Frank T. Zumbach: James Joyce, 1907

 

Am Abend des 27. April 1907 hatte Joyce seinen ersten großen öffentlichen Auftritt an der Università Populare in Triest. Er hielt sich und seine Lebensgefährtin Nora damals notdürftig durch Sprachunterricht an der Berlitz School und Nachhilfestunden über Wasser, und sie verdiente ein wenig durch Näh- und Bügelarbeiten hinzu. Die zwanzig Kronen, die er für seinen Irland-Vortrag erhalten sollte, waren nur das übliche Volkshochschulhonorar, aber hochwillkommen. Joyce konnte mit Geld nicht umgehen. In letzter Zeit gab er das wenige, was er verdiente, immer häufiger in Kneipen aus, frustriert darüber, daß es mit seiner Karriere nicht so recht vorangehen wollte. Er flirtete mit anderen Frauen herum, stritt mit Nora, wenn er frühmorgens heimkehrte und erschien verkatert im Klassenraum.

Ein Monolog, mit dem er einmal seine Schüler unterhielt, läßt ihn in keinem besonders guten Licht erscheinen:

„Wenn auf irgend etwas, dann versteht meine Frau sich aufs Kinderkriegen und Seifenblasenpusten… Wir haben George the First. Wenn ich nicht aufpasse, kann man sich darauf verlassen, daß sie mir noch den zweiten Erben der Dynastie aufhalst. Nein, nein, Nora, Mädchen. Diesem Spiel kann ich so gar nichts abgewinnen. Folglich denke ich mir, solange es in Triest Kneipen gibt, ist es besser, wenn dein Ehemann die Nächte außer Haus verbringt, so daß er ordentlich weiche Knie kriegt.“ Man muß allerdings auch seine Liebesbriefe und –gedichte an Nora gelesen haben – etwa die in seinem ersten, im gleichen Jahr veröffentlichten Gedichtband `Chamber Music´ – um ermessen zu können, an welchem Tiefpunkt Joyce angelangt war. Er stand, wie es seine Romanfigur Leopold Bloom später in Bezug auf sein alter ego Stephen Dedalus ausdrückte, wieder mal im Begriffe, „liederlich zu werden.“

Bei seinem Vortrag ging es auch darum, etwas von dem Prestige zurückzugewinnen, das er schon zu einem Gutteil verspielt hatte. Den Anzug hatte er sich vom Schulleiter Almidano Artifoni (den er später als seinen `Gesangslehrer´ im `Ulysses´ verewigte), den Übermantel von seinem Bruder `Stannie´ geliehen, der gerade zu Besuch war. Nora besaß kein Kostüm, das dem Anlass angemessen gewesen wäre. „Die Triestiner,“ schrieb er in einem Brief, „legen großen Wert darauf, `modisch´auf der Höhe zu sein, oft hungern sie, um in guten Kleidern auf dem Pier prunken zu können, und sie“ (Nora)“… mit ihrem kurzen Vier-Kronen-Rock und ihrem über die Ohren gekämmten Haar wird ständig gehänselt und ausgeladen.“ Stannie fand es klüger, sie mit Baby Giorgio ins Kino zu schicken, in eines der flimmernden Melodramen, die sie so mochte. Außerdem hatte Joyce offenbar `nicht aufgepasst´: Sie war gerade zum zweiten Male schwanger geworden.

In der Salla del Borsa wartete schon eine größere Menschenmenge, darunter viele Bekannte und Schüler von Joyce, von denen wiederum ein Großteil Anhänger der irredenta war – jener nationalistischen Bewegung, die Gebiete des österreichischen Kaiserreiches mit italienisch sprechener Bevölkerung – wie Istrien, Dalmatien und das südliche Tirol – für Italien zurückforderten. Die bedeutende Hafenstadt Triest, als `Schlüssel zur Adria´ für Österreich von hoher strategischer Bedeutung, war ihre Hochburg, ihrer organisierten Demonstrationen und ihren immer lauter werdenden Rufen nach Selbstverwaltung. Es brodelte längst auch hier, am südwestlichen Ende des Vielvölkerstaats, und Italien schloß sich acht Jahre später im 1. Weltkrieg der Entente gegen Deutschland-Österreich an ( Triest gewann es allerdings erst 1919 im Frieden von St. Germain zurück).

Diese Hintergründe muß man wissen, um zu verstehen, daß sich Joyce mit seinem Thema auf vermintem Terrain bewegte. Die Parallele zum britisch besetzten Irland lag auf der Hand, und die meisten versprachen sich von seinem Vortrag, daß er sie auch ziehen würde, in aller Schärfe. In einer Artikelserie, die in den vorangegangenen Monaten im Il Piccolo della Sera erschienen war, einer keineswegs kleinen, sondern vielgelesenen und -beachteten Tageszeitung, hatte er sich bereits bedenklich weit aus dem Fenster gelehnt, seine Sympathien für die irische Fenier-Bewegung, die terroristische Vorläufer-organisation der IRA bekundet und durchblicken lassen, daß er Gewalt keineswegs per se verabscheue, sondern in bestimmten Konstellationen für durchaus vertretbar halte. Kaum eine Dubliner Zeitung hätte seiner Zeit solche Ansichten zu drucken gewagt. Das junge Jahrhundert vibrierte von der erst kürzlich errungenen Presse- und Versammlungsfreiheit, den frühen Gewerkschaftsbewegungen, den immer schärfer werdenden politischen Debatten. Die Obrigkeiten, auch die österreichische, waren auf der Hut und befanden sich oftmals in einer brutal reagierenden Defensive, Polizeigewalt gegen den Mob der Straße, und Intellektuelle, die das Maul zu weit aufrissen.

