Hermann Goedsche: Der Wudkoklak, aus `Sebastopol´

In den Thälern der Donau lebt eine grauenvolle Sage und pflanzt sich fort von Vater auf Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Wenn der Vollmond seinen bleichen Schein über Fels und Wald gießt, dann erhebt sich der Wudkoklak – der Vampyr der Griechen-Slawen und Moldau-Walachen – aus seinem Grabe, in dem er mit offenen Augen und starrem Blick schläft. Seine Klauen und Haare wachsen im Todesschlaf, – warmes Blut rinnt durch die erstorbenen Adern; denn in den unheimlichen Nächten des Vollmonds frischt er es auf, indem er durch das Land streift, den Lebenden die Rückenader öffnet und ihr rothes Blut saugt.

Schaurig ist der Glaube des Volkes! Steht ein Todter in dem Verdacht, auf diese Weise sein Grab zu verlassen, so wird er feierlich ausgegraben. Hat die Verwesung ihr Werk gethan, so begnügt sich der Pope, ihn mit Weihwasser zu besprengen; ist er aber roth und blutig, so treibt man ihm den Teufel aus und stößt ihm bei seiner Wiederbeerdigung einen im Feuer gehärteten Eichenpfahl in die Brust, damit er sich nicht wieder erheben könne. Die hungrigsten Raben fliehen den Leichnam des Verfluchten schon von Weitem, ohne zu wagen, ihn auch nur mit der Schnabelspitze zu berühren!

Aber einen andern Wudkoklak giebt es, vor dem nicht der Segen des Priesters, nicht der blutige Pfahl durch die Brust zu schützen vermag: lebendig wandelt er unter den Lebenden und sucht seine Opfer. Oft wird er vom unwiderstehlichen Drang nach Schlachtengemetzel ergriffen und verläßt bei Tag und Nacht seine Wohnung und schweift umher, Menschen und Thiere, die ihm begegnen, mit Bissen zerfleischend. Aber das Blut junger Mädchen und Frauen ist es, worauf er besonders lüstern, – in ihr Herz schleicht er sich ein durch tausend listige Ränke, und wenn er in der Braut- oder Liebesnacht sie in die Arme preßt, schwindet ihr Bewußtsein und das Blut weicht langsam aus ihren Adern, das Antlitz wird bleich und täglich bleicher, die Quellen des Lebens vertrocknen, statt frisch zu erschwellen in befruchtender Kraft; – denn allnächtlich theilt der Vampyr ihr Lager und saugt der Schlummernden das Mark aus dem Gebein, das frische rothe Blut aus der zitternden Brust, und das junge Leben welkt und welkt, und ehe der Mond zwanzig Mal seinen Kreislauf vollendet, deckt die Erde den frischen Leib und das gebrochene Herz, und der Wudkoklak darf nach neuen Opfern suchen.

Zuweilen auch paart er sich mit der Wjeschtitza, dem weiblichen Gnomen, dem Gespenst mit Feuerflügeln, das Nachts sich auf die Brust des schlafenden Kriegers niedersenkt, ihn in seine Arme preßt und ihm seine Wuth einflößt. Alsdann raubt wohl die Wjeschtitza, in Gestalt einer Hyäne, kleine Kinder und schleppt sie fort in den Wald, da die Liebe des Wudkoklak kein Leben zu zeugen vermag. Das sind dann die klagenden Stimmen, die in Fels und Wald nach den Eltern rufen, das sind die wankenden bleichen Lichter, die den Wanderer in den Moder der Sümpfe begraben!

Der Bulgare macht drei blutige Kreuze an seine Thür, um dem Wudkoklak und der Wjeschtitza den Eingang zu sperren. Doch vergeblich, denn die Wjeschtitza senkt sich im Haß und in der blutigen Leidenschaft auf jede Menschenbrust, und über die Schwelle des Palastes und der Hütte, durch die ganze Welt schreitet der Wudkoklak und heftet den gierigen Mund an Unschuld und Tugend, an Alles, was schön, vertrauend und erhaben ist, und mästet sich von dem Lebensmark der Lebendigen, die sich machtlos winden in seinen Schlangenarmen!

Advertisements

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: