Der Poltergeist und Vampyr zu Bendschin, aus Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staates

 

Bendschin oder Pentsch, ein Städtchen im Fürstenthume Jägerndorf an der Mährischen Grenze, ist ums Jahr 1592 durch eine Spukgeschichte gar sehr berühmt geworden.

Ein Bürger dieser Stadt, Namens Johann Cuntze, gebürtig aus dem Dorfe Lichten, hat sich viele Jahre so brav und löblich aufgeführt, daß man ihn in den Rath gezogen, zum Bürgermeister gemacht und sonst als einen erfahrenen 60 jährigen Mann in nicht geringem Werthe hielt, in allerlei Stadt- oder Privatangelegenheiten sich seines Rathes bediente und nach seinem Tode erst ihm einige Dinge Schuld gab, die man ihm bei Lebzeiten nicht vorgeworfen. Dann erst nämlich betheuerte der Geistliche des Ortes, daß er den Gottesdienst fleißig abgewartet, der heiligen Communion andächtig beigewohnt, freilich aber öfters im Rathsstuhle eingeschlafen sei. Dieser Cuntze wurde von ohngefähr nebst einigen andern Rathsverwandten zum Stadtrichter wegen verschiedener Händel zwischen einem Ungarischen Kaufmanne und seinen Fuhrleuten abgefordert, um nach Erkenntniß der Sache den Bericht davon nach Hofe abzustatten. Man verhörte beide streitende Partheien und ließ Alles fleißig protocolliren, hierauf lud sie die Frau Richterin zum Abendessen, wobei aber Cuntze nicht lange bleiben wollte, unter dem Vorwande nöthiger Hausverrichtungen, doch sagte er, man müsse sich bisweilen auch einen guten Tag machen, weil es ohnedem an täglichen Verdrüßlichkeiten nicht fehle. Er hielt aber zu Hause fünf stattliche Pferde auf der Streu und ließ, wie er heimkam, sein bestes Leibroß aus dem Stalle vor der Hausthür an eine nahgesetzte Säule anbinden, um ihm die lockern Fußeisen fester anheften zu lassen. Indem man nun damit beschäftigt war und er mit seinem Knechte des Pferdes Fuß aufhebt, wird solches kollernd und schlägt zweimal hinter sich aus, wodurch Herr und Knecht neben einander halbtodt auf die Erde hinfallen. Ein dieses anschauender Nachbar springt gleich herzu, hilft sie aufheben und beide ins Haus führen. Cuntze, als der Herr, schreit gleich über grausamen innerlichen Brand und Schmerz, wiederholt sein Geschrei mit eben den Worten, bis man ihm ein Bett macht, ihn hineinlegt und den Schooß beleuchtet, wo er über den schrecklichen Brand klagt; man bemerkt aber keine Spur einer Verletzung, ohngeachtet er nicht aufhört darüber zu winseln. Mittlerweile kommt sein jüngster Sohn dritter Ehe vor’s Bett, den sieht er mitleidig an und spricht: »Ach, Du armes Kind, nur um Deinetwillen wünschte ich noch einige Jahre zu leben!« Empfiehlt ihn also bestens einem andern anwesenden Rathscollegen, der sein Pathe war, der es auch zu leisten verspricht und den kranken Mann damit tröstet, Gott könne ihm von diesem Schmerzenslager auch wieder aufhelfen. Cuntze sagt nun: »Ach wenn mir Gott um seines Sohnes willen meine Sünden vergeben wollte!« Die Umstehenden trösten ihn aufs Beste und rathen ihm einen Geistlichen rufen zu lassen, er aber will nichts von einem solchen wissen, gleichwohl aber wiederholt er immer die Worte: »Ach wenn mir doch Gott gnädig sein wollte!« Man fühlte ihn jetzt an und fand seine Brust, Leib und Hände eiskalt, während er doch beständig über brennende Hitze klagte. Der Schlag vom Pferde war den 4. Februar geschehen, und man erzählte, daß er vier Tage vorher, als am Feste Mariä Reinigung, noch Gevatter gestanden und bei der Heimkunft und Ablegung der Kleider zu den Seinigen gesagt: »Das wird wohl mein letztes Kind sein, so ich aus der Taufe gehoben!« Woraus sein Eheweib und seine Kinder geargwohnt, daß er die Stunde seines Todes gewußt und ein gewisses Bündniß mit dem Teufel gemacht habe. Denn er war zu einem ziemlichen Vermögen gekommen, ob er gleich keine Erbschaft gemacht und auch sonst schlechten Verdienst gehabt, indem er vorher ein gemeiner Holzhauer und Schindelmacher gewesen. Einige Leute sagten nach seinem Tode, er habe bei Lebzeiten eins von seinen Kindern an eine unbekannte Person verkauft, andere munkelten, er habe sich mit dem Satan verbunden, daß er ihm durch einen solchen Pferdeschlag den Rest gäbe, damit das Volk über seinen Tod kein neues Aufsehen mache. Mittlerweile hat man seinem nicht weit von ihm wohnenden ältesten Sohne Nachricht von dem Verlaufe seines Unfalls gegeben, derselbe kam auch und ist ihm auch nicht wieder von der Seite gegangen, sondern hat die ganze Nacht bei ihm gewacht. Glock 3 Uhr endlich ist er gestorben. Vorher aber hat ein großer schwarzer Kater von außen ganz künstlich mit der Pfote das zugemachte Fenster aufgewirbelt, ist jählings in die Stube gekommen, auf des Kranken Bett gesprungen und hat das Hauptkissen und Gesicht desselben mit solcher Heftigkeit angefallen, als wenn er den ganzen Mann mit Gewalt fortschleppen wolle. Darauf ist der Kater wieder verschwunden, Cuntze aber gestorben.

Am nächsten Morgen ist nun Cuntze’s ältester Sohn mit etlichen Blutsverwandten zu dem Stadtpfarrer gegangen, hat den Tod seines Vaters gemeldet und um ein standesgemäßes Begräbniß, da er ein Mitglied des Raths gewesen, gebeten. Solches ist ihm auch zugesagt und zur Rechten des Altars in der Kirche ihm eine Grabstätte angewiesen worden, wofür aber seine Erben ein gut Stück Geld bezahlt haben.

Cuntze war kaum todt, so entstand ein greuliches Gewitter, und bei dem Leichenconduct hat es so gewaltig gestürmt und geschneit, daß es die Leichenbegleiter kaum ausstehen mögen, sobald aber der todte Körper unter die Erde gebracht war, wurde es wiederum ganz helle und der rasende Wind legte sich. Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß als ihn zwei arme Hausweiber in einer Wanne abwaschen sollten und ihm also die Hände auf den Rücken beugten, der todte Körper eine von diesen Händen gewaltig zurück auf denjenigen Ort des Bauches geworfen, wo der Pferdeschlag hingetroffen. Darüber wurde das eine Weib sehr stutzig, die andere aber sagte: »Schweig, daß wir von unserm Ausplaudern nicht Unglück haben.«

Kaum waren nun aber einige Tage nach seiner Beerdigung hingegangen, als sich in der Stadt das Gerücht verbreitete, es ließe sich ein Alpgespenst oder höllischer Geist in Cuntze’s Gestalt sehen, welcher eine in der Nachbarschaft wohnende Frau angefallen, niedergeschmissen, hart geplagt, und zwar schon Tags vorher, ehe er begraben war. Bald nach dem Begräbniß sei eben dieser Geist zu Jemand, der in seiner Stube geschlafen, gekommen, habe ihn aufgeweckt und geschrieen: »Ich kann mich kaum halten, daß ich Dich nicht dergestalt antaste, daß Du auf lange Zeit genug hast!« Man sagte dies der Cuntzischen Wittib und die Gassenwächter redeten aus, man höre alle Nächte in Cuntze’s Hause ein grausames Gepolter, Werfen und Fallen, des Morgens stehe die Thüre offen, die man doch des Abends vorher fest verschlossen und verriegelt, die Pferde im Stalle machten ein solches Turnieren, als wenn sie Jemand strapazire oder sie sich selbst unter einander bissen und schlügen. Einem gewissen ehrlichen Manne erzählte seine Magd, sie wäre frühmorgens im Schlafe erschrocken, da sie Jemanden um das Haus herumreiten gehört, der mit solcher Gewalt an die Wände geschlagen, daß die Balken gezittert, und zu den Fenstern sei ein heller Glanz hereingeleuchtet, worüber sie aus Furcht mit den Andern unter das Bett gekrochen. Der Mann ging nach dem Aufstehen vor die Hausthüre, besah sich alle Wände und fand in dem frisch gefallenen Schnee solche fremde Fußtapfen, die keines Menschen und keines Thieres Füßen ähnlich sahen.

Am 24. Februar ging der Pfarrer des Ortes nach gehaltener Katechismuslehre zu einem von den Stadtrichtern, der befand sich unpäßlich und redete den Geistlichen also an: »Ach, lieber Herr Gevatter, vorige Nacht habe ich Cuntzen in meinem Hause gesehen und mit ihm gesprochen!« Wie nun der Pfarrer sich darüber wunderte, als über eine unmögliche Sache, betheuerte es der Mann höchlich mit den Worten: »Ich habe ihn gestern Nachts um 11 Uhr mit meinen Augen gesehen, und gehört, daß er mich also angeredet: Fürchtet Euch nicht vor mir, lieber Gevatter, ich werde Euch nichts Böses thun, sondern komme nur, um etwas mit Euch zu reden. Ich habe nach meinem Tode meinen jüngsten Sohn Jacob zurückgelassen, den Ihr mir aus der Taufe gehoben; nun hat mein ältester Sohn Stephan eine Kiste bei sich mit 450 Gulden, das zeige ich Euch hiermit an, daß mein jüngster Sohn nicht um seinen Antheil betrogen wird. Ich trage Euch auf, für denselben treulich zu sorgen, unterlasset Ihr aber solches, so möget Ihr zusehen, was Euch begegnen wird!« Dieser Mann war der Stadtschreiber allda und versprach dem verlarvten Gespenste seine redlichen Dienste. Darauf verschwand es aus diesem Zimmer, polterte aber im andern Stockwerke desto heftiger, daß Alles erzitterte, begab sich hernach in den Stall zu den Kühen und turnirte mit denselben aufs Grausamste, als ob alle sich losgerissen hätten, da man sie doch am Morgen in guter Ordnung angebunden fand.

Das Haus dieses Stadtschreibers stand nun aber neben dem Cuntzes, in welchem der Geist alle Nächte einen so erbärmlichen Lärm machte, daß die ganze Familie in eine Stube zusammenkroch und noch Wächter dingte, welche wechselsweise wachen mußten. Unter diesen waren ein Paar verwegene Kerle, die sich zum Wachen anboten, weil sie brav dabei zu trinken bekamen. Wie nun der Geist die Thüre bald öffnete, bald zusperrte, bald in der Küche, bald im Keller herumsauste, öfters auch in das Zimmer, wo sie alle beisammen waren, zur Stubenthüre in Cuntzes Gestalt hereinguckte, schrieen sie ihn an: »Bleibe hier, bleibe hier, Du Betrüger! Ei was bist Du jetzt in der Nacht für ein vorsichtiger Hauswirth, der Du zuvor bei hellem Mittag das Deine nicht also verwaltet und nur immer gegeizt hast! Warum bist Du jetzt so fleißig im Finstern, Du alter Schelm? Komme doch herein und thue uns in einem zugebrachten Trunke Bescheid!« Ueber der Speisestube lag viel altes und neues Eisenzeug in einer Kammer, dasselbe warf es mit den Ketten gräßlich unter einander. Die Pferde quälte es so grimmig, als wenn es selbige erwürgen wollte, insonderheit hatte dasjenige Pferd, welches ihn so heftig vor der Thüre geschlagen, weder Tag noch Nacht Ruhe und wenn sich gleich die andern Rosse aus Müdigkeit auf den Boden streckten, blieb selbiges allezeit stehen, schwitzte und zitterte stark, bis es endlich der Henker bekommen hat. Man hielt gar dafür, der Teufel stecke in diesem Gaul und habe durch dessen Fuß den Cuntze tödtlich geschlagen. Sein Schweiß war immer kalt wie jener Cuntze’s auch gewesen war, und da es zu Cuntze’s Untergang sich gebrauchen lassen, fragten Viele, ob man nicht solches als ein teuflisches Werkzeug mitsammt der Cuntzischen Leiche auf einem Holzstoße verbrennen solle.

An den schwach brennenden Lichtern, auch sogar an den Laternen beurtheilte die schüchterne Familie die unsichtbare Anwesenheit des bösen Geistes, und sie erweckten deshalb einander aus dem Schlafe. Denn die, welche schliefen, wurden gedrückt und dergestalt abgemattet, daß man sie bei geschehener Erweckung mit Schlagwasser bestreichen und als Ohnmächtige fast vom Tode erretten mußte. Vielmals wurden auch die Schlafenden an der Seite ihrer Wächter entsetzlich gepeinigt, daß sie gleichsam die schwere Noth bekamen und mit den Füßen gewaltig strampelten, auch mit kostbaren Arzneimitteln kaum wieder zurecht kamen. Die Wittwe ließ eine Magd neben sich in ihrem Bette liegen, die hieß aber der Geist weggehen, oder er wolle ihr den Hals umdrehen. Die Wittwe legte sich deswegen in die Stube zu ihren Leuten und diese litten erschreckliche Noth von dem Gespenste, welches sich öfters beim Ofen in einem Sterbekittel sitzend präsentirte. Die Wittwe hatte es am Schlimmsten, denn sie durfte ohne Gefahr auch bei Tag sich kaum in ein Gemach begeben. So war der Geist allenthalben sichtbar und wollte sie sogar zum Beischlaf nöthigen. Er soff die Milch aus den Milchtöpfen und trieb allerlei Unfug. Dem jüngsten Kinde, das kaum abgewöhnt war, schrie er zu, es solle ihm bald in das Grab nachfolgen, da wolle er ihm viele goldene Gröschel geben. Der älteste Sohn kam vom Lande her in das elterliche Haus daselbst zu übernachten, aber das Gespenst tumultuirte in seiner Kammer dergestalt, daß er mitten unter dem eifrigsten Gebete kaum darin länger schlafen konnte. Einer von der Familie war vorwitzig genug zu sehen, was denn das Gespenst bei Nachtzeit anfinge, und ging deshalb allein auf den Gang. Cuntze begegnete dem Menschen, der sprang aber aus dem Gange zurück ins Speisezimmer und fiel auf die Erde. Das Gespenst drückte und würgte ihn nun dergestalt, daß er von allen Kräften kam und am nächsten Morgen die Flecken an seinem Halse und Leibe sichtbar blieben, worauf er seinem Vorwitz nicht weiter nachhängen wollte. Gegen Morgen ließ sich der Geist von vielen Leuten persönlich schauen, aber bei Nacht turnirte er am Allerheftigsten, als ob er ganze Häuser niederreißen wolle. Einen großen Pfeiler, den kaum zwei Männer ertragen hätten, riß er aus dem Grunde und warf ihn anderwärts hin. Außer der Stadt begegnete er vielen Menschen reitend auf einem dreibeinigen Rosse von derselben Farbe, wie sein Leibpferd gewesen war. Bisweilen redete er mit denen, so ihn begegneten, von allerlei Fuhrwerk. Er ritt wie ein Unsinniger durch die Stadt und Felder hin, sodaß das Feuer unter ihm aus den Steinen sprang. Eine faule Magd hatte sich eher schlafen gelegt, als ihre Frau nach Hause kam, wie nun bei deren Heimkunft noch Essen anzurichten und Tischgefäße zu reinigen waren, erschien nach dem Essen das Gespenst, öffnete Haus-, Stuben- und Kammerthüren, trat vor das Bett der Frau, berührte ihren Arm mit einer eiskalten Hand und fragte, warum sie an einem Donnerstage zur Nacht noch aufwaschen ließe? (Denn die gemeinen Leute im Jägerndorfischen Gebirge ließen aus einem alten Aberglauben sowohl in den zwölf Nächten vor Weihnacht bis zum großen Neujahr, als auch an einem Montag, Donnerstag und Sonntag nicht leicht Hausarbeiten vornehmen und selten aufwaschen.) Als nun die Frau versicherte, was diesmal geschehen, solle nie wieder geschehen, ging das Gespenst in die Speisestube, spühlte alle Geschirre aus, schlickerte brav mit dem Wasser und verschwand dann wieder. Sonst hat das Gespenst einem Schmied seine Kinder fast an den Gebeinen zerquetscht, ein Paar alte Männer so hart gepreßt, daß sie kurz darauf gestorben sind, einen andern Alten aber so erschreckt, daß er die Treppe heruntergefallen ist. Sechswöchnerinnen hatten vor ihm die wenigste Ruhe, denn er drückte ihnen die Brüste aus oder nahm ihnen die Kinder aus den Wiegen oder verhinderte sie die Wiegen zu bewegen. Zu einer alten Frau kroch er ins Bett, steckte ihr den Finger in den Hals und hätte sie beinahe erwürgt. Andere wollte er nothzüchtigen. Von einer andern Frau forderte er etwas Gerste ein, so er ihr bei Lebzeiten geborgt hatte. Einen besoffenen Mann, der auf die Bitten seines Weibes nicht schlafen gehen wollte, verleitete er durch seine Erscheinung am Nebentische, daß er nach ihm schlug, aber dabei die Hand dergestalt an der Wand verletzte, daß er lange Zeit nachher lahm war.

Es ist ein Wahn gemeiner Leute, daß wo Pillweisen oder Hexenmeister begraben liegen, sich unter ihren Grabsteinen Löcher zeigen, als wenn da Mäuse herausgekrochen wären. Ein Gleiches sah man bei Cuntze’s Grabe und zwar sehr groß und tief, so daß man mit einem Stabe bis auf den Sarg stoßen konnte. Man nahm den Leichenstein heraus, füllte die Löcher und Gruben aus und trat Alles fest ein, am folgenden Tage waren aber die alten Löcher wieder da und noch größer als vorher, gerade als wenn die Hühner unter dem Steine gescharrt hätten. An dem Altartuche erschienen große Blutflecken, so viele Edelleute in Augenschein genommen haben. Den Leichenwein fand man sehr beschmutzt, wußte aber nicht, von welchem Thiere. Ja das Ungethüm machte sich über den Taufstein her, besudelte das Wasser und die Tuchdecke, und zeigte sich im Sterbekittel auf dem Tische, worauf das Tauftuch abgetrocknet werden sollte. Mit einem Juden, der gerade durchreiste, fing es im Wirthshause lächerliche Possen an. Einem ihm bei Lebzeiten bekannten Fuhrmann spie es Feuerflammen auf die Füße, daß er einige Zeit vor Schmerzen lahm geblieben ist. Auf dem Markte unter der Laube schlief einer mit seinem Weibe, diese wollte er überreden, aufzustehen, weil ihre Tochter Martha in einen Brunnen gefallen sei. Einem Futterknechte löschte es die Laterne aus, wie er sich aber brav zur Wehre setzte, verschwand es. Mit einem andern schlug es sich auf der Straße und biß ihn dergestalt in die Finger, daß er darauf gelähmt blieb. Die bei ihren Männern liegenden Weiber neckte es auf alle Weise. Eine von denen, so ihn abgewaschen, stand schreckliche Plage aus, weil er mit großen Stücken Leim nach ihr schmiß. Ein Vorüberreisender sah ihn auf dem Thurme des auf dem Berge stehenden Kirchleins zum Fenster herausgucken, mit glühenden Augen, welches auch mehrere andere Leute bezeugt, die vornehmlich einen abscheulich dicken Kopf an ihm beobachtet hatten. Man hinterbrachte solches dem Geistlichen, der ging gleiches Weges hinaus, sah aber am Fenster nichts als eine lange Stange, in welche er sich verwandelt. Die auf den Feldern Flachs jätenden Weiber sahen ihn auf den Aeckern herumhüpfen, mit welchem sich in Kurzem sechs andere dergleichen Tänzer vergesellschafteten und um die Weiber herumsprangen, die aus allen Kräften davonliefen, in die Stadt eilten und es dem Rathe anzeigten. Die Hunde nahm dieses Gespenst und schmiß sie wider die Erde oder gegen die Wand. Die heimkommenden Kühe saugte es aus, daß sie keine Milch in den Eutern behielten, und drehte ihnen die Schwänze zusammen, wie in einem geflochtenen Pferdeschweif. Die Hühner jagte es aus den Ställen und Körben und fraß ihnen die jungen Hühnlein. Die Ziegen legte es mit gebundenen Füßen in die Krippen. Den Kälbern benahm es mit Aussaugen alle Lebenskraft, so daß sie wie Laternen aussahen. Mit den Pferden handtirte es grausam. Dem einen band es den Futterkasten an den Hals und ließ es los, daß es solchen durch den ganzen Stall fortschleppte, einem andern steckte es den einen Schenkel durch den Ohrriemen so fest, daß man zum Herunterlassen den Riemen entzweischneiden mußte. Ein Vorwerksmann oder Dorfvogt kam in die Stadt, verkaufte das Seinige, betrank sich hernach und ging aus Vorwitz zu Cuntzens Wittfrau, weil er im Hause wohl bekannt war und gern den wiederkommenden Geist sehen wollte. Cuntze ist auf Benennung seines Namens bald da und giebt dem ersten Nebenstehenden eine derbe Maulschelle, so daß der andere Zeit zum Weglaufen hatte, wollte er nicht auch zur Erde niedergeschlagen sein. Einen Kirchenschläfer weckte er also auf, daß er halb ohnmächtig erwachte. Eine Frau drückte er nebst ihren Kindern so, daß sie hätten zerbersten mögen, und dergleichen Drückungen an Manns- und Weibspersonen sind gar unzählig viele geschehen. Es verschonete eben diese teufelische Spukerei selbst nicht mehr den Geistlichen dieses Ortes. Es drückte ihn, seine Frau, seine Kinder, sein Gesinde, daß keines mehr schlafen wollte, sondern alle über Nacht in einer Stube beisammen blieben. Eine Magd, die frischer als andere sein wollte, bekam bald den Lohn ihres Vorwitzes. Bisweilen grunzte der Geist wie eine Sau, und wenn man ihn auf diese Art störte, machte er sich auf eine andere Art verdächtig, so daß der gute Mann nicht wußte, was er weiter anfangen oder wo er bleiben sollte. Als er nun den 8. Julius Abends mit seiner Eheliebsten und Kindern beisammengesessen und auf dem Orgeltische gespielt, hat sich jählings ein ganz unerträglicher Gestank eingefunden, der sie alle auszuweichen nöthigte. Wie er sich nun nach andächtig gebetetem Abendsegen in die Schlafkammer begeben, so ist binnen einer Viertelstunde auch dort ein entsetzlicher Gestank entstanden und der Herr Pfarrer hörte das Gespenst an sein Bett hinkommen, wo es ihn mit einem so kalten und stinkenden Dampf angeblasen hat, daß er davon krank geworden, das ganze Gesicht ihm geschwollen ist und die Augen sehr viel dabei gelitten haben. Aus diesen Ursachen ward die ganze Stadt Bendschin in Verruf gebracht, Niemand von Adel traute sich mehr hinein, kein Durchreisender blieb über Nacht drinnen und die Einwohner wußten sich nicht mehr zu helfen, als daß sie auf den Gedanken kamen, einige Gräber zu eröffnen und die Leichen zu besichtigen, weil vor verschiedenen Jahren bei gleicher Bewandtniß solcher Rath ihnen geholfen. Der Herr Pfarrer redete zwar theologisch und physicalisch dawider, allein die geplagten Inwohner kehrten sich nicht daran, sondern waren unter einander einig geworden, keiner Familie Begräbniß zu schonen, sondern vielmehr so lange nachzusuchen, bis sie die Quelle ihres Unheils fänden, solche verstopften und ableiteten. Sie baten sich also bei dem Geistlichen die Schlüssel aus, die ihnen nach langem Disputiren der Glöckner auch aushändigte, und damit ließen sie sich durch den Todtengräber etliche Gräber öffnen, sowohl derer, die vor, als derer, die nach Cuntze beerdigt worden, um den Zustand der Leichen in Augenschein zu nehmen und nach demselben ihre Beurtheilung einzurichten, weil sie vorgaben, es wären gewisse Zeichen an den Gliedern der Verstorbenen, daraus man ersehen könne, ob sie ehrliche Christen gewesen, oder mit dem Satan in einem gotteslästerlichen Bunde gestanden und in selbiger Todsünde dahin gestorben.

Nachdem man nun obgedachten Cuntzes sowohl als anderer Leute Gräber und Särge geöffnet, fand sich an der Leiche ein bedenklicher Unterschied. Denn alle anderen Leichen, so vor und nach Cuntzen unter die Erde gekommen, waren schon großen Theils verweset oder standen in völliger Fäulniß, bei Cuntze aber war der Leichnam unversehrt, frisch und ganz, nur die Haut an der Brust und am Haupte sah schwärzlich aus, weil man sie beim Einlegen in den Sarg mit ungelöschtem Kalk überstreut, damit sie sich desto eher verzehren sollte. Unter dem obersten Häutlein, so sich leicht wegkratzen ließ, war die andere stärkere frisch und röthlich, alle Gelenke biegsam und alle Glieder beweglich. Man steckte ihm erforschungshalber einen Stab in die rechte Hand, den hielt der Leichnam mit seinen Fingern ganz fest, die Augen standen bald offen, bald geschlossen, und als man den Körper aufgerichtet, drehte er das Gesicht erstlich gegen Mitternacht und am folgenden Morgen gegen Mittag. Jemand wagte es, ihm den Strumpf abzuziehen, darunter war Alles unversehrt, die Haut röthlich und die liegenden Adern deutlich zu sehen. Als man die andere Wade mit einem Messerschnitt öffnete, lief das schönste rothe Blut wie bei einem lebendigen Menschen heraus. Die Nase, welche bei abgestorbenen Leuten am ersten einfällt, war ganz unbeschädigt und nicht eingeschrumpelt. Cuntze war sonst im Leben klein von Person und hager gewesen, seine Leiche aber war anjetzo viel stärker, das Gesicht geschwollen, die Backen aufgelaufen und Alles zerdunstet, wie ohngefähr bei gemästeten speckfetten Schweinen, so daß also die Last des Körpers fast nicht mehr Raum hatte in dem Sarge, worin er vom 8. Februar bis 20. Juli gelegen.

Damit man sich nun aber in der ganzen Sache nicht übereilen möchte, wurde mit klugen Leuten aus der Nachbarschaft darüber oft gerathschlagt, unter diesen war aber Niemand, der nicht die Schuld alles bisherigen Unheils auf den verstorbenen Cuntze geworfen. Deshalb hat man ihn zum Feuer verurtheilt, ist aber nicht zur Vollziehung des Urtheils geschritten, ehe man den völligen Verlauf an den Hof des regierenden Landesfürsten berichtet und von da ein Gutachten weitern Verhaltens empfangen. Die erste Antwort lautete, man solle sich in der Sache nicht übereilen, sondern weitern Rath und Kundschaft einziehen; da haben aber die Inwohner, so des täglichen und nächtlichen Tumultuirens überdrüßig waren, mit einem benachbarten Scharfrichter (weil sie damals noch keinen eigenen hatten) accordirt, daß er mit zwei Knechten hinkäme und den Brand vollzöge. Sie versprachen ihm dafür zur Belohnung Cuntzes obgedachtes Leibpferd und etwas an Geld, auch freie Kost, so lange er sich in dieser Sache bei ihnen aufhalten werde. Inzwischen bereitete man alles Nothwendige, man bestellte Männer, ein Loch in die Wand bei dem Altar zu bohren, durch welches man das Aas hinausstoßen könnte. Alle Inwohner gingen insgesammt über eine dem Cuntze gehörig gewesene Haue in dem nächsten Gehölze her, schlugen das Holz wie es zum Brande gehörig, führten es auf die Richtstätte und ließen durch die Henkersknechte einen Holzstoß aufrichten. Den Körper zog man mit Strängen aus dem Grabe durch das Loch in der Kirchenmauer und er wurde so schwer befunden, daß die Stricke darüber zerrissen und man ihn kaum von der Stelle zu bringen sich getraute. Hier außen stand der Schinderkarren, an welchen man des Cuntzen Leibpferd spannte, um ihn mit der Leiche fortzuschleppen. Dieses geschah also, aber mit solcher Beschwerlichkeit, daß ihn besagtes starkes Roß kaum erziehen konnte, sondern man oftmals ruhen und mit Schlägen den Gaul zum weitern Anziehen zwingen mußte, da es hingegen beim Hereinfahren beide starke Knechte und den Karren ohne alle Mühe leidlich fortgeführt. Da man auf den Schindanger kam, wurde der Leichnam mit dem am Halse gelegenen Erdklos und Sterbekittel auf den Holzstoß gebracht und derselbe angezündet. So stark nun die Flamme war, und wie lange er auch darauf lag, es brannte doch nicht mehr weg, als der Kopf, die Hände bis an den Ellenbogen und die[Unterbeine bis an die Kniee, der übrige Stumpel blieb fast ganz. Darauf zog ihn der Henker mit Feuerhaken vom Holzstoße, hieb ihn zu Stücken und fand darin so häufiges frisches Geblüte, daß er selbst über und über damit bespritzt ward. Das ziemlich fette Fleisch wurde stückweise in die Flammen geworfen, verzehrte sich aber so langsam, daß der Brand bis in die Nacht dauerte, auch auf derselben Stelle, wo man ihn zerstückte, wurde Feuer angemacht, weil alles Blut daselbst befindlich. Man setzte also die Nacht über Wächter hin, und auf den andern Morgen warf man die übriggebliebene Asche in den vorbeifließenden Strom, auch geschah dies mit der aus dem Grabe ausgegrabenen Erde, und der Ort ward mit großen Steinen ausgefüllt, auf daß Niemand weiter dahin begraben werden möchte. Es entstand hierbei die Rede, als wären des zweiten Weibes, so Cuntze zur Ehe gehabt, Eltern und Bruder auch wegen solcher Gespensterei, die nach ihrem Tode unter ihrer Gestalt vorgegangen, auf Befehl der hohen Herrschaft, unter welcher sie gewohnt, ausgegraben und verbrannt, mithin vielleicht der Cuntze durch sie zu einem gleichmäßigen teuflischen Bündnisse veranlaßt worden.

Gleich den Tag darauf aber, als man den Körper verbrannt hatte, ließ alles satanische Gepolter auf einmal nach. Man fragte die Nachtwächter und diese sagten, es wäre Alles die ganze Nacht hindurch stille gewesen. Jeder, der dem andern des Morgens begegnete, freute sich über die allgemeine Beruhigung, recht als wie wenn nach einem starken Donnerwetter und Platzregen der heitere Himmel und Sonnenschein Alles wieder erquicket, und so ist es auch eine Zeit lang geblieben, bis aus dem Cuntzischen Hause eine Magd gestorben und ehrhaft zu Grabe bestattet worden ist. Weil man sie aber in Verdacht hielt, sie möchte von dem alten Cuntze etwas gelernt haben und mit Hexengift angesteckt sein, so suchte man damit einer besorglichen Spukerei vorzubeugen, daß man ihr viererlei Sachen im Sarge beilegte, nämlich eine Radekoppe oder Radnagel, einen Silbergroschen, den strohernen Wisch, womit sie in der Küche sonst aufgewaschen, und ein Stück frischen Rasen, so man ihr an den Hals zwischen dem Kinne und der Brust aufbürdete. Dies alles sollte zur Verhinderung etwaiger Hexereien dienen; aber vergeblich. Denn acht Tage nach ihrem Tode erschien ein gewöhnlicher Poltergeist und drückte die andere Magd so lästerlich, daß ihr die Augen davon aufschwollen. Er ergriff ein Kind in der Wiege und hätte es erwürgt, wenn nicht eine Kinderfrau bei Zeiten herzugesprungen und mit oftmaliger Anrufung des Namens Jesu es noch gerettet. In der folgenden Nacht kam es in Gestalt eines Huhns in den Stall; weil nun die andere Magd meinte, es wäre ihr eins aus dem Korbe herausgeflogen und sie das Stallhuhn also erwischen wollte, wurde solches in einem Augenblicke entsetzlich groß, ergriff die Magd beim Halse und kniff sie so grob, daß ihr solcher verschwoll und sie einige Tage ohne großen Schmerz weder essen noch trinken konnte, auch bei dieser ihr zugestoßenen Lebensgefahr sie sich mit der heiligen Communion zum Tode vorbereitete. Einem andern Frauenzimmer befahl der Geist, sie solle ein weißes Hemde anziehen, weil das, was sie anhabe, zum Waschen unsauber genug wäre. Das Poltern dauerte einen ganzen Monat lang auf allerhand Art, das Gespenst schlug grausam an die Thüren, es drückte die Leute, schmiß sie aus den Betten, erschien in Weibes-, Hundes- und Bocksgestalt, es trank bei dem Bürgermeister eine Flasche Rosenweinessig aus, die doch am nächsten Morgen wieder voll war, und was solcher Possen mehr waren. Weil man nun im Verbrennen des Körpers das beste Mittel zu sehen erachtete, grub man sie aus, besichtigte den Sarg und fand, daß sie sich fast in der Art wie Cuntze’s Leiche darin befand, auch den am Halse liegenden Rasen bis auf die bloße Erde weggefressen hatte. Man wanderte demnach mit ihr unter den gewöhnlichen Ceremonien zu dem Holzstoß, verbrannte den Körper, streute die übrig gebliebene Erde in ein vorbei fließendes Wasser und damit nahm die neue Poltergeisterei zu Bendschin ein baldiges Ende und die vom Geiste gequetschten und gedrückten Personen wurden zusehens wieder gesund.

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