ihren alten Ort.

Im Jahre 1721 fand man bei dem rasch auf einander erfolgten Tode zweier Eheleute zu Hayenwärfe, Ksp. Rodenkirchen, in deren Nachlaß eine verschlossene Kruke, in welcher sich eine große Fliege befand. Man sagte in der Gemeinde, wie die Prediger berichteten, diese Fliege sei ein spiritus familiaris, welchen die verstorbenen Eheleute zu dem Ende gehabt, daß sie viele Butter von ihren Kühen machen könnten. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, deren Resultat unbekannt ist.

Häufig bilden die Hexen durch Zauber irgend ein verderbliches Ding, das sonst nicht existiert, und schaffen es in die Nähe der zum Untergang bestimmten Wesen. Zu diesen Dingen gehören namentlich die Hexenkränze, Kränze oder ähnliche Verschlingungen der Federn in den Betten. Die Federn werden von den Hexen gewöhnlich in einen Ring zusammengeflochten, zuweilen hängt ein Schwanz daran. Die Hexen können dies aus der Ferne, tun es aber nicht immer auf einmal, denn man findet mitunter auch angefangene Kränze; ja, in Jeverland hat man einmal einen gefunden, in welchem noch Nadel und Draht staken, und bewahrt denselben noch auf. Ist der Kranz geschlossen, so kann kein Mensch, der auf dem Bette schläft gedeihen, Kranke können nicht genesen, Gesunde werden krank, bis man die Ursache entdeckt und die Kränze auf einem Kreuzwege verbrennt. In Jeverland erzählt man auch, daß die Hexen, besonders bei kleinen Kindern in der Wiege, buntseidene Püppchen zwischen das Bettzeug legen, infolgedessen die Kinder erkranken und sterben. Die Püppchen sind unzertrennbar, und es gibt kein anderes Mittel, das Hexenwerk unschädlich zu machen, als es zu verbrennen. Wenn es aber nach der Behauptung Einiger unverbrennbar ist, so würde es freilich gar kein Mittel geben. Ist ein so verzaubertes Kind am Sterben, so pflegt die Hexe sich einzustellen, meist unter dem Vorwande, etwas leihen zu wollen.

Ich hatte meine Kinder bald nach der Geburt verloren, erzählte ein alter Mann, und meine Mutter war blind. Eines Abends, als meine Mutter zu Bette ging, fühlte sie im Bette etwas sonderbares und rief mich zu sich. Ich schnitt das Bett auf und dann auch die Kissen, da kamen allerhand Gestalten heraus, die eine wie ein Vogel, die andere wie eine Katze, und noch andere, wohl einen Korb voll. Da gingen mir denn die Augen auf, und ich wußte, warum meine Kinder gestorben und meine Mutter blind geworden. Aber das war nicht mehr zu ändern. Ich machte aber doch ein großes Feuer an und warf all die Sachen hinein, und da kam ein altes Weib vors Fenster, und das war die Hexe.

Was von Hexen herkommt, ist verderblich für den, der es an seinen Leib nimmt oder gar verzehrt. Daher soll man von unbekannten Gebern kein Geschenk und namentlich kein Essen annehmen; vielleicht verwandelt letzteres sich einem im Leibe in allerlei giftige und ekelhafte Tiere. Äpfel und Birnen pflegen die Hexen am liebsten zu geben, und Kröten und Frösche sind es meist, in welche das Obst verwandelt wird. Doch sind auch andere Sachen nicht selten von Hexen irgend wohin praktisiert, um Schaden zu stiften.

Ein Bursche im Kirchspiel Visbek wollte ein Mädchen heiraten, aber ihm wurde hinterbracht, es sei keine gute Person, sondern eine Hexe; darum zog er sich ganz von demselben zurück. Eine Zeit lang nachher wurde er krank, da ging das Mädchen hin ihn zu besuchen, zeigte großes Mitleid mit ihm, versicherte ihn seiner aufrichtigen Liebe und Treue und gab ihm endlich drei schöne Äpfel, die solle er nur gleich aufessen, denn sie seien schon ganz mürbe. Er versprach dies auch, aber als das Mädchen fort war, befiel ihn ein Fieber, so daß er die Äpfel nicht gleich essen konnte; er legte sie daher in den Schrank und ging zu Bette. Als seine Mutter nach Hause kam, erzählte er ihr, daß seine alte Braut bei ihm gewesen sei, sie habe ihm so freundlich zugesprochen und viel Mitleid gezeigt, ihm auch drei schöne Äpfel gegeben; sobald er nur wieder essen möge, wolle er sie verzehren. Als er nun etwa drei Tage nachher zu seiner Mutter sagte, sie möge ihm einen von den Äpfeln aus dem Schranke holen, ging sie auch gleich hin, aber wie sie den Schrank öffnete, stieß sie ein Geschrei aus, denn es waren statt der Äpfel drei große Kröten in dem Schranke. Hätte er einen von den Äpfeln gleich aufgegessen, so hätte er unfehlbar daran sterben müssen.

Ein Kind erhielt einmal von einer Hexe einen Apfel und aß denselben sofort auf. Da verwandelte sich der Apfel in dem Leibe des Kindes in einen Frosch, der nun aus dem Leibe des Kindes heraus allerlei Befehle gab: »Ick will Pannkoken äten! ick will ditt un datt hebben.« Endlich gab man dem Kinde ein Mittel ein, da fuhr es wie eine große Feuerflamme aus dem Munde des Kindes, und das Kind war genesen.

…Die vierzehnjährige Stieftochter eines Wirtes zu Warfleth litt seit langer Zeit an übergroßen Leibschmerzen. Immer war es ihr, als mache ein Tier in ihrem Leibe die Wanderung von oben nach unten. Viele Ärzte wurden zu Rate gezogen und alle Apotheken der Umgegend durchgegangen, nichts wollte helfen. Endlich ließ man eine weise Frau von Bremen kommen, aber auch diese konnte anfangs nichts ausrichten, nur das sprach sie aus: die Tochter habe im Leibe ein lebendiges Tier, das auf irgend eine Weise hineingekommen sei. Man dachte nach und erinnerte sich, daß die kranke Tochter einst von einer übelberüchtigten Nachbarin einen schönen Apfel zum Geschenk bekommen und aufgegessen habe. Nun wußte die weise Frau genug; sie gab der Kranken etwas ein und rief das Tier an: »Willst du nun fort oder bleiben?« »Ich will ausfahren,« klang es aus dem Leibe, und gleich darauf entsprang dem Mädchen (ex pudendis) ein stark behaartes Tierchen und verschwand in ein Mauseloch. Bald nachher war das Mädchen ganz gesund.

 

 

 

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