Es ist eine irrige Vorstellung, den 1. Weltkrieg als plötzlichen, ja beinahe zufälligen Einschnitt in eine vorher friedliche und saturierte Zivilisation zu begreifen. Es brodelte eigentlich überall, auch in der Kultur und zwischen den Geschlechtern, und Joyce steckte mittendrin in diesem Kessel. Als Künstler nahm er das Köcheln um sich herum intensiver wahr als seine Zeitgenossen, aber er war nun einmal nicht der Koch, sondern Teil des Menues. 1907 sah er sich noch als Sozialist und bekannte sich auch offen dazu, schien also für die Bougeoisie zu allem fähig. Er war Ausländer, noch dazu in einem Lehrberuf tätig, trank zuviel, lebte in wilder Ehe, machte keinen Hehl aus seiner Verehrung für verpönte naturalistische Schriftsteller wie Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann und vertrat auch sonst gefährliche Ansichten. Er und Nora waren vor drei Jahren, genau: am 20. Oktober 1904, gerade erst mit dem Zug in Triest angekommen, als er, sie am Bahnhof zurücklassend auf der Suche nach einer Bleibe, kaum eine Vertelstunde später auch schon verhaftet wurde, weil er sich partout auf die Seite von ein paar betrunkenen, herumpöbelnden englischen Matrosen schlagen mußte, die gerade Ärger mit der Polizei bekamen. Die Sache lief damals glimpflich ab, aber seine Freunde und Schüler kannten inzwischen seine Neigung, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Nicht wenige Besucher rechneten bei diesem Vortrag zumindest mit einem kleinen Skandal, daß sich so etwas wie eine politische Kundgebung daraus entwickeln könnte: Freiheit für Irland und Italien, auf die Stühle steigen, Fahnen schwenken, Auflösung der Versammlung, Trillerpfeifen, anschließende Saalschlacht und was eben so dazugehörte. Man darf davon ausgehen, daß die Österreicher auch diesmal auf der Hut waren und den einen oder anderen Agenten in die Universitá Populare eingeschleust hatten, die sich emsig Notizen machten. Sie alle wurden enttäuscht. Es gab nicht den Hauch eines Eklats. Joyce betrat in seinem geborgten Anzug blass und fahrig die Bühne und las seinen Vortrag vom Blatt ab. Er traute seinem Italienisch noch nicht genug, um frei zu sprechen. Was er sagte, war geschliffen formuliert, historisch nur bedingt haltbar, aber immerhin von dem lauteren Vorsatz beseelt, die Triestiner mit der komplexen Geschichte und Kultur seines Volkes vertraut zu machen und mit mancherlei Klischees aufzuräumen, die damals in der öffentlichen Meinung, nicht nur in Österreich und Italien, über Irland grassierten und seine Bewohner als eine Mischung aus keltischen Heroen und Dorftrotteln wahrnahmen. Seine Bemühungen um eine Differenzierung langweilte die meisten zu Tränen, übrigens auch seinen Bruder `Stannie´ in der vordersten Stuhlreihe, dem das Ganze „zu lang und eine Spur aufschneiderisch“ vorkam. Er und Joyce wurden dann beide offenbar überrascht von dem freundlichen, „lang anhaltenden“ Applaus, der nach Beendigung dieser Ausführungen erschallte. Der Skandal war ausgeblieben, die eklatante Parallele zwischen dem irischen und italienischen Freiheitskampf, dem beiderseitigen Ringen um Selbstverwaltung und ein eigenes Schulsystem nicht einmal angeklungen, aber man ging zufrieden nach Hause, in dem Bewußtsein, ein wenig mehr über die verrückten Iren und ihren Unabhängigkeitskampf erfahren zu haben, der nun etwas weniger mit dem eigenen zu tun hatte – denn im Gegensatz zum von England kolonialisierten Irland hatten die von Österreich besetzten bzw. protegierten Teile Italiens bisher von ihren `Unterdrückern´ wirtschaftlich und auch kulturell eher profitiert. Für diejenigen, der Joyce´s Rede überhaupt verstanden, machte die Gleichsetzung von italienischem und irischem Freiheitskampf eigentlich keinen rechten Sinn mehr – sie mußten am Sinn von jeglichem Nationalismus zweifeln.

Umso besser. Joyce, Stannie und ihre Freunde, Bekannte, Schüler und Anhänger trafen sich danach noch in einer Bar, um zu begießen, das alles überstanden war, und so ging wieder einmal alles glimpflich aus. Ende der Geschichte. Aber nein, der Vortrag ist ja erhalten geblieben, er ist immer noch nachlesbar, auf deutsch in den `Kleinen Schriften´ bei Suhrkamp, und es lohnt sich, lohnt sich sogar sehr, wieder einen Blick darauf zu werfen. Er heißt `Irlanda, Isola dei Santi e dei Savi´– Irland, Insel der Heiligen und Weisen, und ist vor allem  deshalb so interessant, weil Joyce darin wie in allen seinen Werken in erster Linie über sich selbst spricht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: