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Helena Blavatsky: Vampires, from `Isis Reveiled´

Mai 18, 2017

Von gestorbenen Leuten, etc., aus Johannes Prätorius, `Anthropodemus plutonicus. Eine neue Welt-Beschreibung´

Mai 13, 2017

VII. Von gestorbenen Leuten / oder Larvis, welche der Apulejus nennet noctium occursacula, Bustorum formidamina, sepulchrorum terriculamenta. vide Reiner. Neuhus. I c. in Exam. Philol: p. m. 264.

Hierzu gehören nachfolgende Exempel: Als spricht Christoph Richter in Spectac. Histor: c. 92. pag. 543. etc. Screckliche Toden-Erscheinung. Martinus Zeilerus in seinen Lehrpunckten über die traurige Geschichten des Rossetti erzehlet folgende erschreckliche Geschichte. Es hat sich vor etlichen Jahren zu Erwanschitz in Mähren (wie ich solches Anno 1617 und 18. zu unterschiedlichen mahlen von glaubwürdigen Bürgern allda hab erzehlen hören / mir auch der Ort ist gewiesen worden) begeben / das dem ansehen nach ein ehrlicher Bürger daselbst auff den Kirchhoff in der Stadt ist begraben worden / welcher stets bey der Nacht auffgestanden ist / und etliche umbgebracht hat: Seinen Sterbekittel ließ er allezeit bey dem Grabe liegen / und wenn er sich wieder niederlegete / so zog er den / Sterbekittel wieder an. Einsmahls aber / als er also vom grabe hinweg gienge / und die Wächter auff dem Kirchthurm solches ersahen / haben sie ihm den Sterbekittel unterdessen hinweggetragen. Als er num wieder zum Grabe kam / und seinen Kittel nicht fand / ruffte er den Wächtern / sie solten ihm den Kittel geben / oder er wolle sie alle erwürgen / welches sie haben thun müssen: Hernach aber ward er von dem Hencker außgegraben / und in Stücken zerhauen / da hörete das Ubel auff: Und da er auß dem Grabe gekommen wurde / sagete er: Sie hetten es anitzo wohl recht getroffen / sonsten weil ihm sein Weib gestorben / und zu ihme geleget worden wär / wolten sie beyde die halbe Stadt umb gebracht haben. Der Hencker zoge ihm auß dem Maul einen langen grossen Schleyer / welchen er seinem Weibe vom Kopffe hinweg gessen hatte / denselben hat der Nachrichter dem beystehenden Volcke gezeiget / und gesaget: Schauet / wie der Schelm so geitzig gewesen. Im ersten Theil in der ersten Traurgeschichte.

2. Christian Minsicht im Schauplatze nachdenckl: Geschichte p. 4. Anno 1567. hat in Böhmen ein reicher Mann gelebet / welchen man überall den reichen Hübner genannt: welcher wie er verstorben / hat man ihn / wie andere begraben. Es hat aber nach seinem Tode / eine Gestalt / so ihme ähnlich / sich sehen lassen / zu vielen Leuten in die Häuser gegangen / und sie erwürget und umbbracht / auch dieses Dinges so viel gemachet / daß man vor dem reichen Hübner / an keinem Ort / sicher seyn können. Da endlich vor rathsam erkannt / sein Grab öffnen zu lassen; hat man also seinen Cörper außgegraben / dem Hencker ihm an öffentlicher Gerichtsstelle den Hals abschlagen / und nachmahls mit dem Cörper verbrennen lassen. Nach solcher Execution hat das würgen auffgehöret / und die Gestalt nicht mehr gesehen worden. Es hat aber der Cörper viel Blut von sich gegeben / welches auch so frisch gewesen / als ob er erst gestorben were; wiewohl er schon 5. Monat in der erden gelegen. Bestehe hievon mit mehrern die Böhmische Chronic. it. Hondorff Theat. Histor. tit. de Potest. Satan. in 2. Præcept.

3. Christoph Richter d. l. Erzehlete Geschichte erinnert mich zweyer anderer / so mit derselben übereinst immen / und von Wenceslao Hageco in seiner Böhmischen Chronicke angemercket sind part. 1. pag. 411. beym Zeiler. d. l. pag. 31. etc. Anno 1337. ward ein Hirte eine Meilweges von der Stadt Cadan in Böhmen begraben: derselbe stunde alle Nachte auff / gieng in die Dörffer / erschreckete die Leute / und redete mit ihnen nicht anders / als wenn er lebete / hat auch ihrer etliche gar ermordet: Und welchen er mit Nahmen genennet / der ist in acht Tagen hernach gestorben. Die Nachbahrn haben ihm einen Pfal durch den Leib geschlagen / dessen er aber nur gelacht / und gesprochen: Ich meyne / ihr habt nur einen Wiederwillen zugefüget / indem ihr nur einen Stecken gegeben / daß ich mich desto besser der Hunde wehren kan: Hernach wurde er von zweyen Henckern verbrennet / da er die Füsse an sich gezogen / und eine weile wie ein Ochse / das ander mahl wie ein Esel geschrien: Als auch der Hencker ihm in die Seiten stach / runne das Blut mildiglich herauß: Endlich aber hörte das Ubel auff.

4. Also schreibet gedachter Autor / das Anno 1345. eine Zauberin / eines Töpffers Weib / eines gehlingen Todes gestorben / und auff einen Scheideweg begraben worden / sey aber vielen Leuten in mancherley / auch Viehes-Gestalt / erschienen / und habe etliche umbgebracht. Als man sie außgegraben / habe sie den Schleyer in der Zeit halb gefressen / welcher ihr blutig auß dem Halse gezogen wurde: Darauff schlug man ihr zwischen die Brust einen eichenen Pfal / und bald darauff floß ihr das Blut auß dem Leibe / und ward wieder verscharret. Aber sie risse den Pfal herauß / und brachte mehr Leute umb / als zuvor: Hernacher ward sie mit sambt dem Pfal verbrannt / und die Aschen ins Grab sambt der Erden geleget: Da hörete das Ubel auff: Aber an dem Orte / da man sie verbrennet / hat man etliche Tage einen Wirdelbind gesehen. (Biß hieher jene Historie: Darbey noch dieses zu erwehnen wehnen ist / das an etlichen Orten / als zu Hall in Sachsen und Leipzig / gebräuchlich ist / wenn man auff den Gottesäckern die Todten bey ihren Gräbern / drinnen sie itzt sollen hinein gesencket werden /zu guter letzte / beschauen lässet und ihre Särcke er öffnet / daß man auß der Erden einen halb-Circkel rundten grünen Erd-Torff oder Rasen herauß gräbet / und solchen euserlich dem gestorbenen Menschen / umb den Kinn unterm Hals schiebet / und also begräbet: Solches / sprechen sie / soll darumb geschehen / damit die Todten weder sich selbst noch andere verzehren können: Denn man will verspüret haben / daß sich etliche selbst rund herumb / (etwan wie die Erdlämmer in Tartariâ) befressen / und ziemliche Stücke vom Sterbkittel / ja vom Fleische der Brust und Händen hinein geschlungen haben: Darauff auß der gantzen Freundschafft immer einer nach dem andern darzu soll abgestorben seyn. Umb solches aber zuverhüten / soll das Erdreich gut seyn / daß der Todte drinne seine Lust büssen und seinen Muth kühlen möge. Weiter sollens solche Leute seyn / welche von ihren Müttern / wenn sie einmal gewehnet / und von dem Pitze abgesetzet worden / wieder zum andern mahl fort seynd gestillet worden: Davon ein mehres in einer gewissen Centaria meiner Weiber Philosophie.

5. Es beschreibet Petrus Lojerus in seinem Buch von Gespenstern / unter andern eine wunderbahre Geschicht / auß Æliano Phlegonte, Käysers Adriani Freygegebenen / das nehmlich zu seiner Zeit zu Tralles einer Stadt in Syrien ein vornehmer Adelicher Geschlechter Demostrates, gelebet / so mit seinem Gemahl Charito, eine vortreffliche schöne Tochter / Philinion gezeuget / welche von vielen vornehmen Personen zur Ehe begehret / aber in blühendem Alter mit grossem unauffhörlichen Trauren beyder Eltern / Tods verschieden: und von ihnen stattlich balsamiret / mit köstlichen Kleidern angezogen / bestattet worden. Es begab sich aber bey 6. Monat hernach / daß Machates ein vortrefflicher Jüngling bey gemeldten Demostrate eingekehret / dieweil auch seine Eltern vormahls seines Hospitii und Freudschafft sich gebrauchet: Da er denn von ihm freundlich empfangen / und zu oberst des Hauses in eine Kammer eingewiesen worden. Als er nun umm die Nacht ein zeitlang in allerley Gedancken gesessen / höret er in dem nechsten Saal seines Wirts Tochter / (so damahl vor 6. Monaten Todes verblichen) reden / welche auch so bald zu ihme in die Kammer eingetreten / ihn mit frölichem Angesicht gegrüsset / und bey seinem Nahmen genennet: darüber er erschrocken / wiewohl ihm unbewust / daß die Jungfrau / (deren Gestalt / Kleidung / Rede und Geberden dieses Gespenst gantz an sich genommen /) vorlängst gestorben. Darauff sie denn bald zu ihm getreten / und mit lachendem Munde / folgender Gestalt angeredet: Lasse dich es nicht verwundern / lieber Machates / ich bin deines Wirths Tochter / und dieweil ich deine Zukunft vernommen / bin ich ansehung deiner Vortreffligkeit und Tugenden / vorlängst in Liebe gegen dir entzündet und bewegt worden /wiewohl es meinem Weiblichen Geschlecht nicht wol geziemen wollen / dich unterthänig zuersuchen / daß du dich meiner Beywohnung nicht entziehen wollest / denn ich im wiedrigen Fall und dessen Verbleibung / mich wegen deiner Unfreundligkeit und Bäurischen Grobheit füglich würde beklagen können / zu dem Ende aber unserer beyder Liebe desto füglicher zu geniessen / habe ich diese bequeme Stunde zu unserm Beyschlaff ersehen / in dem niemand mehr wachend / und beyde Eltern zu Bette sich allbereit verfügt haben. Der Jüngling liesse sich durch die Schöne der Jungfrau leichtlich bewegen / bewilligt in alles / und verbargen sich mit einander in dem beystehenden weichen Bettlein: Befahle auch seinem Diener / den Tisch und Speise zuzurichten / damit er nach vollbrachtem Streit ein Erquicktrüncklein mit seiner Liebhaberin thun möchte. Durch das Getümmel nun / wurde die Mutter Charito erwecket / das sie einer ihrer Magd befahl / zu besehen / was in des Gastes Zimmer vor ein Getümmel / ob ihm vielleicht was frembdes zugestanden were. Als nun die Magd zu der Kammer kommen / findet sie die Thüre halb offen / wolte aber / dieweil sie ein Weibsbild drinnen reden höret / nicht hinein gehen / siehet also ihre Haußtochter Philionem bey Machate an dem Tische sitzen / und sich erlustigen / welches sie mit grossem Schrecken eilend ihrer Frauen berichtet / aber von ihr schlecht geglaubet worden / mit vermeldung / ob ihr nicht wissend / wie ihre Tochter vor allbereit etlichen Monaten Todes sey verfahren / darauff die Magd geantwortet: Es ist mir zwar unserer Tochter tödtlicher Abschied nicht unbewust / ich habe sie aber anitzo mit meinen Augen und Ohren gesehen und gehöret / mit dem Machate reden / als sie nun nicht nachlassen wolte / gehet endlich die Mutter auch zusampt der Magd hinauff vor die Kammer / und weil es alles still / (denn sich die beyde Liebhabende wiederumb zu Bette begeben und entschlaffen) hat sie den Machatem auch nicht von dem Schlaff auffwecken wollen / iedoch bey dem brennenden Lichtschein ihrer Tochter Angesicht / Kleidung und Geschmeid erkennet. Ist also / mit Furcht / Freud und Schrecken umbgeben / auß der Kammer eilend gewichen / in willens / auff den Morgen weiter bey ihrer Tochter / wegen ihrer Wiederkunfft / Nachforschung zu haben: Die Tochter aber nach offtmahls wiederholten Küssen und Vermischung / hat gegen angehenden Tag ihren Abschied von Machate genommen und gesprochen / mein geliebter Machates, ich muß mich vor Tage wiederumb in meine Kammer begeben / damit nit meine Eltern etwas von unserer Liebe vermerckē mögen: Ich will aber künfftige Nacht widerumb bey euch erscheinen / und unsern Lüsten ein völliges gnügen leisten. Damit ihr mich aber auch danckbar erkennet / will ich euch dieses mein Brusttuch und güldenen Ring verehren / mit bitt / meiner darbey zu gedencken. Dieses Geschenck nun hat Machates freundlich angenomen / und hingegen ihr einen eisernen Ring / so er am Finger getragen / zusampt einer silbernen Schalen / mit Gold durchtrieben / und Künstlich zugerichtet / verehret. Als nun der Tag eingebrochen / ist die Mutter eilends in des Machatis Kammer kommen / und mit vielen weinen nach ihrer Tochter / wo sie hinkommen / gefragt / auch was er mit ihr getrieben / und was sie unter einander geredet hetten / welches denn Machates ordentlich erzehlet / das Brusttuch und Ring / so er von ihr empfangen /vorgezeigt / so denn die Mutter mit weinenden Augen empfangen / und vor ihrer Tochter Kleinod erkennet. Unterdessen hat Machates versprochen / er wolle verschaffen / daß wenn die Tochter folgende Nacht wiederumb keme / der Mutter solches so bald angezeiget würde / welches denn auch geschehen / indem die Tochter folgende Nacht wiederumb zu der Stunde / wie die vorig / zu ihrem Liebhaber kommen / der Diener aber solches so bald der Mutter angezeiget / so denn beneben dem Vater mit grosser Verwunderung die Tochter in dem Bette bey dem Machate gefunden / und mit vielen Weinen angeredet: denen die Tochter mit traurigem Angesicht geantwortet: Ach ihr meine unglückselige Eltern / wie habt ihr mir eine so geringe Freude mißgönnet / und nicht nur 3. Tag euch mit meinem Liebhaber Machate zu ergetzen gestattet? Ach es wird euch diese Sorgfältigkeit großen Schmertzen und weinen verursachen. Darauff sie so bald als ein Cörper liegen blieben / dadurch die Eltern von neuen zu weinen und zuklagen anfingen / ach allerliebste Tochter Philinion, wie hastu uns durch dieses traurige Spectacul zu deinen dir von den Göttern wieder zugestellts Leben / beweget / warumb verlessestu uns nun zum andern mahl / in solchen grossen Aengsten / hastu darumb müssen von den Toden wiederumb herfür kommen / daß wir dein Ableiben zum andern mahl sehen musten? warumb sind wir nicht vielmehr aus diesem Leben abgefordert worden / daß wir dich in den heiligen Elysischen Feldern besuchen möchten? Abeer wir sind zu gar unglückhäfftig / es ist uns das Glück iederzeit hefftig zuwieder / und hat uns in dermassen große Schmertzen / und Angst werffen wollē / daß uns der Todt lieblicher denn das Leben were. Zu diesem Geschrey ist das Haußgesinde zugelaufen / und endlich in der gantzen Stadt ruchtbau worden. Der Oberste aber der Stadt kame gleichfalls mit der Gvardi und damit in der finstere kein Aufflauff / oder zusammen Rottierung geschehen könnte / ließe das Hauß biß auff den Morgen bewachen: Da denn das Volck von der vergangenen Geschicht sich besprachet / unterdessen hat der Oberste das Grab besichtiget / und darinn allein die silberne Schalen und Ring / so ihr von Machate verehret / gefunden; Zu Hauß aber von den Eltern der Leichnam vor ihre Tochter erkennet worden / wie derselbe in dem Bett liegen blieben / welches grossen Schrecken gebracht / derwegen der Wahrsager Hillus gerathen / den Cörper außer der Stadt den Thieren vorzuwerffen / die Stadt und Bürger mit sonderlichen Opffer zuversöhnen / die Eumenides und Mercuriū, Chronium mit Opffern zuverehren / die Tempel zu heiligen / und gewisse Spiel den Höllischen Göttern zu halten / auch daß der Oberste / so bald immer möglich / dem Jovi Hospitali, Mercurio und Marti absonderlichen wegen Wohlfahrt des Keysers ein Opffer thun solte. Welchem allem nachgelebet worden. Ist auch Machates bald darauff gestorben. Bißdaher gedachter Autor. Daraus des Teuffels Begierde sich mit den Menschen zuvermischen gnugsam erscheinet / anderer unzehlicher Exempel zugeschweigen: wie er aber zu solchem der Abgestorbenē / oder auch am Galgen justificirten Cörper gebrauchet / ist durch die Erfahrung gnugsamb bekant. 6. Zeilerus im Zusatze zur ersten Historie der Trauer Geschichten p. 30. 31. In Böhmen hat man mich für gewiß berichtet / daß so offt iemands aus dem fürnehmē Geschlecht der Herren von Rosenberg (so numehr abgestorben /) hat sterben sollen / man allezeit eine Weibes Person / mit einem großem Böhmischē Schleyer / im Schloß zu Crumau in Böhmen / gesehen habe. Ein fast gleichformiges Exempel hat auch Crusius in Annal. Svev. part. 3. lib. 12. cap. 37. von dem Schloß Hohen Rochberg. Von des Theodori Gazæ Meyer einem / in Apuliâ, schreibet Peucerus in loco de Magia, p. m. 152. a. und Manlius in Collectan, p. m. 30. 31. Daß er ohngefähr ein Todengeschirr ausgegraben / und solches auff dem Acker liegen gelassen. Bey der Nacht erscheint ihm etwas / und befiehlt / er solle dasselbe begraben / wo nicht / so werde sein Sohn begraben werden. Weils aber der Meyer nicht thut / so stirbt ihm des andern Tages sein Sohn / Er wird darauff wieder ermahnt / das gedachte Grab wieder zuzudecken; da ers aber nicht thut / so wird ihm der ander Sohn auch kranck / darauff er im Schrecken solches seinem Herrn Theodoro angezeigt / der mit ihme auffs Feld gehet und das Geschirr zu begraben befiehlt / darüber der Sohn gleich wieder gesund / und der Vater vom Gespenst erledigt wird. Solche Geschicht / als Theodorus hernach etlichen Gelehrten Freunden zu Rom erzehlete / hat er seine Rede mit des Propertii Vers beschlossen. Sunt aliquid Manes, Lethum non omnia fiint. Eine andere Histori erzehlet Agathias lib. 2. circa fin. von etlichen Philosophis, die auff ihrer Reise einen neulich verstorbenen und unbegrabenen Cörper am Wege liegend / angetroffen / und solchen auß Barmhertzigkeit auffgehoben und begraben haben. Als sie aber bey der Nacht ruheten / ist ihnen etwas erschienen / so ihnen befohlen / daß / so sie gefunden / unbegraben liegen zu lassen: Denn die Erde könne einen solchen / der mit seiner Mutter Unzucht getrieben nicht dulden. Des andern Tages haben sie gedachten Cörper wieder außgegraben und blosser gefunden.

7. Für allen Dingen muß ich hier nothwendig die allerverwunderlichste Histori hinzuthun von den gestorbenen Menschen / wie sie gefunden wird beym Casp. Henneberg. in Chronic. Prussiæ. p. 254. Zu Leunenburg in Preussen / war ein sehr behender Dieb / der einem ein Pferd stehlen kunte / wie fürsichtig er auch war. Nun hatte ein Dorff Pfarrer ein schönes Pferd / das hatte er dem Fischmeister zu Angerburg verkaufft / aber noch nicht gewehret: Da wettete der Dieb / er wolte solches auch stehlen / und darnach auffhören. Aber der Pfarrer erfuhr es / liesse es so verwahren / und verschliessen / daß er nicht darzu kommen kunte. Da aber der Pfarrer mit dem Pferd in die Stadt ritte / kam der Dieb auch / in Bettlers Kleidern / und mit zweyen Krücken / in die Herberge allda zu betteln. Da er nun merckete / daß der Pfarrer schier wolte auff seyn / machet er sich zuvor auff das Feld / wirfft die Krücken auff einen Baum / leget sich darunter / des Pfarrern wartende. Der Pfarrer kompt hernacher / wohl bezecht / findet den allda liegen und sagt: Bruder / auff / auff! es kömpt die Nacht herbey / um Leuten zu / die Wölffe möchten dich zerreissen! Der Dieb saget: Ach lieber Herr / es waren böse Buben jetzt allhier / die haben mir meine Krücken auff den Baum geworffen: Nun muß ich allhier verderben und sterben / denn ohne Krücken kan ich nirgend hinkommen. Der Pfarrer erbarmete sich seiner / sprang vom Pferde; giebt das Pferd dem Schalcke / das mir dem Zügel zu halten / zeucht seinen Reit-Rock auß / leget ihn auff das Pferd / steiget auff den Baum die Krücken abzugewinnen: Indessen springet dieser auff das Pferd / rennet davon / wirfft die Bettlers Kleider weg / und lässet den Pfarrer zu Fusse nach Hause gehen. Diß kompt für den Pfleger / der bekompt den Dieb / und läß ihn an den Galgen hencken. Nun wuste jederman von seiner Listigkeit und Behendigkeit zu sagen. Einsmahls ritten etliche Edelleute auf den Abend allda vorbey / seyn wohl bezecht / reden von seiner Behendigkeit und lachen darüber: Unter diesen war einer ein versoffener und wüster spottischer Mensch / sagend: O du behender und kluger Dieb! du must ja viel wissen / komm auff den Donnerstag mit deinen Gesellen zu mir zu Gaste / und lehre mich auch Listigkeit. Dessen lachten die andern / und redeten auff dem Wege von seiner Behendigkeit. Auff den Donnerstag / als der Edelman die Nacht über gesoffen hatte / lag er lang schlaffend: Da kamen die Diebe umb Glocke 9. des Morgens in den Hoff / mit ihren Ketten / gehen zur Frauen / grüssen sie und sagen: wie sie der Juncker zu Gaste gebeten / sie solte ihn auffwecken: Dessen sie gar hart erschrickt / gehet zum Juncker für das Bette / und saget: Ach! ich habe euch längst gesagt / ihr wurdet mit eurem Sauffen und spöttischen Worten Schande einlegen: Stehet auff / und empfahet eure Gäste. Und erzehlete ihm / was sie in der Stuben gesaget hetten. Er erschricket / stehet auff / und heisset sie willkommen / und daß sie sich setzen solten: Lässet essen vortragen / so viel er in eile vermag / welches alles verschwindet. Unterdessen sagte der Edellman zum gerichteten Pferde-Diebe: Lieber / es ist deiner Behendigkeit viel gelachet worden / aber zwar itzunder ist mirs nicht lächerlich / doch verwundert mich / wie du so behend bist gewesen / so du doch so ein grober Mensch scheinest? Derselbe antwortete: Der Satan / wenn er siehet / daß ein Mensch GOttes Wort verläst / kan einen leicht behende machen / sintemal die Warheit gesaget hat: wie die Kinder der Welt witziger seynd in ihren Geschäfften / denn die Kinder des Lichts. Der Edellman fragte andere Dinge mehr / darauff er antwortete / biß die Mahlzeit entschieden war. Da stunsten sie auff / dancketen ihm für den guten Willen / und sprachen weiter: So bitten wir euch auch auß dem Himmlischen Gericht GOttes / an das Holtz / da wir / umb unser Missethat willen / von der Welt getödtet worden / und da solt ihr mit uns auffnehmen das Gerichte zeitlicher Schmach / und diß sol seyn heute über vier Wochen: Und schieden also von ihm. Dessen erschrack er sehr / ward hefftig betrübet / sagte es vielen Leuten: der eine sagte diß / der andere das dazu. Er tröstete sich aber dessen / daß er niemand nichts genommen hette / und daß solcher Tag auff Allerheiligen Tag gefiel / auff welchen / umb des Fests willen / man nicht zu richten pfleget. Doch bliebe er zu Hause / lude stets Gäste zu sich / ob was geschehe / daß er Zeugnüß hette / er were nicht außkommen. Denn damahls war Rauberey im Lande / sonderlich Greger Maternen Reuterey / auß welcher einer den Hauß Comtor D. Eberehard von Empten erstochen hatte. Derohalben der Comtor befehl bekam / wo solche Reuter oder Compans zu finden / man solte sie fangen und richten / ohne einige Audienz. Nun war der Mörder verkuntschaffet / und der Comtor eilete ihm mit den Seinigen nach: Und weil jenes Edellmannes der letzte Tag nun war / und darzu Allerheiligen Tag / gadachte er / er were nun frey: will sich einmahl gegen Abend / auff das lange Einsitzen / etwas erlustigen / ritte in das Feld: Indessen / als seiner des Comtors Leute gewahr werden / deucht sie / es sey des Mörders Pferd und Kleid / und ritten flugs auff ihn zu. Dieser stellet sich zur wehre / und ersticht einen jungen Edelman / des Comtors Freund: Derohalben er gefangen wird / drin gen ihn für Leunenburg / geben einem Littauen Geld / der hencket ihn zu seinen Gästen an den Galgen: Und wolte ihn nicht helffen / daß er sagte / er keme auß seiner Behausung erst geritten: sondern muß hören: Mit ihm fort! ehe andere kommen und sich seiner annehmen / denn er will sich nur also außreden. Siehe / also konten von diesem Elenden keine Bitte den Galgen und Tod nicht abwenden. Casp. Hennebergicus in Chronico Prussiæ pag: 254.

8. Ein Verstorbener schicket seinem Bruder einen Brieff. Zwey Welsche Kauffleute reiseten auß Piemont in Franckreich: Unterwegens begegnete ihnen ein Mann / der viel länger war als andere: Derselbe ruffte sie zu sich / und redete sie also an: Kehret zurück / zu meinem Bruder Ludovic / und gebet ihm diesen Brieff / den ich ihm sende. Sie wurden sehr bestürtzt /und frageten / wer seyd ihr? Ich bin / sagte er / Galeatius Sforcia: und alsbald verschwand er. Sie wendeten ihren Zügel gen Meiland / und dar gen Vigevena / da Ludovic damahls war / sie baten / man wolte sie vor den Hertzog lassen kommen; Sie hetten Brieffe / ihm zu überantworten von seinem Bruder. Die Hoffleute spotteten ihrer / und weil sie immer ferner deßwegen anhielten / legete man sie gesangen / und stellte ihnen die scharffe Frage für: Aber sie blieben beständig auff ihrer ersten Rede. Unterdessen rathschlageten die Räthe des Hertzogs / was man mit diesem Brieffe machen solte / und wusten nicht zu antworten / so waren sie bestürtzet. Einer unter ihnen / mit Nahmen Vincente Galeatius / nahm den Brieff in seine Hände / der war geschrieben auff ein Pappier /welches in der Form eines Briefes von Rom zusammen geleget war / und war mit Dünnen Messengen Draht vermahret / darinnen stunde geschrieben: Ludovic / Ludovic / siehe dich wohl für: die Venediger und Frantzosen werden sich mit einander verbinden / dich zu ruiniren / und dem Vorhaben gantz und gar zurück zu treiben. Aber so du mir wirst dreytausend Kronen verschaffen / will ich Ordre geben / daß sich die Hertzen sollen sänfftigen / und daß das Unglück / so dir dräuet / sich weit abwende: Ich habe das gute Vertrauen / ich wills zu Wercke richten / so du mir wollst glauben. Hiemit GOtt befohlen. Die Unterschrifft war diese: der Geist deines Bruders Galeatii. Etliche verstarreten über den seltzamen Handel: Etliche aber machten nur ein Gespotte darauß: Ihrer viel riethen / man solte die drey tausend Kronen in depositum legen / damit man der Meynung des Galeatii am nechsten käme: Der Hertzog aber vermeynete / man würde seiner spotten / so er die Hand so sehr sincken liesse /wolte demnach das Geld nicht außzahlen / und es in frembde Hände überlieffern: darauff ließ er die Kauffleute wieder nach Hause ziehen. Aber über etliche Zeit ist er von seinem Hertzogthum Meiland verjaget / und gefangen genommen worden. Arluno in dem ersten Theil der Meilandischen Historien / oculatus testis.

Mercke schlüßlich / daß die Jüden und ihre Rabbinen / ins gemeine / nicht alleine davor halten / als wenn alle Mormilycia, Empusæ, Pythonos, Sympytæ, Pythonissæ, Lycanthropi, Cobboldi, homunculi Domestici, das ist / Weerwolffen / Kobbolde / guegen Ollten / Edder Oelrikken / etc. die Mahre / oder Synonym: das Drucken oder Reiten der Mahre / das Rätzel / Nacht-Rätzel / etc. [nachn Joh. Awen / in Disput. de Incubo, thes. 2. und 19. 20. Argentorat: 1666.] und die übrigen Phantasmata, von Adams Samen herkommen sollen / als welche drauß gebohren worden in selbigen 130. Jahren / drinnen Er sich seines Weibes enthalten hat / nach deme Cain von seinem Bruder ermordet worden. Sondern daß sie auch / als zu einem sonderbahren Mittel / und Abwehre / befehlen; man müsse sieben Circul ümbs Grab machen / damit solche Gespenster nicht in einen todten Cörper kriechen / sich in solchem verstellen / und Schaden bringen mögen. Wie solches d. l. Joh. Awen anführet: Hinzuthuende von dem Alpe / thes. 20. daß manche Leute etlichen alten Weibern am Gesichte abmercken wollen / welche des Nachts zu Mahren werden; als wenn ihre Augenbranen gantz gleich zu gehen / und das Plätzgen / über der Nase / Glabella genannt / als das sonsten glat ist / auch rauch mit Haaren bewachsen außsiehet. Anderer närrischer Kennezeichen will er geschweigen / als derer er sich schämet sie vorzubringen. In übrigen daß es des Teuffels Spückerey sey / ist unleuchbar / wiewohl das Mauschlische bemühen wenig darwieder vermag: und so viel hilfft / als der Egyptier ihre Isides, so sie / von Thon / Ertz / Messing etc. gemachet / denen Mumien / oder auch todten Cörpern / insinuiret / und noch von so sehr vielen 100. Jahren her / itzt drinnen gefunden werden. vide B. Gryphii tractatulum de Mumiâ Wratislaviæ: so vor ein paar Jahren herauß kam. Und ist glaublich bey der Historie / so ich pag: 43. 44. vorgebracht / daß der Teuffel gewust / wie jene Magd / plötzlich etwan vom Schlage damahlen sterben sollen: derentwegen er sich in einen Götzen Mausim, oder Mäuselein / flugs verwandelt / und hernach sein drücken über den Knecht / nachgelassen hat: Damit durch diesen scheinbahren process oder Folgerunge der Aberglaube gestärcket / und nicht geschwächet würde. Die in dem HErren sterben / ruhen ohne daß wohl / so mit der Seelen als dem begrabenen Leibe. Und ist also freylich auch wohl dieses ein ludibrium satanæ gewesen (oder verhält sichs hiemit / nach der Schrifft / da auch GOtt der HErr / durch den gestorbenen Samuel / Wunder und Warnung gethan?) da 1664. umb den Advent zu Lützen im Stiffte Merburg / eine plötzliche und wunderliche Feuersbrunst entstanden ist. vide pag: hic 197. daß kurtz vorher / solches sey angedeutet worden / durch den / etwan noch nicht ein viertel Jahr vorher / vorstorbenen Sel: Herrn M. Johann: Lysthenium gewesenen Pfarrern und Seniorem, wohl 80. Jährigen / als der bey hellem Tage an seine vorige Stube / von aussen / gekommen / das Fenster auffgethan / und etliche mahl mit gewöhnlicher Stimme geruffen habe: Wehe dir / Lützen! welches flugs in selbiger Stube etliche versammlete Priester und andere Leute gehöret haben / nebenst dem Herren Sohne / auch einem Pfarrern / so damahlen zugegen gewesen / der aufgestanden und hingegangen ist; aber nichtes gesehen hat; in deme solchem das Fenster vor der Nase vom Gespenste war zugeschlagen worden. Welches alles Er umbständlich / nachm erschollenem Gerüchte / vorm hohen Gerichte gestanden / und außgesaget hat. Sonsten wegen des erwehneten Kobolden anderswo im Lützen /ward mir noch dieses von einem Landsmanne erzehlet / daß / nach selbigen Gesichte / wie es aber nit so wol gegossen / als sich soll gebadet etc. gehabt haben / der Mann im Hause verstorben sey. etc. Ich habe ohnegefehr etwas berühret von den Mahren: behalte noch dieses darzu / wegen der Mahrenflechten: (in Thüringen heisset man es Sael-locken / in übrigen kenne ich hier ein grosses Weibesbild / welches etliche solche verwirrete Flechten auffn Kopffe hat.) Davon also Johann: Tröster / 1666. Nürnberg: im Polnischen Adlers-Neste / lib. 3. c. 16. pag: 289. 290. von Anno Christi 1296. da die Tartarn in Pohlen gefallen / und solche Menge Volcks weggetrieben / das sich zu Ulodomir in Russenland / mehr als 20000. Polnische Jungfrauen gefunden haben. Doch haben sie es auch denen Russen / welche doch ihre Wegweiser gewesen waren / keines weges geschencket: denn sie den Gefangenen die Hertzen außschnitten / und mit Gifft aufülleten / und den Russen heimlich in die Wasserbrunnen einfrisseten / davon ihr viel sterben müsten. Ja man hält dafür / daß auch die Polnische Flechte / daß mahl / und auß dieser Vergifftung entstanden / so noch heutiges Tages / manchem die schöne Haar wunderlich zusammen picht. ibidem cap. seq: 17. 18. Vom Uladislao, Loctico, so von seiner kurtzen Person / Cubitalis, oder Ellenman Polnisch Lockieteck geheissen worden. etc. welches zu mein letztes Capitt. gehöret.

 

Sectio secunda.

 

Eine andere Beschaffenheit hat es mit folgenden. Als lieset man dieses bey Johann Lassenio in Adelichen Tischreden Dial. 3. pag. 80. etc. Sonsten befinden sich / bey dem Menschlichen Cörper / solche Eigenschafften / oder vielmehr Schwachheiten / welche solche Dinge bey ihnen verursachen können: Absonderlich aber befinden sich solche Sachen mehr bey Weibs- als Manns-Personen. Dannenhero man auch bey theils Orten die todten Cörper / nicht als biß in den dritten oder vierdten Tag begräbt / inner welcher Zeit die Naturkündiger meynen / daß sich eine solche consternatio oder retētio spirituū äussern müsse. Hierauff fieng Mons. Charles an. Es ist war / Mons. Basse-court, was ihr geredet / und wie ich mich besinne / so schreibet man mir / daß es eine Kindbetterin gewesen / und gebe ich wohl zu / daß es auff diese weise geschehen könne / wie ihr saget. Freylich / antwortete Mons. Basse-court, muß es auff solche weise geschehen / denn ich nicht absehe / wie man es sonsten behaupten könne. Ich will nur ein Exempel erzehlen: darauß ihr vielleicht mehr glauben diesem Dinge zustellen werdet. Er erwehnet der vornehme Holländische Poet J. Catz in seinen Sinnreichen Gedichten / genannt Heurath auß dem Grabe; daß an einem Ort in Holland / eine Jungfrau gewesen / umb welche zwey junge Gesellen / bey ihren Eltern angehalten / der eine ein Kauffmann / der ander ein Apothecker. Die Jungfrau habe zwar mehr Liebe zu dem Apothecker getragen / als zu dem Kauffmann / nichts desto weniger aber habe sie den Kauffmann / auff gutachten ihrer Eltern / nehmen müssen / alldieweil er reicher als der Apothecker. Weil nun dieser seines Wunsches nicht theilhafftig werden mögen / und sehen müssen / das ihm ein anderer mit dem Fleisch durchgehe / habe er auch ein Gelübde gethan / nimmermehr zu heurathen. Die Jungfrau habe mit ihrem begüterten Kauffmanne gelebet ein Jahr / sey aber in Kindesnöthen verstorben / und man habe sie dem Gebrauch nach / annoch vor 24. Stunden begraben; der Apothecker aber / habe den Todtengräber gebeten / ihm das Grab vor Darreichung eines gewissen Geldes zu öffnen / damit er die verstorbene / die er auch im Tod liebe / nur einmahl sehen möge. Der Todtengräber habe sich leicht dazu bereden lassen / und sey der Apothecker des Nachts zu dem Grabe kommen / den Todtenkosten eröffnet / und den Cörper gesehen / und in dem er wieder hinweg gehen wollen / habe er mit Vergiessung vieler Thränen / den todten Mund geküsset / da er denn befunden / daß derselbige einen Athem von sich gabe / worüber er zwar anfangs erschrocken / aber nachmahls ihm besser nachgedacht / nach Hause gelauffen / und allerhand Artzney geholet / auch endlich so viel zu wege gebracht / daß die Frau die Augen wieder eröffnet / sich auffgerichtet / und gefraget / wo sie sey? worauff der Apothecker ihr / jedoch mit Bescheidenheit / den gantzen Handel berichtet / und sey sie mit ihm / in ihrem Todenhembde /wiederumb zu ihres Mannes Hause gegangen / welcher sie endlich / aber mit grosser Furcht und Schrecken eingelassen / ihr aber die Hände nicht geben wollen: Des andern Tages / habe er lassen alle seine Freunde / und einen Geistlichen zu sich erbitten / diesem Apothecker / sampt seinem Haab und Gut / auch die Frau geschencket: Und sey er alsobald darauff gestorben / die Frau aber mit dem Apothecker / annoch fünff Kinder gezeuget.

Das ist eine wunderliche Geschicht / sagte Don Roderigo, aber ich erinnere mich / das man mir in der Churfürstlichen Sächsischen Residentz-Stadt Dreßden / auf dem Kirchhofe zu S. Maria / einen Stein gewiesen / darunter / wie man berichtet / eine Frau begraben sey / welche nach dem sie einmahl allbereit beygesetzet gewesen / wieder ewachet / und annoch 7. Kinder gezeuget. Sie sey aber durch den Todtengräber erwecket / welches ihr in der Nacht die Ringe von dem Finger ziehen wollen / und zweiffels ohne ziemlich hart wird gezogen haben; und halt ich es mit euch / daß dergleichen Sachen in der Natur viel seyn / und auß denen Ursachen / wie ihr angezeiget / wohl geschehen können. Ich gestehe es / das in der Natur viel verborgen / so wir nicht alles eigentlich begreiffen oder ergründen können; Man könte von diesen Sachen / einen weitläuffeigen Discurs führen. Denn ich bilde mir ein / wo die Seele im Menschlichen Cörper ist / so müsse sie auch ihre Wirckung haben / und könne der Geist des Menschen nicht ruhen; wo sie aber die Wirckung habe / so könne man dieselbe auch an dem Menschlichen Cörper abnehmen; Allein ich will lieber den Naturkündigern schlecht glauben / als den Kopff hiemit martern.

Was des Lassenii letzt-berührte Geschichte antrift / solche erzehlet viel vollständiger Herr Grundman inn seiner Geist und Weltl. Geschicht Schul: p. m. 221. etc. die wiederlebende Kinderbetterin Philippus Salmuth Cent. 2. num. 87. Obs. Medd. erzehlet einen denckwürdigen wunderbahren Fall / der sich mit einer Kindsbetterin / Matthæi Harnisches / Buchdruckers zu N. Eheweibe / zugetragen. Diese befiel in ihrem Kindbett oder 6. Wochen mit einer hefftigen und anhaltenden Schwachheit und ohnmacht / daß man kein Leben bey ihr vermerckte / sondern sie gantz für tod hielte / und als eine Leiche zur Erden bestatten ließ. Wie nun des Orts brauch ist / daß der Sarg vor dem Einsencken ins Grab eröffnet / und die Leiche männiglich zu schauen dargestellt wird / sind die Todtengräber an dieser Frauen etwas von Schmuck und güldenē Ringen ansichtig worden / deßwegen sie den Anschlag machen / auff die Nacht sie wieder außzugraben / und ihr den Schmuck abzunehmen / richten auch denselben ins Werck. Als sie nun das Grab und Sarg eröffnet / unn der Frauen die Ringe abziehen wollen /zeucht sie ihre Hand zurück / und fängt sich an zu regen / wovon diese Buben solche Furcht und Schrecken ankompt / daß sie ablassen und davon lauffen. Die Frau ermahnet sich / und kompt wiederumb zu ihr selber / weiß nicht / was mit ihr fürgangen / richtet sich auff / und rufft umb hülffe. Nach dem sie aber vermittelst des Lichts / so in einer Laternen die Todtengräber aus Furcht hinter sich gelassen / gewahr wird / an was für Ort sie sey / steigt sie mit grosser Mühe aus dem Grabe / nimmt die Leuchte zur hand / und kommt darmit zu ihres Mannes Hause / klopffet da an / und begehret sich ein zulassen. Das Gesinde / wie auch der Haußwirth selbst / da es ihm wird angezeigt / halt es mehr für ein Gespenst / als seine wiederlebende Haußfrau / und weisen sie mit harten Worten ab. Als sie aber mit ruffen und anklopffen weiter anhielt / und ihr Ehemann sie endlich an der Stimme erkennete / sie ihm auch beweglich zuredte / er möchte bedencken / was ihr Zustand / und wie sie in so kalten Wetter nicht lange tauern könne / hat man sie eingelassen / und von ihr allen verlauff / nicht ohne Entsetzen / vernommen. Auch hat sie ihr Haußwirth mit grossen Freuden nebenst dem gantzen Hause erkennt und auffgenommen / GOtt darüber hertzlich gedancket. Was aber folgenden Tages für wundern / heimsuchen und glückwünschen bey der gantzen Stadt gewesen / ist leicht zuerachten. Sie hat ihre gäntzliche Gesundheit wieder erlanget / noch viel Jahre gelebet / und mit ihrem Ehemanne / durch GOttes Segen / noch etliche Kinder erzeuget. Die Todtengräber / nach dem aller Verdacht auff sie gefallen / sind eingezogen / und nach Verdienst abgestraffet worden.

Psalm. 71/19. Du thust grosse Dinge / GOtt / wer ist dir gleich? Denn du lässest mich erfahren viel und grosse Angst / und machst mich wieder lebendig / und holest mich wieder aus der tieffen Erden herauff. Uber diese Wort ist Lutheri merckwürdige Erklärung zu finden Tom 12. Witt. p. 389 / in den Summ. über diesen Psalm / den er außgelegt von der Person der gantzen Christenheit / sonderlich vom letzten Alter der Welt / da gefährliche Zeitē seyn / und der Glaube mit dem Evangelio niedergeschlagen werden solten etc. Es mag uns wohl eine köstliche Weissagung seyn / daß GOttes Wort für der Welt Ende hat müssen wiederkommen / damit er uns wiederumb (sagt er) tieff auß der Erden holet / und höchlich tröstet / wie denn darauff lautet die gemeine Rede / bey den Christen / daß Elias und Henoch sollen kommen / und des Antichrists Lügen offenbahren / und alles wieder zu rechte bringen.

Hierzu könte einer auch viel Historien setzen derer / so gehencket gewesen / und wiederumb lebendig geworden seyn / davon was sonderliches zu lesen ist / beym Schenckio in Observat: Medicin: lib: 2. c. 17. etc. p. 32. etc. Eras. Francisci in seiner Schaubühne der curiositäten part. 5. p. 840. etc. Unterdessen gebe ich gerne zu / daß man einen sterbenden / wie des Herren Cronenthals Worte fielen / zu Zeiten wol wieder auffruffen möge: aber einen verstorben / oder verblichenen / wie mein Herr Vetter Berrintho redete /wiederumb durchzuruffen zu erwecken; das brauchet einen Künstler / der bey der Allmacht GOttes in die Schuel gangen / oder / durch eine besondere Gnade / es von derselben / wie ein geschencktes Handwerck /überkommen. Denn die / so man wieder / durch Geschrey / ermuntert / sind annoch im Leben; Ob es gleich die Umbstehenden nicht mercken: Weil auff das wenigste das Hertz bey dem Menschen annoch lebet; ohn angesehen alle andere Glieder erkaltet / und ihre Regung verlohren haben. Ich habe einen gesehen / und offters mit ihm geredet / der in aller Zuseher Augen nicht allein verschieden / besondern auch allbereit etliche gantze Stunden / auff der Todtenbahre gestanden / aber hernach unvermuthlich sich wiederumb ergetstert / und vielleicht noch biß auff diese Stundelebet; wieviel er eben nit wieder auffgeschryen; gestaltsamb man ihn schon für todt gehalten / und zu waschen angefangen. So findet man beym Thuano ein seltzames Exempel / von einem Julio Civili / der / in der Belägerung Rovan in Franckreich / von einer Kugel getroffen / daß er für todt vom Woll herunter gefallen / und nicht allein begraben; sondern auch noch ein anderer erschossener im Grabe auff ihn gelegt; nach Art und Gelegenheit solcher Kriegs und Sturm-Zeiten / da man mit den Todten wenig Gepränge macht / besondern sie / so bald ihnen der Athem kaum entwichen / in die Gruben senckt. Nach dem Civilis unterm Grunde / und zwischen den Todten gantzer sechs Stunden zugebracht; kompt sein Diener / und läst ihm den Ort zeigen / da sein HErr begraben liegt; weil er demselbigen / bey seinem Leben versprechen müssen / seinen Cörper abzuholen. Man willfahrt ihm / unn wird die Grube geöffnet; Aber er kunte seinen Herrn / dem das Angesicht mit Blut aller besudelt war / vor andern nicht unterscheiden: scharrete ihn derowegen wider ein und wolte seines Weges reiten. Aber es blieb noch eine Hand unbedeckt über der Erden / an deren Finger ein köstlich grosser Demant-Ring saß / und funckelte: Hieran erkannte er ihn / hub ihn wieder auß der Grufft / auff sein Pferd / und fühlte / daß er noch aller warm warm wäre; welches ihm auch nicht geringe Freude erregte. Er brachte ihn ins Quartier: da man ihn auffs fleißigste labete / ob irgend die Lebensgeister sich bey ihm wolten erholen: welches zwar innerhalb 5. Tagen / darinnen er ohne Red und Bewegung geblieben / nicht geschehen. Ja / ob ihm gleich der Wund-Artzt / durch den Halß / einen Faden / durch die Wunden gezogen / hat ers doch nicht gefühlet. Gleichwol hat man ihm den Mund auffgebrochē / und ein wenig warme Fleischbrühe hinein gegossen. Gegen Abend kömpt darauff der Puls wieder / aber zugleich mit einem starcken Fieber. Am sechsten Tage schleuft er endlich die Augen auff / und hebt sich an zu bewegen: ist also nach gerade zu völliger Gesundheit gelanget; wiewohl hernach noch mit vieler Gefahr und harter Verletzung / auffs neue beschwert worden: welche aber hiebey zu melden / unserer Sache nicht fürderlich. Dieser Art wüste ich viel andere Begebenheiten mehr anzudeuten; da es die Noth erfoderte. Worauß erscheinet / daß nicht alle die jenigen gleich gestorben / die man davor anfiecht; besondern nur zu weilen in einer Ohnmacht / und Krafftlosigkeit liegen. Und also muß man auch von den wieder auffgeschrieenen urtheilen; daß sie nicht todt /wiewohl dem Tode gar nahe gewesen. Was nun solches auffschreien für natürliche Wirckung und Ursachen / bey dem Patenten / habe: davon fragte der Herr besser die gelehrten Naturkündiger und Aertzte / die ihm vielleicht eine gründliche scheinbahre Erklärung darüber machen könten. Mein einfältiges Concept aber [damit ich dem Herren meine Gedancken gleichwohl nicht vorenthalte] ist davon dieses: daß / in dem das starcke Geschrey durch die Ohren des Sterbenden dringt / das verstorbene Geblüt durch den Schall in etwas alterirt / erregt und zertheilet / und den zu dem Hertzen geflüchteten Lebensgeistern der Paß nach andern Gliedern / bevorab den Nerven des Haupts / als dem Ursprunge der Empfindligkeit / hiemit geöffnet werde; dadurch der Patient wieder ein wenig zu ihm selber kommt. Wiewohl solche auffgeruffene nachmahls überauß wunder- und unerträglich seyn sollen: welches / meines bedünckens / ebensfalls von den schädlichen Feuchtigkeiten / und verdorbenem Geblüt herrühret. Jedoch gebe ich dieses vor keine Regul auß; sondern will es dem Nachsinnen anderer verständigerer Leute unterworffen haben. Herr Lilienfeld fieng an: Es stehet wohl in glauben / daß solchen Leuten nur eine tieffe Schwachheit und Sinnlose Ohnmacht zugestanden: Von welcher sie / durch das laute Weheklagen der Stimme / die ihnen zugerufft / wieder auffgemuntert werden. Aber dieses begreiffe nicht / warumb solche Personen wieder auffgeschryen / gemeiniglich anzudeuten pflegen / sie weren an einem Ort gewesen / und hetten eine gar holdselige Music gehöret: Davon man sie ietzt / mit ihrem grossen Unwillen / habe verstört und abgerissen? Es ist nicht anders / (antwortete Herr Neander) weder eine phantasey der verworrenen Einbildung / bey dergleichen Leute: in dem zwar die annoch verhandene Seel äusserlich kein Merckzeichen einigerley Wirckung von ihr giebt; innerlich aber dennoch nichts desto weniger / gleich wie sonst im Traum / in der menschlichen Phantaser / also spielet. Idem d. l. p. 379. etc. In dem der Patiente starb; (welches billich vorher hette sollen gemeldet seyn) thaten die Umbstehenden ein Geschrey; die außfahrende Seele auffzuhalten; oder ermuntern / dafern sie etwan noch im Leibe verborgen were. Welches letztere fast glaubwürdiger scheinet / und den Worten Plinii gemeß / welcher schreibt: Die Abwaschung der Todten mit warmen Wasser / und daß man zu unterschiedlichen Mahlen dieselbige beschreye / geschehe der Ursachen halben; weil gar offt die Zuschauer sich verwirreten / in dem sie vermeinten / es sey kein lebendiger Geist bey den Menschen mehr verhanden. Darüber dermaleins einer hefftig zu kurtz gekommen; welcher sich unter dem Holtzhauffen noch wider auffgerichtet / aber weil das Feuer schon lichte Flamme gegeben / nicht mehr zu retten gewest / sondern lebendig müssen verbrennen. Darumb man desto vorsichtiger zu spielen / die Leichnam 8. Tage über der Erden stehen lassen / und mit heissem Wasser gewaschen / und denn allererst nach der letzten Beschreyung / verbrannt. So hör ich wohl sprach Mons. Gaston / daß wir nicht allein / sondern auch die Antiquität erfahren / und gewust / daß einer für todt außgetragen / und dennoch wieder zu ihm selber kommen sey? Freylich / antwortete Herr Cronenthal: die Leute haben so wohl / zu der / als nach der Zeit / sich übereilen können. Zu Rom ist einem Nahmens Corsidius / der seiner Mütter Schwester zur Ehe gehabt / sein Geist wiederkommen; Nach dem ihm allbereit alles / was zur Begräbnüß gehöret / bestellet gewest: Und hat er nachmahls eben denselbigen seinen Grabbesteller helffen außtragen. Bey Capua theileten zwantzig Männer etliche Aecker: und wurden gewahr / daß einer / welchen man auff der Todtenbaare für todt hinauß getragen / sich erholet / und zu Fuß wider hinein gieng: gestaltsam solches Varro bezeuget. Plutarchus de ser. Num. Vind. erzehlet / es sey einer auß der Höhe herab auff den Hals gestürtzet / und zwar kein Blut noch Wunde an ihm / aber doch auch gantz kein Leben mehr in ihm gespürt; und dennoch derselbige / nach dreyen Tagen / als man ihn herauß zur Begräbnüß getragen / plötzlich wieder zu Kräfften kommen: habe aber nach der Zeit eine unglaubliche andre Manier zu leben fürgenommen. Es wird der Mühe werth seyn / hiebey anzuziehen die zugleich lustige und denckwürdige Betreffung / so beym Apulejo lib. 6. Flor. zu finden / und also lautet. Als ungefehr Asclepiades sich wieder nach der Stadt verfügte / und von seinem Landgut heimkehrte: wird er vor der Stadt-Psorten bey einer Leichen / eines gewaltigen Gedrengs vom Volck ansichtig / das alles in schlechten Trauer-Kleidern / umb die Baar herumb stehet. Das Verlangen / zu wissen / wer der Verstorbene sey / bewegt ihn / näher hinzu zu tretten: weil ihm / auff sein vielfältiges nachforschen / dennoch keiner hatte geantwortet. Des Verblichenen Glieder waren allbereit gesalbet / der Mund mit köstlichem Balsam bestrichen. Asclepiades beschaute ihn recht und wohl / ob er irgend / vermöge seiner Kunst / etwas mangelhafftes an dem Todten finden möchte: rühret und betrachte hin und wieder den erblasten Leichnam: und fängt geschwinde an zu ruffen / der Mensch lebe noch; man solle die Fackeln und das Feuer auff die Seiten thun / den Scheiterhauffen abwerffen / und die Leich-Tractamenten von der Grabstädte / heim zu Tische tragen. Hierüber entstehet unter dem Volck unterschiedliche Meynung: Theils sehen für gut an / man solle ihm / als einem Artzt / Glauben geben / und folgen: Theils verlachen ihn / mit seiner Kunst / auff das eusserste. Endlich erlangt Asclepiades einen Auffschub; wiewohl mit grossem Unwillen der nahen Anverwandten / die ihm es mit dem Hencker danckten / daß er ihren Begierden die fast verschlungene Erbschafft / wieder außm Rachen risse; Und wird der Mensch / von der Schwellen des Todes / wieder zurück heimgeführt / und von ihm alsobald mit etlichen kräfftigen Mitteln erquicket; der sonst / bey lebendigem Leibe / hette müssen brennen. Es soll auch Heraclides ein eigenes Buch geschrieben haben / von einer Frauen / die nach 7. Tagen wieder auffgelebet. Wie denn etliche wollen / der subtile Philosophus Scotus sey von seinen Discipuln / als er über seine tieffsinnige Betrachtungen eins / (wie zwar mehrmahls vorhin) gar in Verzuckung gerathen / und lange darinnen beharrete; für Todt herauß getragen / und im Jahr 1308. zu Cölln begraben: es müsse denn ein anderer Scotus gewest seyn; das ich nicht weiß. Solches nun / nehmlich / daß ein annoch unvermerckt und heimlich lebender / (vide quæ suprà hâc de re disseruimus,) nicht seines Lebens beraubt würde / zuverhüten; hat man nach seiner Scheidung / etliche (Garzon setzet drey) mahl / besagter massen geruffen.

Wir haben von vielen Verstorbenen Leuten allhier geredet / theils so ferne sie von sich selbst wieder auffgewacht seynd / oder durch sie dere wiederumb zum Leben gebracht worden: Anitzund kömmt von einer Mittel-art / nehmlich von dem Käyser Friedrichen: davon also Kornmannus de mirac. mort. cap. 40. part. 4. Nachdem der Käyser Friedrich zehen Jahr todt gewesen / da hat sich ein anderer gleichförmigter Anno Christi 1261. hervor gethan / mit einem grossen Krieges-Heer / der sich für denselbigen Kayser Friedrich außgeben wollen / und vom Manfredo das Reich Sicilien wieder gefodert hat / aber drüber von vielen Fürsten im Kriege ist erschlagen worden. Hernach ist von diesem Käyser Friedrich eine neue Ketzerey entstanden / welche noch heutiges Tages im schwange gehet: Nehmlich sie bilden ihnen feste ein / er sey noch nicht todt / sondern lebe biß am jüngsten Tage / und sey auch kein rechter Käyser nach ihm mehr auffkommen. Er selber wandelte in Thüringen in einem alten verfallenen Schlosse Kyfhausen genannt / und rede mit den Leuten / ja er lasse sich auch bißweilen sehen. Weiter wird auch von vielen dafür gehalten / daß selbiger Kayser noch vorm Jüngsten Tage werde wieder kommen / und der Christenheit den vollständigen Frieden wiederbringen / er werde weit übers Meer mit sie hinüber ziehen / das heilige Grab wieder einnehmen / und das gelobte Land gewinnen. Und solchen nennen sie deßwegen Friederich / wegen der Liebe zum Frieden / nicht daß er also mit Nahmen getaufft sey. Ex MSS. anni 1284. Sonsten spricht Aventin. l. 7. und Chron. Alberti Crantz l. 8. c. 34. daß ein alter Mann nach Cölln gekommen sey / sprechend / daß er der Käyser Friedrich were / der vor 34. Jahren gestorben sey / und hat einen trefflichen applausum bekommen von denen Novesiis und Wezflariensibus, die ihn in grossen Ehren gehalten haben / biß der Betrug endlich entdeckt / und er ist verbrannt worden. Biß hieher Kornmannus. Sonsten habe ich von alten Thüringischen Leuten sagen gehöret / daß solcher Käyser Friederich tieff unter der Erden in einem Berge / auff der Banck bey einem rundten Tische sitze und stets schlaffe / und habe einen greulichen grossen grauen Bart / der ihm biß an die Erde herunter gewachsen sey: wie ihn einer also gestalt will angetroffen haben.

Hierzu könte man außm Kotnmanno d.l. c. 1. dieses setzen außm Rogero in Chron. Angl. Es soll in einer Insel Deyser ein Mägden gewesen seyn / mit eben diesem Nahmen / welche von einem Soldaten sehr geliebt worden / dessen Begierde sie aber nie gnügen leisten wollen biß an ihren Todt. Dessentwegen der Soldat / umb seinen Muth zu kühlen / sich dennoch übern todten Leichnam gemachet / und selbigen mit diesen Worten genothzüchtiget hat: Was ich mit dir in deinem Leben nicht habe können vollbringen / das will ich in deinem Tode nicht unterlassen. Und in dem hat sich der böse Feind in sie hinein gemachet / sprechende: Siehe / du hast mit mir einen Sohn gezeuget / den will ich zu dir bringen / wenn er wird gebohren seyn. Und nach 9 Monat da die Geburtszeit vorhanden gewesen / hat der Leib einen Sohn gebohren / und solchen dem Soldaten hingebracht / mit dieser Anrede: Siehe / hier ist dein Sohn / den du mit mir gezeuget hast / schneide ihme den Kopffe / unn verwahre solchen: Denn wenn du deinen Feind wilst überwinden / oder sein Land verstören wollen / so bedecke dessen Gesichte / und wende es entweder deinem Feinde oder seinem Lande entgegen; so werden sie von Stund an zu nicht werden: willstu aber hernach / daß die Straffe soll wieder auffhören / so kehre das Gesichte zu dir. Solches soll richtig eingetroffen seyn / und hat der Soldate das Ding lang getriebē / hat auch drüber eine rechte Heyrath gethan / da denn seine Frau ihn öffters gefraget; durch was für Mittel er seine Feinde ohne Waffen ängstigen und verderben könte; da hat er sich allezeit geweigert solches zu bekennen / biß es endlich geschehen / daß er auff einen Tag verreiset gewesen / da ist sie über seinen Kasten gekommen / und das verborgene Schelmstücke angetroffen / nehmlich den heßlichen Kopff / den sie von Stund an genommen und ins Wasser geworffen hat. Diese Histori habe ich mit fleiß dem Ricardo Argentino Anglo. l. 1. de præstig: c. 56. zu schreiben wollen / damit der Leser möchte mercken /wie der böse Feind so geschäfftig sey / allerhand Schelmstücke zu treiben / und mit einem Todte viel tausend andere zu tödten vorhabe. (Sonsten suche d.l. beym Kornmanno part. 9. c. 41. ein schön Capittel von der Straffe / so solchen Leuten zukömpt / die mit todten Leibern zu thun haben.) Zeilerus zur ersten Hist. seiner Traur Gesch. p. 20 Anno 1625. habe ich ein geschrieben Consilium eines / mir wohlbekanten / gelehrten Mannes / [so nun todt] gelesen / welcher von einem Pfarrer ist Raths ersuchet worden / wessen er sich gegen einem jungen Soldaten von Adel zuverhalten / der ihme / Pfarrern / entdeckt / wie er nun lange zeit hiero mit einer Weibs Person zu thun gehabt / welche bißweilen verschwinde / bißweilen wie der komme / und an statt einer Concubinen sich auffhalte: die ihr auch den Gottesdienst nicht zu wieder seyn lasse: Ihn selbsten bißweilen zum Gebet ermahne / und ihn vor ihren Ehemann halte / und nicht zulassen wolle / daß er sich gegen einer andern Person verheurathe / ihn auch freundlich umbfange und fürgebe / daß sie durch solche Ehe von etlichen sonderbahren Flüchen könne erlediget / und zu einem vollkommenen Menschen werden. Sie verhindere ihn auch am Gebrauch des heiligen Abendmahls / und andern Christlichen Ubungen durchauß nicht / sondern erzeige sich also / daß er sie für keine Teuffelin halten könne. Besiehe drey Exempel beym Hermann Hamelmann / part. 1. c. 10. f. 20. Chron. Oldenburg. und in meinen neuen Observat. ad Itiner. Germ. c. 17. num. 6. in Beschreibung der Oldenburgschen Graffen Herkommen. Hactenus Zeilerus, darüber des Herrn Minsichts Glossa d.l. p. 46. kan vernommen werden: Ob nun wohl / wie schon gesagt / zuweiln auch eine Frucht entstehet / aus solchen beywohnen / so ist es doch eine solche / welche allerhand Schaden und Unheil anrichtet / und endlich wieder verschwindet: und ob der Teuffel gleich auch gute Dinge redet / und die Menschen darzu ermahnet / so suchet er sie nur dadurch ie mehr und mehr zu betrügen. So ist es auch kein Wunder / denn er sich in einem Engel des Lichts verstellen kan / und stehet man in allen seinen Actionen, daß es ein liederlich Ende nimmet / und weder mit der Vernunfft / noch heil. Schrifft übereinkommet. Als daß jemand von einem Fluche könne erlöset und selig werden / der des Beyschlaffes sich gebrauchet / und dergleichen mehr; der Satan suchet auff allerley Weise die leichtgleubigen zuverführen. Hactenus ille: der auch p. 36. d.l. also gar schön von der Sache redet: Es fället unter den Gelehrten die Frage vor /woher es komme / oder wie es der Satan machen könne / daß er sich in Gestalt der Verstorbenen sehen lasse / oder auch wohl gar in deren Gestalt / mit andern noch lebendigen Unzucht treibe; Unn wollen die meisten / daß der Satan die Cörper aus der Erden nehme / und ihnen ein Athem einblase / und also sie herumb führe / und mit ihnen allerhand Muthwillen treibe. Ich lasse auch billich einem jeglichen hierinne seine Meinung. Und gestehe es endlich / daß es wohl seyn könne / daß der Satan über die Cörper derer / die in diesem Leben ihme gedienet / und von Rechts wegen ihme doch zukommen / Macht habe / und dieses wohl thun könne. Allein man befindet / daß er auch in heilig und selig verstorbener Leute Gestalt /viel Ding thue: Da sage ich nun / daß er mit dergleichen heiligen und auff das Verdienst JEsu Christi verstorbenen Cörpern / es nimmermehr thun könne / als derer Seelen in GOttes Hand / und deren Cörper in GOtt ruhen. Halte es demnach vor lauter Phantasey und teufflische Verblendung / welche der leidige Satan seinen Gesellen wohl machen kan / weiln ihn die Schrifft selbsten einen tausendkünstler nennet. Also verstellet er sich in allerhand Arten der unvernünfftigen Thier / als Katzen / Hund etc.

Schließlich ist hier noch beyzusügen auß Zeilero d.l. p. 29. von wegen / daß sich die Teuffel in die Toden Cörper begeben / und sie vorstellen / als wenn sie lebten / außm Peucer. de divinat. gener. p.m. 10. b. seq. daß zu Bononiâ eine Harpffenschlägerin solle gestorben / und von einem Zauberer / mit Hülff des Teuffels / also zugerichtet worden seyn / als wenn sie noch lebete: wie sie denn unter die Leute gangen / und bey Gastereyen mit ihrer Music sich gebrauchen lassen. Als aber auff eine Zeit / ein ander Zauberer / auff Ermahnung des Teuffels / den Betrug entdeckt / sey sie gleich nieder gefallen / und habe kein Leben gehabt. Hondorff. in Theat. Hist. Von einem von Adel aus Beyern / deßen sein verstorbenes und sehr beklagtes Ehegemahl / in einer Nacht wieder gekommen / den Mann beredet / etliche Jahr bey ihm gelebet / und Kinder mit ihm gezeüget habe. Wegen einer andern Historien besiehe Majol. in dieb. Canic. Tom. 2. Colloq. 3. p. 208. Andere rechte Historien von wieder Auffgelebten / suche bey Christoph Richtern in Spectac. Hist. p.m. 149. etc. cent.

Vampyrsagen, aus Otto Knoop, Sagen aus Kujawien

Mai 7, 2017

 

Die Vampyrsagen haben erst kürzlich eingehende Behandlung erfahren (vgl. oben 14, 322 ff.); doch ist wohl die Mitteilung weiterer Sagen, wenn sie auch nichts besonders Neues bringen, nicht überflüssig. Es sei mir gestattet, hier zunächst eine Sage wiederzugeben, die mir (aus polnischer Quelle) in Rogasen mitgeteilt wurde. »Nahe an der von Gnesen nach Wreschen führenden Chaussee steht in einem Walde eine Hütte, die vor Jahren ein Förster bewohnte. Diesem starb ein erwachsener Sohn. In der Mitternacht nach dem Tode desselben ertönte vor der Hütte ein grässliches Gewinsel, und gleichzeitig wurde an die Fensterscheibe geklopft. Die Schwester, die bei dem Verstorbenen betete, schaute nach dem Fenster und sah darin ein scheussliches Antlitz mit langen Zähnen, die aus dem Munde hervorragten. Das Gespenst schrie: Daj mi go (gieb ihn mir)! Als die Schwester aber den Rosenkranz hervorzog, verschwand das Gespenst. Am folgenden Tage zogen Zigeuner auf der Chaussee, und diesen erzählte der Förster das Ereignis. Eine alte Zigeunerin gab ihm die Antwort, die Erscheinung sei ein Upior gewesen, der sich dreimal dort zeige, wo jemand gestorben sei, um des Gestorbenen Herz aufzufressen. Um es zu vertreiben, müssten die Angehörigen bei der Bahre Kerzen anstecken, die am Feste Mariä Lichtmess geweiht wären (gromnice), und den Rosenkranz beten.«

Der Erzähler fügte noch folgendes hinzu: »Es gibt nicht blos schlechte, sondern auch gute Gespenster. Einem Knechte, der im Walde an derselben Chaussee die Pferde hütete, näherte sich einmal ein Gespenst, dem die Zähne aus dem Munde hervorragten, und berührte das Zaumzeug. Als der Knecht nach Hause kam und das Zaumzeug an einen Nagel hängte, flossen zwei Eimer Milch daraus hervor.« Nach Angabe des Erzählers war auch dieses Gespenst ein Upior, doch ist wohl eher an eine wohltätige Waldfrau zu denken.

Die folgenden Stücke, von denen das erste aus deutscher Quelle stammt, wurden mir durch Herrn Lehrer A. Szulczewski in Brudzyn mitgeteilt.

In Kaiserthal (Kujawien) lebte ein Bauer, der eine zahlreiche Familie hatte. Da starb der älteste Sohn und wurde auf dem Kirchhofe begraben. Er wurde ein Vampyr, aber niemand wusste davon. Nach einiger Zeit starb der zweite Sohn, bald der dritte, und nach einigen Wochen starben alle Familienmitglieder, so dass nur der Vater übrig blieb. Man klagte und jammerte über das Unglück, doch niemand wusste zu helfen. Da kam der alte Wächter des Ortes auf den Gedanken, dass ein Vampyr all die Todesfälle hervorgerufen habe, und er beredete den Bauer, dass er das Grab seines ältesten Sohnes öffnen liess. Und wirklich fand man diesen ganz unversehrt, nur war das Fleisch an seinem ganzen Leibe abgebissen. Ein Vampyr findet nämlich im Grabe keine Ruhe; er muss sich selbst verzehren und ruft dann seine nächsten Verwandten in das Grab. Dem Vampyr wurde jetzt eine kleine Münze in den Mund zwischen die Zähne gesteckt. Auf diese Weise konnte er nicht mehr beissen, und die Verwandten blieben seit der Zeit am Leben.

Die Leute erzählen, dass in der Kellergruft des Klosters zu Markowitz ein Upior begraben liege. Es war das ein Mensch, der mit Zähnen auf die Welt gekommen war. Er wurde nach seinem Tode in jener Gruft beigesetzt. Hier verweste er nicht wie andere Tote, sondern blieb frisch erhalten. In der Nacht aber stand er auf, bestieg den Glockenturm und läutete. So weit dieses Glockengeläute zu hören war, in dem Umkreis mussten alle diejenigen sterben, welche das Alter erreicht hatten, das der Upior bei seinem Tode erreicht hatte. Die Leute erfuhren von dem nächtlichen Treiben des Upior und beschlossen, dem ein Ende zu machen. Sie machten den Sarg auf und legten dem noch unversehrten Leichnam eine scharfe Sichel über den Hals. So konnte der Upior nicht mehr aufstehen. Wäre er aufgestanden, so hätte er sich den Kopf abgeschnitten, und dann erst wäre er ganz tot gewesen.

Auch in Chelmce soll in einer Gruft ein Upior begraben liegen. Dieser stand in der Nacht aus seinem Sarge auf und zerbiss alle Lichter, die auf dem Altar standen. Endlich des Unfugs überdrüssig, sah man in dem Grabe nach und fand die Leiche noch unversehrt, obwohl sie schon mehrere Jahre gelegen hatte. Das Tuch aber, in das sie gehüllt war, war ganz zerbissen. Man legte den Upior nun mit dem Rücken nach oben, und seit der Zeit war man vor ihm sicher.

Der Vampyr im Wendlande, aus Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staates

Mai 7, 2017

 

Im ganzen Wendlande glaubt man an Vampyre. Man sagt, sie erständen auf folgende Weise. Wenn nämlich ein Kind nach Entwöhnung von der Mutterbrust nach den ersten 24 Stunden (denn diese werden nicht mitgerechnet) wieder die Brust erhalte, so werde es einst ein Vampyr, sobald es gestorben sei. Verstorbene Kinder werden jedoch keine Vampyre, sondern nur solche Kinder, welche zweimal entwöhnt ein kräftiges Alter erreicht haben. Darum heißen die Vampyre hier auch Dubbelsüger (Doppelsauger) und die Mütter sind sehr vorsichtig, durch zweimaliges Entwöhnen keinen jungen Vampyr an ihrer Brust für ihre Familie aufzuziehen. Ist nun aber ein solcher gestorben, so behält er eine Art von Halbleben im Grabe, besonders kann sein Kopf und sein Mund sich bewegen und Töne ausstoßen. Er geht jedoch nicht aus dem Grabe hervor und saugt seine Angehörigen an, sondern mit seinem lebendigen Munde saugt er im Sarge sich selbst auf der Brust an und wenn er die Haut und die fleischigen Theile aufgesogen hat, dann wirkt dies durch Sympathie auf seine Angehörigen ein, es wird ihnen alle Lebenskraft ausgesogen, sie werden blaß, mager, kraftlos und müssen noch, ehe ein Jahr vergeht, dem Doppelsauger ins Grab folgen. Dieser fährt nun so fort, auch den zweiten in der Familie auszusaugen, bis er alle zu sich geholt hat und zuletzt, wenn man ihn ungestört gewähren läßt, die ganze Familie ausstirbt. Auf Andere, als seine nächsten Anverwandten, besonders Bruder, Schwestern und Kinder, wirkt er aber nicht ein, auch wird ein durch einen Doppelsauger Getödteter nicht wieder zum Vampyr, wenn er nicht schon durch doppelte Entwöhnung, was man freilich nie recht sicher wissen kann, ein natürlicher Doppelsauger ist. Als Mittel gegen das tödtliche Einwirken dieser Doppelsauger gilt aber erstlich das Bret, dann der Kreuzdreier und endlich der Durchgang unter der Schwelle. Die Angehörigen lassen nämlich ein Bret so aussägen, daß es die Brust bedeckt und auch unter’m Kinn anschließt, und dem Todten auf die Brust befestigen, so daß es ihm also unmöglich wird, im Sarge selbst die Brust anzusaugen. Der silberne Kreuzdreier (Krütz-Witten), mit der Weltkugel und dem Kreuze darauf, wird dem Todten in den Mund gelegt, weil diese mit dem Kreuze bezeichnete, gleichsam heilige Münze das Leben des saugenden Mundes verhindert. Diese Münzen sind aber sehr selten geworden und wenn eine Familie sie besitzt, werden sie für den Fall der Noth sorgfältig aufbewahrt. Der Durchgang unter der Schwelle endlich bezieht sich wahrscheinlich darauf, daß Geister und Gespenster da wo sie hereingeschlüpft sind, auch wieder heraus müssen, also auch die nach dem Tode Wiedererscheinenden nur da wieder hinein können, wo sie hinausgekommen sind, sind sie nun unter der Schwelle zum Hause hinausgetragen worden, so können sie nicht über die Schwelle wieder zurückkehren. Die große Thür der wendischen Bauerhäuser hat nun aber eine bewegliche nur eingefügte Schwelle, welche weggenommen wird, wenn der Erntewagen das Getreide auf die Hausflur (Diele) fährt. Vermuthet man nun, daß ein Gestorbener zweimal entwöhnt ist, so treten zwei Personen hinzu, heben, so hoch sie nur können, die Schwelle empor und der Sarg und das ganze Leichengefolge muß von der Hausflur unter der Schwelle durchziehen.

Der Poltergeist und Vampyr zu Bendschin, aus Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staates

Mai 7, 2017

 

Bendschin oder Pentsch, ein Städtchen im Fürstenthume Jägerndorf an der Mährischen Grenze, ist ums Jahr 1592 durch eine Spukgeschichte gar sehr berühmt geworden.

Ein Bürger dieser Stadt, Namens Johann Cuntze, gebürtig aus dem Dorfe Lichten, hat sich viele Jahre so brav und löblich aufgeführt, daß man ihn in den Rath gezogen, zum Bürgermeister gemacht und sonst als einen erfahrenen 60 jährigen Mann in nicht geringem Werthe hielt, in allerlei Stadt- oder Privatangelegenheiten sich seines Rathes bediente und nach seinem Tode erst ihm einige Dinge Schuld gab, die man ihm bei Lebzeiten nicht vorgeworfen. Dann erst nämlich betheuerte der Geistliche des Ortes, daß er den Gottesdienst fleißig abgewartet, der heiligen Communion andächtig beigewohnt, freilich aber öfters im Rathsstuhle eingeschlafen sei. Dieser Cuntze wurde von ohngefähr nebst einigen andern Rathsverwandten zum Stadtrichter wegen verschiedener Händel zwischen einem Ungarischen Kaufmanne und seinen Fuhrleuten abgefordert, um nach Erkenntniß der Sache den Bericht davon nach Hofe abzustatten. Man verhörte beide streitende Partheien und ließ Alles fleißig protocolliren, hierauf lud sie die Frau Richterin zum Abendessen, wobei aber Cuntze nicht lange bleiben wollte, unter dem Vorwande nöthiger Hausverrichtungen, doch sagte er, man müsse sich bisweilen auch einen guten Tag machen, weil es ohnedem an täglichen Verdrüßlichkeiten nicht fehle. Er hielt aber zu Hause fünf stattliche Pferde auf der Streu und ließ, wie er heimkam, sein bestes Leibroß aus dem Stalle vor der Hausthür an eine nahgesetzte Säule anbinden, um ihm die lockern Fußeisen fester anheften zu lassen. Indem man nun damit beschäftigt war und er mit seinem Knechte des Pferdes Fuß aufhebt, wird solches kollernd und schlägt zweimal hinter sich aus, wodurch Herr und Knecht neben einander halbtodt auf die Erde hinfallen. Ein dieses anschauender Nachbar springt gleich herzu, hilft sie aufheben und beide ins Haus führen. Cuntze, als der Herr, schreit gleich über grausamen innerlichen Brand und Schmerz, wiederholt sein Geschrei mit eben den Worten, bis man ihm ein Bett macht, ihn hineinlegt und den Schooß beleuchtet, wo er über den schrecklichen Brand klagt; man bemerkt aber keine Spur einer Verletzung, ohngeachtet er nicht aufhört darüber zu winseln. Mittlerweile kommt sein jüngster Sohn dritter Ehe vor’s Bett, den sieht er mitleidig an und spricht: »Ach, Du armes Kind, nur um Deinetwillen wünschte ich noch einige Jahre zu leben!« Empfiehlt ihn also bestens einem andern anwesenden Rathscollegen, der sein Pathe war, der es auch zu leisten verspricht und den kranken Mann damit tröstet, Gott könne ihm von diesem Schmerzenslager auch wieder aufhelfen. Cuntze sagt nun: »Ach wenn mir Gott um seines Sohnes willen meine Sünden vergeben wollte!« Die Umstehenden trösten ihn aufs Beste und rathen ihm einen Geistlichen rufen zu lassen, er aber will nichts von einem solchen wissen, gleichwohl aber wiederholt er immer die Worte: »Ach wenn mir doch Gott gnädig sein wollte!« Man fühlte ihn jetzt an und fand seine Brust, Leib und Hände eiskalt, während er doch beständig über brennende Hitze klagte. Der Schlag vom Pferde war den 4. Februar geschehen, und man erzählte, daß er vier Tage vorher, als am Feste Mariä Reinigung, noch Gevatter gestanden und bei der Heimkunft und Ablegung der Kleider zu den Seinigen gesagt: »Das wird wohl mein letztes Kind sein, so ich aus der Taufe gehoben!« Woraus sein Eheweib und seine Kinder geargwohnt, daß er die Stunde seines Todes gewußt und ein gewisses Bündniß mit dem Teufel gemacht habe. Denn er war zu einem ziemlichen Vermögen gekommen, ob er gleich keine Erbschaft gemacht und auch sonst schlechten Verdienst gehabt, indem er vorher ein gemeiner Holzhauer und Schindelmacher gewesen. Einige Leute sagten nach seinem Tode, er habe bei Lebzeiten eins von seinen Kindern an eine unbekannte Person verkauft, andere munkelten, er habe sich mit dem Satan verbunden, daß er ihm durch einen solchen Pferdeschlag den Rest gäbe, damit das Volk über seinen Tod kein neues Aufsehen mache. Mittlerweile hat man seinem nicht weit von ihm wohnenden ältesten Sohne Nachricht von dem Verlaufe seines Unfalls gegeben, derselbe kam auch und ist ihm auch nicht wieder von der Seite gegangen, sondern hat die ganze Nacht bei ihm gewacht. Glock 3 Uhr endlich ist er gestorben. Vorher aber hat ein großer schwarzer Kater von außen ganz künstlich mit der Pfote das zugemachte Fenster aufgewirbelt, ist jählings in die Stube gekommen, auf des Kranken Bett gesprungen und hat das Hauptkissen und Gesicht desselben mit solcher Heftigkeit angefallen, als wenn er den ganzen Mann mit Gewalt fortschleppen wolle. Darauf ist der Kater wieder verschwunden, Cuntze aber gestorben.

Am nächsten Morgen ist nun Cuntze’s ältester Sohn mit etlichen Blutsverwandten zu dem Stadtpfarrer gegangen, hat den Tod seines Vaters gemeldet und um ein standesgemäßes Begräbniß, da er ein Mitglied des Raths gewesen, gebeten. Solches ist ihm auch zugesagt und zur Rechten des Altars in der Kirche ihm eine Grabstätte angewiesen worden, wofür aber seine Erben ein gut Stück Geld bezahlt haben.

Cuntze war kaum todt, so entstand ein greuliches Gewitter, und bei dem Leichenconduct hat es so gewaltig gestürmt und geschneit, daß es die Leichenbegleiter kaum ausstehen mögen, sobald aber der todte Körper unter die Erde gebracht war, wurde es wiederum ganz helle und der rasende Wind legte sich. Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß als ihn zwei arme Hausweiber in einer Wanne abwaschen sollten und ihm also die Hände auf den Rücken beugten, der todte Körper eine von diesen Händen gewaltig zurück auf denjenigen Ort des Bauches geworfen, wo der Pferdeschlag hingetroffen. Darüber wurde das eine Weib sehr stutzig, die andere aber sagte: »Schweig, daß wir von unserm Ausplaudern nicht Unglück haben.«

Kaum waren nun aber einige Tage nach seiner Beerdigung hingegangen, als sich in der Stadt das Gerücht verbreitete, es ließe sich ein Alpgespenst oder höllischer Geist in Cuntze’s Gestalt sehen, welcher eine in der Nachbarschaft wohnende Frau angefallen, niedergeschmissen, hart geplagt, und zwar schon Tags vorher, ehe er begraben war. Bald nach dem Begräbniß sei eben dieser Geist zu Jemand, der in seiner Stube geschlafen, gekommen, habe ihn aufgeweckt und geschrieen: »Ich kann mich kaum halten, daß ich Dich nicht dergestalt antaste, daß Du auf lange Zeit genug hast!« Man sagte dies der Cuntzischen Wittib und die Gassenwächter redeten aus, man höre alle Nächte in Cuntze’s Hause ein grausames Gepolter, Werfen und Fallen, des Morgens stehe die Thüre offen, die man doch des Abends vorher fest verschlossen und verriegelt, die Pferde im Stalle machten ein solches Turnieren, als wenn sie Jemand strapazire oder sie sich selbst unter einander bissen und schlügen. Einem gewissen ehrlichen Manne erzählte seine Magd, sie wäre frühmorgens im Schlafe erschrocken, da sie Jemanden um das Haus herumreiten gehört, der mit solcher Gewalt an die Wände geschlagen, daß die Balken gezittert, und zu den Fenstern sei ein heller Glanz hereingeleuchtet, worüber sie aus Furcht mit den Andern unter das Bett gekrochen. Der Mann ging nach dem Aufstehen vor die Hausthüre, besah sich alle Wände und fand in dem frisch gefallenen Schnee solche fremde Fußtapfen, die keines Menschen und keines Thieres Füßen ähnlich sahen.

Am 24. Februar ging der Pfarrer des Ortes nach gehaltener Katechismuslehre zu einem von den Stadtrichtern, der befand sich unpäßlich und redete den Geistlichen also an: »Ach, lieber Herr Gevatter, vorige Nacht habe ich Cuntzen in meinem Hause gesehen und mit ihm gesprochen!« Wie nun der Pfarrer sich darüber wunderte, als über eine unmögliche Sache, betheuerte es der Mann höchlich mit den Worten: »Ich habe ihn gestern Nachts um 11 Uhr mit meinen Augen gesehen, und gehört, daß er mich also angeredet: Fürchtet Euch nicht vor mir, lieber Gevatter, ich werde Euch nichts Böses thun, sondern komme nur, um etwas mit Euch zu reden. Ich habe nach meinem Tode meinen jüngsten Sohn Jacob zurückgelassen, den Ihr mir aus der Taufe gehoben; nun hat mein ältester Sohn Stephan eine Kiste bei sich mit 450 Gulden, das zeige ich Euch hiermit an, daß mein jüngster Sohn nicht um seinen Antheil betrogen wird. Ich trage Euch auf, für denselben treulich zu sorgen, unterlasset Ihr aber solches, so möget Ihr zusehen, was Euch begegnen wird!« Dieser Mann war der Stadtschreiber allda und versprach dem verlarvten Gespenste seine redlichen Dienste. Darauf verschwand es aus diesem Zimmer, polterte aber im andern Stockwerke desto heftiger, daß Alles erzitterte, begab sich hernach in den Stall zu den Kühen und turnirte mit denselben aufs Grausamste, als ob alle sich losgerissen hätten, da man sie doch am Morgen in guter Ordnung angebunden fand.

Das Haus dieses Stadtschreibers stand nun aber neben dem Cuntzes, in welchem der Geist alle Nächte einen so erbärmlichen Lärm machte, daß die ganze Familie in eine Stube zusammenkroch und noch Wächter dingte, welche wechselsweise wachen mußten. Unter diesen waren ein Paar verwegene Kerle, die sich zum Wachen anboten, weil sie brav dabei zu trinken bekamen. Wie nun der Geist die Thüre bald öffnete, bald zusperrte, bald in der Küche, bald im Keller herumsauste, öfters auch in das Zimmer, wo sie alle beisammen waren, zur Stubenthüre in Cuntzes Gestalt hereinguckte, schrieen sie ihn an: »Bleibe hier, bleibe hier, Du Betrüger! Ei was bist Du jetzt in der Nacht für ein vorsichtiger Hauswirth, der Du zuvor bei hellem Mittag das Deine nicht also verwaltet und nur immer gegeizt hast! Warum bist Du jetzt so fleißig im Finstern, Du alter Schelm? Komme doch herein und thue uns in einem zugebrachten Trunke Bescheid!« Ueber der Speisestube lag viel altes und neues Eisenzeug in einer Kammer, dasselbe warf es mit den Ketten gräßlich unter einander. Die Pferde quälte es so grimmig, als wenn es selbige erwürgen wollte, insonderheit hatte dasjenige Pferd, welches ihn so heftig vor der Thüre geschlagen, weder Tag noch Nacht Ruhe und wenn sich gleich die andern Rosse aus Müdigkeit auf den Boden streckten, blieb selbiges allezeit stehen, schwitzte und zitterte stark, bis es endlich der Henker bekommen hat. Man hielt gar dafür, der Teufel stecke in diesem Gaul und habe durch dessen Fuß den Cuntze tödtlich geschlagen. Sein Schweiß war immer kalt wie jener Cuntze’s auch gewesen war, und da es zu Cuntze’s Untergang sich gebrauchen lassen, fragten Viele, ob man nicht solches als ein teuflisches Werkzeug mitsammt der Cuntzischen Leiche auf einem Holzstoße verbrennen solle.

An den schwach brennenden Lichtern, auch sogar an den Laternen beurtheilte die schüchterne Familie die unsichtbare Anwesenheit des bösen Geistes, und sie erweckten deshalb einander aus dem Schlafe. Denn die, welche schliefen, wurden gedrückt und dergestalt abgemattet, daß man sie bei geschehener Erweckung mit Schlagwasser bestreichen und als Ohnmächtige fast vom Tode erretten mußte. Vielmals wurden auch die Schlafenden an der Seite ihrer Wächter entsetzlich gepeinigt, daß sie gleichsam die schwere Noth bekamen und mit den Füßen gewaltig strampelten, auch mit kostbaren Arzneimitteln kaum wieder zurecht kamen. Die Wittwe ließ eine Magd neben sich in ihrem Bette liegen, die hieß aber der Geist weggehen, oder er wolle ihr den Hals umdrehen. Die Wittwe legte sich deswegen in die Stube zu ihren Leuten und diese litten erschreckliche Noth von dem Gespenste, welches sich öfters beim Ofen in einem Sterbekittel sitzend präsentirte. Die Wittwe hatte es am Schlimmsten, denn sie durfte ohne Gefahr auch bei Tag sich kaum in ein Gemach begeben. So war der Geist allenthalben sichtbar und wollte sie sogar zum Beischlaf nöthigen. Er soff die Milch aus den Milchtöpfen und trieb allerlei Unfug. Dem jüngsten Kinde, das kaum abgewöhnt war, schrie er zu, es solle ihm bald in das Grab nachfolgen, da wolle er ihm viele goldene Gröschel geben. Der älteste Sohn kam vom Lande her in das elterliche Haus daselbst zu übernachten, aber das Gespenst tumultuirte in seiner Kammer dergestalt, daß er mitten unter dem eifrigsten Gebete kaum darin länger schlafen konnte. Einer von der Familie war vorwitzig genug zu sehen, was denn das Gespenst bei Nachtzeit anfinge, und ging deshalb allein auf den Gang. Cuntze begegnete dem Menschen, der sprang aber aus dem Gange zurück ins Speisezimmer und fiel auf die Erde. Das Gespenst drückte und würgte ihn nun dergestalt, daß er von allen Kräften kam und am nächsten Morgen die Flecken an seinem Halse und Leibe sichtbar blieben, worauf er seinem Vorwitz nicht weiter nachhängen wollte. Gegen Morgen ließ sich der Geist von vielen Leuten persönlich schauen, aber bei Nacht turnirte er am Allerheftigsten, als ob er ganze Häuser niederreißen wolle. Einen großen Pfeiler, den kaum zwei Männer ertragen hätten, riß er aus dem Grunde und warf ihn anderwärts hin. Außer der Stadt begegnete er vielen Menschen reitend auf einem dreibeinigen Rosse von derselben Farbe, wie sein Leibpferd gewesen war. Bisweilen redete er mit denen, so ihn begegneten, von allerlei Fuhrwerk. Er ritt wie ein Unsinniger durch die Stadt und Felder hin, sodaß das Feuer unter ihm aus den Steinen sprang. Eine faule Magd hatte sich eher schlafen gelegt, als ihre Frau nach Hause kam, wie nun bei deren Heimkunft noch Essen anzurichten und Tischgefäße zu reinigen waren, erschien nach dem Essen das Gespenst, öffnete Haus-, Stuben- und Kammerthüren, trat vor das Bett der Frau, berührte ihren Arm mit einer eiskalten Hand und fragte, warum sie an einem Donnerstage zur Nacht noch aufwaschen ließe? (Denn die gemeinen Leute im Jägerndorfischen Gebirge ließen aus einem alten Aberglauben sowohl in den zwölf Nächten vor Weihnacht bis zum großen Neujahr, als auch an einem Montag, Donnerstag und Sonntag nicht leicht Hausarbeiten vornehmen und selten aufwaschen.) Als nun die Frau versicherte, was diesmal geschehen, solle nie wieder geschehen, ging das Gespenst in die Speisestube, spühlte alle Geschirre aus, schlickerte brav mit dem Wasser und verschwand dann wieder. Sonst hat das Gespenst einem Schmied seine Kinder fast an den Gebeinen zerquetscht, ein Paar alte Männer so hart gepreßt, daß sie kurz darauf gestorben sind, einen andern Alten aber so erschreckt, daß er die Treppe heruntergefallen ist. Sechswöchnerinnen hatten vor ihm die wenigste Ruhe, denn er drückte ihnen die Brüste aus oder nahm ihnen die Kinder aus den Wiegen oder verhinderte sie die Wiegen zu bewegen. Zu einer alten Frau kroch er ins Bett, steckte ihr den Finger in den Hals und hätte sie beinahe erwürgt. Andere wollte er nothzüchtigen. Von einer andern Frau forderte er etwas Gerste ein, so er ihr bei Lebzeiten geborgt hatte. Einen besoffenen Mann, der auf die Bitten seines Weibes nicht schlafen gehen wollte, verleitete er durch seine Erscheinung am Nebentische, daß er nach ihm schlug, aber dabei die Hand dergestalt an der Wand verletzte, daß er lange Zeit nachher lahm war.

Es ist ein Wahn gemeiner Leute, daß wo Pillweisen oder Hexenmeister begraben liegen, sich unter ihren Grabsteinen Löcher zeigen, als wenn da Mäuse herausgekrochen wären. Ein Gleiches sah man bei Cuntze’s Grabe und zwar sehr groß und tief, so daß man mit einem Stabe bis auf den Sarg stoßen konnte. Man nahm den Leichenstein heraus, füllte die Löcher und Gruben aus und trat Alles fest ein, am folgenden Tage waren aber die alten Löcher wieder da und noch größer als vorher, gerade als wenn die Hühner unter dem Steine gescharrt hätten. An dem Altartuche erschienen große Blutflecken, so viele Edelleute in Augenschein genommen haben. Den Leichenwein fand man sehr beschmutzt, wußte aber nicht, von welchem Thiere. Ja das Ungethüm machte sich über den Taufstein her, besudelte das Wasser und die Tuchdecke, und zeigte sich im Sterbekittel auf dem Tische, worauf das Tauftuch abgetrocknet werden sollte. Mit einem Juden, der gerade durchreiste, fing es im Wirthshause lächerliche Possen an. Einem ihm bei Lebzeiten bekannten Fuhrmann spie es Feuerflammen auf die Füße, daß er einige Zeit vor Schmerzen lahm geblieben ist. Auf dem Markte unter der Laube schlief einer mit seinem Weibe, diese wollte er überreden, aufzustehen, weil ihre Tochter Martha in einen Brunnen gefallen sei. Einem Futterknechte löschte es die Laterne aus, wie er sich aber brav zur Wehre setzte, verschwand es. Mit einem andern schlug es sich auf der Straße und biß ihn dergestalt in die Finger, daß er darauf gelähmt blieb. Die bei ihren Männern liegenden Weiber neckte es auf alle Weise. Eine von denen, so ihn abgewaschen, stand schreckliche Plage aus, weil er mit großen Stücken Leim nach ihr schmiß. Ein Vorüberreisender sah ihn auf dem Thurme des auf dem Berge stehenden Kirchleins zum Fenster herausgucken, mit glühenden Augen, welches auch mehrere andere Leute bezeugt, die vornehmlich einen abscheulich dicken Kopf an ihm beobachtet hatten. Man hinterbrachte solches dem Geistlichen, der ging gleiches Weges hinaus, sah aber am Fenster nichts als eine lange Stange, in welche er sich verwandelt. Die auf den Feldern Flachs jätenden Weiber sahen ihn auf den Aeckern herumhüpfen, mit welchem sich in Kurzem sechs andere dergleichen Tänzer vergesellschafteten und um die Weiber herumsprangen, die aus allen Kräften davonliefen, in die Stadt eilten und es dem Rathe anzeigten. Die Hunde nahm dieses Gespenst und schmiß sie wider die Erde oder gegen die Wand. Die heimkommenden Kühe saugte es aus, daß sie keine Milch in den Eutern behielten, und drehte ihnen die Schwänze zusammen, wie in einem geflochtenen Pferdeschweif. Die Hühner jagte es aus den Ställen und Körben und fraß ihnen die jungen Hühnlein. Die Ziegen legte es mit gebundenen Füßen in die Krippen. Den Kälbern benahm es mit Aussaugen alle Lebenskraft, so daß sie wie Laternen aussahen. Mit den Pferden handtirte es grausam. Dem einen band es den Futterkasten an den Hals und ließ es los, daß es solchen durch den ganzen Stall fortschleppte, einem andern steckte es den einen Schenkel durch den Ohrriemen so fest, daß man zum Herunterlassen den Riemen entzweischneiden mußte. Ein Vorwerksmann oder Dorfvogt kam in die Stadt, verkaufte das Seinige, betrank sich hernach und ging aus Vorwitz zu Cuntzens Wittfrau, weil er im Hause wohl bekannt war und gern den wiederkommenden Geist sehen wollte. Cuntze ist auf Benennung seines Namens bald da und giebt dem ersten Nebenstehenden eine derbe Maulschelle, so daß der andere Zeit zum Weglaufen hatte, wollte er nicht auch zur Erde niedergeschlagen sein. Einen Kirchenschläfer weckte er also auf, daß er halb ohnmächtig erwachte. Eine Frau drückte er nebst ihren Kindern so, daß sie hätten zerbersten mögen, und dergleichen Drückungen an Manns- und Weibspersonen sind gar unzählig viele geschehen. Es verschonete eben diese teufelische Spukerei selbst nicht mehr den Geistlichen dieses Ortes. Es drückte ihn, seine Frau, seine Kinder, sein Gesinde, daß keines mehr schlafen wollte, sondern alle über Nacht in einer Stube beisammen blieben. Eine Magd, die frischer als andere sein wollte, bekam bald den Lohn ihres Vorwitzes. Bisweilen grunzte der Geist wie eine Sau, und wenn man ihn auf diese Art störte, machte er sich auf eine andere Art verdächtig, so daß der gute Mann nicht wußte, was er weiter anfangen oder wo er bleiben sollte. Als er nun den 8. Julius Abends mit seiner Eheliebsten und Kindern beisammengesessen und auf dem Orgeltische gespielt, hat sich jählings ein ganz unerträglicher Gestank eingefunden, der sie alle auszuweichen nöthigte. Wie er sich nun nach andächtig gebetetem Abendsegen in die Schlafkammer begeben, so ist binnen einer Viertelstunde auch dort ein entsetzlicher Gestank entstanden und der Herr Pfarrer hörte das Gespenst an sein Bett hinkommen, wo es ihn mit einem so kalten und stinkenden Dampf angeblasen hat, daß er davon krank geworden, das ganze Gesicht ihm geschwollen ist und die Augen sehr viel dabei gelitten haben. Aus diesen Ursachen ward die ganze Stadt Bendschin in Verruf gebracht, Niemand von Adel traute sich mehr hinein, kein Durchreisender blieb über Nacht drinnen und die Einwohner wußten sich nicht mehr zu helfen, als daß sie auf den Gedanken kamen, einige Gräber zu eröffnen und die Leichen zu besichtigen, weil vor verschiedenen Jahren bei gleicher Bewandtniß solcher Rath ihnen geholfen. Der Herr Pfarrer redete zwar theologisch und physicalisch dawider, allein die geplagten Inwohner kehrten sich nicht daran, sondern waren unter einander einig geworden, keiner Familie Begräbniß zu schonen, sondern vielmehr so lange nachzusuchen, bis sie die Quelle ihres Unheils fänden, solche verstopften und ableiteten. Sie baten sich also bei dem Geistlichen die Schlüssel aus, die ihnen nach langem Disputiren der Glöckner auch aushändigte, und damit ließen sie sich durch den Todtengräber etliche Gräber öffnen, sowohl derer, die vor, als derer, die nach Cuntze beerdigt worden, um den Zustand der Leichen in Augenschein zu nehmen und nach demselben ihre Beurtheilung einzurichten, weil sie vorgaben, es wären gewisse Zeichen an den Gliedern der Verstorbenen, daraus man ersehen könne, ob sie ehrliche Christen gewesen, oder mit dem Satan in einem gotteslästerlichen Bunde gestanden und in selbiger Todsünde dahin gestorben.

Nachdem man nun obgedachten Cuntzes sowohl als anderer Leute Gräber und Särge geöffnet, fand sich an der Leiche ein bedenklicher Unterschied. Denn alle anderen Leichen, so vor und nach Cuntzen unter die Erde gekommen, waren schon großen Theils verweset oder standen in völliger Fäulniß, bei Cuntze aber war der Leichnam unversehrt, frisch und ganz, nur die Haut an der Brust und am Haupte sah schwärzlich aus, weil man sie beim Einlegen in den Sarg mit ungelöschtem Kalk überstreut, damit sie sich desto eher verzehren sollte. Unter dem obersten Häutlein, so sich leicht wegkratzen ließ, war die andere stärkere frisch und röthlich, alle Gelenke biegsam und alle Glieder beweglich. Man steckte ihm erforschungshalber einen Stab in die rechte Hand, den hielt der Leichnam mit seinen Fingern ganz fest, die Augen standen bald offen, bald geschlossen, und als man den Körper aufgerichtet, drehte er das Gesicht erstlich gegen Mitternacht und am folgenden Morgen gegen Mittag. Jemand wagte es, ihm den Strumpf abzuziehen, darunter war Alles unversehrt, die Haut röthlich und die liegenden Adern deutlich zu sehen. Als man die andere Wade mit einem Messerschnitt öffnete, lief das schönste rothe Blut wie bei einem lebendigen Menschen heraus. Die Nase, welche bei abgestorbenen Leuten am ersten einfällt, war ganz unbeschädigt und nicht eingeschrumpelt. Cuntze war sonst im Leben klein von Person und hager gewesen, seine Leiche aber war anjetzo viel stärker, das Gesicht geschwollen, die Backen aufgelaufen und Alles zerdunstet, wie ohngefähr bei gemästeten speckfetten Schweinen, so daß also die Last des Körpers fast nicht mehr Raum hatte in dem Sarge, worin er vom 8. Februar bis 20. Juli gelegen.

Damit man sich nun aber in der ganzen Sache nicht übereilen möchte, wurde mit klugen Leuten aus der Nachbarschaft darüber oft gerathschlagt, unter diesen war aber Niemand, der nicht die Schuld alles bisherigen Unheils auf den verstorbenen Cuntze geworfen. Deshalb hat man ihn zum Feuer verurtheilt, ist aber nicht zur Vollziehung des Urtheils geschritten, ehe man den völligen Verlauf an den Hof des regierenden Landesfürsten berichtet und von da ein Gutachten weitern Verhaltens empfangen. Die erste Antwort lautete, man solle sich in der Sache nicht übereilen, sondern weitern Rath und Kundschaft einziehen; da haben aber die Inwohner, so des täglichen und nächtlichen Tumultuirens überdrüßig waren, mit einem benachbarten Scharfrichter (weil sie damals noch keinen eigenen hatten) accordirt, daß er mit zwei Knechten hinkäme und den Brand vollzöge. Sie versprachen ihm dafür zur Belohnung Cuntzes obgedachtes Leibpferd und etwas an Geld, auch freie Kost, so lange er sich in dieser Sache bei ihnen aufhalten werde. Inzwischen bereitete man alles Nothwendige, man bestellte Männer, ein Loch in die Wand bei dem Altar zu bohren, durch welches man das Aas hinausstoßen könnte. Alle Inwohner gingen insgesammt über eine dem Cuntze gehörig gewesene Haue in dem nächsten Gehölze her, schlugen das Holz wie es zum Brande gehörig, führten es auf die Richtstätte und ließen durch die Henkersknechte einen Holzstoß aufrichten. Den Körper zog man mit Strängen aus dem Grabe durch das Loch in der Kirchenmauer und er wurde so schwer befunden, daß die Stricke darüber zerrissen und man ihn kaum von der Stelle zu bringen sich getraute. Hier außen stand der Schinderkarren, an welchen man des Cuntzen Leibpferd spannte, um ihn mit der Leiche fortzuschleppen. Dieses geschah also, aber mit solcher Beschwerlichkeit, daß ihn besagtes starkes Roß kaum erziehen konnte, sondern man oftmals ruhen und mit Schlägen den Gaul zum weitern Anziehen zwingen mußte, da es hingegen beim Hereinfahren beide starke Knechte und den Karren ohne alle Mühe leidlich fortgeführt. Da man auf den Schindanger kam, wurde der Leichnam mit dem am Halse gelegenen Erdklos und Sterbekittel auf den Holzstoß gebracht und derselbe angezündet. So stark nun die Flamme war, und wie lange er auch darauf lag, es brannte doch nicht mehr weg, als der Kopf, die Hände bis an den Ellenbogen und die[Unterbeine bis an die Kniee, der übrige Stumpel blieb fast ganz. Darauf zog ihn der Henker mit Feuerhaken vom Holzstoße, hieb ihn zu Stücken und fand darin so häufiges frisches Geblüte, daß er selbst über und über damit bespritzt ward. Das ziemlich fette Fleisch wurde stückweise in die Flammen geworfen, verzehrte sich aber so langsam, daß der Brand bis in die Nacht dauerte, auch auf derselben Stelle, wo man ihn zerstückte, wurde Feuer angemacht, weil alles Blut daselbst befindlich. Man setzte also die Nacht über Wächter hin, und auf den andern Morgen warf man die übriggebliebene Asche in den vorbeifließenden Strom, auch geschah dies mit der aus dem Grabe ausgegrabenen Erde, und der Ort ward mit großen Steinen ausgefüllt, auf daß Niemand weiter dahin begraben werden möchte. Es entstand hierbei die Rede, als wären des zweiten Weibes, so Cuntze zur Ehe gehabt, Eltern und Bruder auch wegen solcher Gespensterei, die nach ihrem Tode unter ihrer Gestalt vorgegangen, auf Befehl der hohen Herrschaft, unter welcher sie gewohnt, ausgegraben und verbrannt, mithin vielleicht der Cuntze durch sie zu einem gleichmäßigen teuflischen Bündnisse veranlaßt worden.

Gleich den Tag darauf aber, als man den Körper verbrannt hatte, ließ alles satanische Gepolter auf einmal nach. Man fragte die Nachtwächter und diese sagten, es wäre Alles die ganze Nacht hindurch stille gewesen. Jeder, der dem andern des Morgens begegnete, freute sich über die allgemeine Beruhigung, recht als wie wenn nach einem starken Donnerwetter und Platzregen der heitere Himmel und Sonnenschein Alles wieder erquicket, und so ist es auch eine Zeit lang geblieben, bis aus dem Cuntzischen Hause eine Magd gestorben und ehrhaft zu Grabe bestattet worden ist. Weil man sie aber in Verdacht hielt, sie möchte von dem alten Cuntze etwas gelernt haben und mit Hexengift angesteckt sein, so suchte man damit einer besorglichen Spukerei vorzubeugen, daß man ihr viererlei Sachen im Sarge beilegte, nämlich eine Radekoppe oder Radnagel, einen Silbergroschen, den strohernen Wisch, womit sie in der Küche sonst aufgewaschen, und ein Stück frischen Rasen, so man ihr an den Hals zwischen dem Kinne und der Brust aufbürdete. Dies alles sollte zur Verhinderung etwaiger Hexereien dienen; aber vergeblich. Denn acht Tage nach ihrem Tode erschien ein gewöhnlicher Poltergeist und drückte die andere Magd so lästerlich, daß ihr die Augen davon aufschwollen. Er ergriff ein Kind in der Wiege und hätte es erwürgt, wenn nicht eine Kinderfrau bei Zeiten herzugesprungen und mit oftmaliger Anrufung des Namens Jesu es noch gerettet. In der folgenden Nacht kam es in Gestalt eines Huhns in den Stall; weil nun die andere Magd meinte, es wäre ihr eins aus dem Korbe herausgeflogen und sie das Stallhuhn also erwischen wollte, wurde solches in einem Augenblicke entsetzlich groß, ergriff die Magd beim Halse und kniff sie so grob, daß ihr solcher verschwoll und sie einige Tage ohne großen Schmerz weder essen noch trinken konnte, auch bei dieser ihr zugestoßenen Lebensgefahr sie sich mit der heiligen Communion zum Tode vorbereitete. Einem andern Frauenzimmer befahl der Geist, sie solle ein weißes Hemde anziehen, weil das, was sie anhabe, zum Waschen unsauber genug wäre. Das Poltern dauerte einen ganzen Monat lang auf allerhand Art, das Gespenst schlug grausam an die Thüren, es drückte die Leute, schmiß sie aus den Betten, erschien in Weibes-, Hundes- und Bocksgestalt, es trank bei dem Bürgermeister eine Flasche Rosenweinessig aus, die doch am nächsten Morgen wieder voll war, und was solcher Possen mehr waren. Weil man nun im Verbrennen des Körpers das beste Mittel zu sehen erachtete, grub man sie aus, besichtigte den Sarg und fand, daß sie sich fast in der Art wie Cuntze’s Leiche darin befand, auch den am Halse liegenden Rasen bis auf die bloße Erde weggefressen hatte. Man wanderte demnach mit ihr unter den gewöhnlichen Ceremonien zu dem Holzstoß, verbrannte den Körper, streute die übrig gebliebene Erde in ein vorbei fließendes Wasser und damit nahm die neue Poltergeisterei zu Bendschin ein baldiges Ende und die vom Geiste gequetschten und gedrückten Personen wurden zusehens wieder gesund.

Der gespenstige Schuster zu Breslau, aus Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staates

Mai 7, 2017

 

Im Jahre 1591 am 20. September an einem Freitage früh schnitt sich ein wohlhabender Schuster in der Stadt Breslau in seinem hinter dem Hause gelegenen Garten die Kehle ab, aus welchem Grunde, wußte man nicht. Er hatte mit dem Kneife die Halsadern abgekerbt und mußte an der Wunde sterben. Als sein Weib solches gesehen und ihren Schwestern erzählte, wurden sie alle über diesen plötzlichen Unglücksfall auf’s Höchste bestürzt, suchten aber denselben, welchen sie für eine große Schande hielten, auf jede Weise zu verheimlichen. Sie sprach also zu Allen, so sie um ihres Mannes Tod fragten, es habe ihn der Schlag gerührt; sie ließ auch die Thüre verriegeln, damit Niemand sehen könne, was geschehen war. Wenn aber ihre Nachbarn und Bekannten kamen, um mit ihr zu sprechen und sie zu trösten, da ließen es die Schwestern der Wittwe nicht zu und sagten, sie erkenne ihre Liebe und Wohlwollen recht wohl, allein der Todte brauche ihre Dienste nicht und die Wittwe wolle in der ersten Bestürzung Niemanden vor sich lassen, sie möchten also, wenn sie wollten, in einiger Zeit wiederkommen. Sie schickten nun zu den Kirchvätern und bestellten bei ihnen das Begräbniß, die Grabstätte und das Geläute, was sie auch ohne Hinderniß erlangten, da der Gestorbene für einen reichen Mann gegolten hatte. Damit aber Alles geheim bliebe und Niemand etwas von dem Morde erführe, dungen sie ein altes Weib, die den verbluteten Körper rein waschen und die Wunde so fest verbinden mußte, daß man nichts davon sehen konnte. Als sie das gethan, legten sie ihn mit einander in den Sarg. Die Wittwe selbst, als eine Sechswöchnerin, die vor zehn Tagen erst in’s Kindbett gekommen war, ließ den Geistlichen zu sich kommen, damit er ihr in diesem schweren Falle Trost zusprechen möchte. Dieser kam auch und tröstete die Wittwe; als er sich aber entfernen wollte, baten die Schwestern der Wittwe denselben, der von der Sache nichts wußte, er möge doch einmal den Leichnam betrachten. Das that er auch, hatte aber keinen Gedanken daran, daß etwas dahinter stecke. Denn der Leichnam war so schön mit Leinwand auf allen Seiten umhüllt, daß auch Einer, der wohl Acht darauf hatte, nichts gemerkt haben würde, und sie hatten ihn so hoch gelegt, daß die gefalteten und verdrehten Tücher keinen Argwohn erregen konnten. Den dritten Tag darauf, es war an einem Sonntage, ist er mit großem Gepränge nach Art der Frommen und Vornehmen zur Erde bestattet worden; es ward ihm auch eine solche Abdankung und Leichenrede gehalten, als hätte er ein heiliges und unschuldiges Leben geführt und wäre ein vortrefflicher Christ gewesen.

Ob nun wohl die Verwandten des Verstorbenen meinten, der Mord werde zugedeckt bleiben, weil sie Alles so vorsichtig verrichtet, ist doch gleichwohl ein Gerede unter die Leute gekommen, als hätte sich der Mann selbst ermordet und sei nicht vom Schlage getroffen worden. Anfangs hat man es nicht glauben wollen, allein nichtsdestoweniger ist das Gerede immer stärker geworden, so daß der Rath sich genöthigt sah, Alle, die bei dem Todten gewesen waren, genau zu befragen und sie aufzufordern, der Wahrheit gemäß zu gestehen, was sie gesehen oder gehört und was einem Jeden von ihnen bewußt sei. Ob nun wohl alle diese Personen sich auszureden suchten, auch nicht bei einerlei Antwort blieben, so konnte man doch bald sehen, daß nicht Alles richtig sei; deshalb gestanden sie schließlich ein, er sei gefallen und habe sich an einem spitzigen Stein geschlagen und dabei verwundet. Sie erzählten auch, es hätte sich eine Ahle in seinem Kleide gefunden, man habe dieselbe aber weggeschafft, daß sie nimmermehr Jemand hätte Schaden thun können. Der Rath hielt nun, weil sich die Indicien immer mehr mehrten, Berathschlagung, was zu thun sei. Dies blieb aber eben so wenig verschwiegen, und einige Freunde der Wittwe beredeten selbige, sie solle bei Leibe nicht zugeben, daß der Körper ihres Mannes ausgegraben oder an einen unehrlichen Ort gelegt oder für einen Zauberer oder Selbstmörder gehalten werde, wo man nicht kräftigere Beweise aufzubringen vermöge. Unterdessen erschien hin und wieder ein Gespenst, ganz so gestaltet, wie der Schuster während seines Lebens gewesen war, und zwar sowohl bei Tage als des Nachts. Es erschreckte Viele durch die bloße Gestalt, Viele weckte es mit Poltern auf, Viele drückte es, Andere vexirte es auf andere Art, so daß man früh Morgens überall von dem Gespenste reden hörte. Je mehr nun aber das Gespenst erschien, desto weniger wollten die Verwandten feiern; sie gingen zu dem Präsidenten des Gerichtes und sagten, man glaube den unbegründeten Reden der Leute zu viel, der ehrliche Mann werde in der Grube beschimpft, und sie sähen sich genöthigt, den Prozeß an den Kaiser zu bringen. Als nun die Sache wirklich ein Verbot nach sich zog, da ward das Unwesen immer ärger. Denn gleich nach Sonnenuntergang war das Gespenst da, und weil Niemand davon frei war, sah sich ein Jeder alle Augenblicke nach demselben um. Am meisten wurden die geplagt, welche nach schwerer Arbeit ausruhen wollten; manchmal trat es an ihr Bett, bald legte es sich gar mit hinein und wollte die Leute ersticken, ja es drückte sie so heftig, daß man nicht ohne Verwunderung die Flecken sah, welche von den Fingern desselben gemacht waren, daher man leicht den Schlag beurtheilen konnte. Auf solche Art wurden die an sich schon furchtsamen Leute noch furchtsamer gemacht, also daß sie in ihren Häusern nicht weiter blieben, sondern sicherere Oerter suchen wollten. Die meisten, die in der Schlafkammer nicht sicher waren, blieben in den Zimmern, nachdem sie viele Andere mit hierhin genommen, damit durch die Menge die Furcht vertrieben werde. Allein obschon Alle bei brennenden Lichtern wachten, kam doch das Gespenst, welches manchmal Alle, manchmal aber nur Etliche sahen, von denen es auch allemal Einige quälte.

Indem nun das Geschrei von Tage zu Tage ärger ward und die ganze Stadt das Wesen bestätigte, beschloß der Rath etwas zu versuchen, damit das Gespenst wegbliebe. Der Leichnam hatte nun in den achten Monat im Grabe gelegen, vom 22. September 1591 bis 18. April 1592, als auf hohen Befehl das Grab geöffnet ward. Solchem wohnte der ganze Rath, die Schöppen und andere Bedienteste bei. In dem geöffneten Grabe fand man den Körper ganz und von der Fäule unversehrt, aber wie eine Trommel aufgeblasen, nur daß nichts verändert war und die Glieder noch alle beisammen hingen. Sie waren, welches zu verwundern, nicht wie bei andern Todten erstarrt, sondern man konnte sie gut bewegen. Auf den Füßen hatte sich die Haut abgeschält und es war eine andere gewachsen, viel reiner und stärker als die vorige war, und da fast alle Zauberer an einem verborgenen Orte, daß man es nicht leicht merkt, gezeichnet sind, so hatte dieser an der großen Zehe ein Maal wie eine Rose. Die Deutung davon wußte Niemand. Es war auch kein Gestank zu bemerken, nur die Tücher, in die er gehüllt war, rochen widrig; die Wunde in der Kehle gähnte auf und war röthlich und auch nicht im Mindesten verändert.34 Der Körper ward vom 8. bis 24. April auf der Bahre Tag und Nacht bewacht, nur des Tages über setzte man ihn an die Luft, des Abends aber stellte man ihn in ein Haus daselbst. Jedermann konnte ihn ganz nahe besehen, und es gingen alle Tage viele Bürger und Viele aus den benachbarten Orten dorthin. Dennoch half das Ausgraben nichts, das Gespenst, so man damit vertreiben wollte, machte noch viel mehr Unruhe. Der Körper wurde unter den Galgen gelegt, allein auch dies half nichts, weil das Gespenst dann so grausam wüthete, daß man es nicht beschreiben kann.

Da nun aber das Gespenst so ganz abscheulich rasete und sowohl vielen Bürgern als seinen guten Freunden selbst große Ungelegenheit machte, so ging die Wittwe zu dem Rath und erklärte, sie wolle Alles zugeben, man möge mit ihrem gewesenen Manne nach aller Schärfe verfahren. Es war aber in der kurzen Zeit vom 24. April bis 7. Mai der Körper viel völliger von Fleisch geworden, was ein Jeder sah, der sich erinnerte, wie er vorher ausgesehen hatte. Hierauf ließ der Rath den Körper am 7ten durch den Henker aus dem andern Grabe nehmen, dann wurde ihm der Kopf abgestoßen, die Hände und Füße zergliedert, hernach der Rücken aufgeschnitten und das Herz herausgenommen, welches so schön aussah, wie von einem frisch geschlachteten Kalbe. Alles zusammen wurde auf einen Scheiterhaufen, der von sieben Klaftern Holz aufgebaut und mit vielen Pechkränzen belegt war, verbrannt. Damit aber Niemand die Asche oder die Gebeine aufsammeln und zur Hexerei aufheben könne, wie sonst zu geschehen pflegt, so durften die Wächter Niemanden nahe hinzulassen. Früh Morgens, als der Holzstoß verbrannt war, wurde die Asche zusammen in einem Sacke in das fließende Wasser geworfen, worauf denn durch Gottes Hülfe das Gespenst weggeblieben ist und nicht mehr gesehen ward.

34 Man hat ihn jedenfalls für einen Vampyr gehalten, denn die Beschreibung, welche in dem schles. Labyrinth S. 330 etc. von den serbischen Vampyren nach du Fresne, Gloss. med. et infer. Graec. unter d. Artik. Βουλκολακα und Τυμπανιται geliefert ist, scheint darauf hinzudeuten.

Dietrich Jecklin: Das Doggi, aus `Volksthümliches aus Graubünden´

Mai 7, 2017

 

Von den vergötterten oder halbgöttlichen Naturen scheidet eine Reihe anderer Wesen sich aus, denen etwas Uebermenschliches, was sie wieder den Göttern nähert, gegeben ist. Sie besitzen Kraft, dem Menschen zu nützen oder zu schaden; zugleich scheuen sie sich vor ihm, weil sie ihm leiblich nicht gewachsen sind. Entweder erscheinen sie unter dem menschlichen Wachsthum oder ungestalt; fast allen ist das Vermögen eigen, sich unsichtbar zu machen. – Auch hier sind die weiblichen Wesen allgemeiner und edler gehalten, und ihre Eigenschaften gleichen denen der Göttinnen und weißen Frauen.

Zu dieser Dämonensippe liefert Bünden ein ordentliches Contingent.

Hieher gehört vorerst das Doggi.

Das ist eine Art Vampyr von unbestimmter, zusammengeknäuelter Thierform, ein häßliches Geschöpf mit großem Kopfe ohne Arme und Beine oder nur Stumpen statt derselben. Es setzt sich (auch als kleiner, weißer Schmetterling) Nachts dem Menschen auf die Brust und verursacht die bekannte Angst und Beklommenheit. – Auch Hausthiere quält es, besonders Hühner, und heißt in diesem Falle der »Hennenteufel«.

Mit Begier setzt es sich den Pferden in die Mähne und plagt sie. Den Ziegen saugt es die Milch aus; wenn man aber die Ziege einmal durch einen sogenannten Doggistein melkt, so ist sie für immer vor dem Doggi sicher. Der Doggistein ist von mäßiger Größe, glattrund, und hat in der Mitte ein rundes Loch; gefunden wird eraber nur von einem Glückskinde.

Das Doggi ist ein milchliebender Hausgeist, aber böser Natur. Es schleicht Nachts durch ein Schlüsselloch oder durch ein Astloch in der Wand in die Schlafgemächer und legt sich selbst Kindern auf die Brust und versucht an ihnen zu saugen, so daß die Brustwärzchen der Kleinen am Morgenroth und geschwollen sind. – Ein Feuerstahl um den Hals des Kindes gehängt, soll es gegen die Gewalt des Doggi sichern.

In Bünden tritt das Doggi immer einzeln auf und übt meistens das Geschäft des Alp. In Boltigen (Kt. Bern) aber sind ihrer viele beisammen, zwerghafte Bergmännlein; eine tiefe Grotte dort, worin eine natürlich ausgehöhlte Kanzel sich befindet, heißt »Toggeli-Kirche« u.A.m.

Was nun das Doggi in Bünden, ist in Vorarlberg u.a. Gegenden der Schrättlig. Wie der aussieht, weiß Niemand zu sagen, wohl aber weiß Jedermann, daß er ein langweiliger, launiger »leidwerchiger« Hausgeist ist, der seine Freude daran hat, Nachts in die »Schlafgaden« zu schleichen, die Menschen im Bette zu drücken, daß ihnen der Athem fast ausgeht und sie ohne anders glauben, als liege ein Zentnergewicht auf ihnen. – Bei diesem nächtlichen Manöver kommt ihm das Vermögen, sich zu verwandeln, vortrefflich zu Statten: Oefters schiebt er als Katze mit der rechten Vorderpfote ganz manierlich den Fensterläufer zurück und hüpft ins Schlafgemach oder er windet sich als Strohhalm zum Schlüsselloche hinein, ja er schneidet sich selber den Bauch auf und haspelt die Gedärme aus dem Leibe, daß er, ganz dünn geworden, durch jede Wandspalte sich drängen kann.

Es faßte aber Einer den Schrättlig, der just als Strohhalm zum Schlüsselloche sich herein wand, und nagelte ihn fest an die Zimmerwand; am Morgen fand er ein altes Weiblein an der Zimmerwand hängen, das war der todte Schrättlig.

Ein Anderer fand die herausgehaspelten Gedärme des Schrättlig vor der Kammerthüre liegen, ging hin und mischte Harz und Sägmehl darunter, daß der Unhold sie nicht mehr in die Bauchhöhle einzupacken vermochte und drauf gehen mußte.

Als Mittel gegen Doggi und Schrättlig gilt ein in die Wand gestecktes Messer, eine Hechel oder Kartätsche umgekehrt auf die Brust gelegt, oder man läßt ihn eine schwarze Henne im Stalle todt drücken.

Dieser Schrättlig im Vorarlberg scheint in Beziehung zu Frouwa zu stehen, die Katze, in die er sich verwandelt, ist Frouwa’s heiliges Thier. Der aufgeschnittene Bauch, die herausgehaspelten Gedärme und das darunter gestreute Sägmehl und Harz führen aber auch zu Berchta hin; sie erscheint in Kärnthen um Weihnachten als eine Frau mit zottigen Haaren und schneidet dem, der andere Speisen als ihr Leibgericht genossen hat, den Bauch auf und füllt ihn mit Heckerling und Backsteinen. – So tief sank also Macht und Ansehen der hohen Göttin in der Vorstellung des Volkes, daß die Rache, die sie in ihrem Zorn am Menschen übte, nun umgekehrt der Mensch an ihr oder doch an Einem aus ihrem Gefolge nimmt.

Wie der Schrättlig im Vorarlberg in Beziehung zu Berchta steht, so dem Anschein nach das Doggi zu Donar; sehen wir ja die Vorliebe des Doggi zu Donar’sheiligem Thiere (zur Ziege, Bock), und gemahnt nicht auch das Melken der Geiß durch den Doggi-Stein an Donar’s Melken der Wolkenziegen?

Von den Doggi-Sagen weiß man im Prätigau, Davos, Schanfigg und im Oberlande gar Manches zu berichten.

Der Hennenteufel ist nicht größer als eine Flintenkugel, ringsum habe er lauter Augen und Zänglein, mit denen er an den Hennen sich festhalte. Wolle er das Hennenvolk nur in Allarm setzen, aber nicht beißen, so rolle er im Hennenstalle herum mit fürchterlichem Gerassel. – Wolle er wieder weg, mache er sich ganz platt, so daß er durch jede beliebige Spalte in der Stallwand entschlüpfen kann.

Josef Virgil Grohmann: Der Alp, aus `Sagenbuch von Böhmen und Mähren´

Mai 7, 2017

 

Die krankhafte Beklemmung schlafender und träumender Menschen schrieb man den bösen Dämonen zu. Diese Dämonen heißen bei den Deutschen in Böhmen der Alp oder Trud, die in der Nacht umgehen und sich an Mädchen oder an starkbrüstige Männer anklammern, um Milch aus ihnen zu saugen. Daher heißen sie lateinisch suga. Dieses Suga übersetzt das böhm. Wörterbuch des Velešin mit mora. Gegenwärtig nennt man die Trud im Böhmischen můra und den männlichen Alp morous. Das letztere Wort kennt auch schon Wacehrad, der damit das lateinische pilosi übersetzt.1 Die böhmische můra aber oder der morous saugt gegenwärtig nicht bloß Milch, sondern Blut aus dem Menschen, geht also in den Vampyr über. Während er das Blut aussaugt, überfällt den Menschen eine Ohnmacht; beim Erwachen aber bemerkt man am linken Arm einen kleinen rothen Punkt, wie von einem Nadelstich, der aber nicht viel schmerzt. Kommt nun der Alp neunmal hintereinander auf denselben Menschen, so muß derselbe sterben und wird selbst ein Alp. Er kann aber noch beim neuntenmale gerettet werden durch einen Menschen, der noch nie vom Alp gedrückt worden. Wenn der Alp zum neuntenmale kommt, hält ihm der Vertheidiger eine Reliquie vors Gesicht und ruft dreimal: Folge! Dann geht er auf den Kirchhof und der Alp muß ihm folgen. Dort ruft er ihn so oft, als der Alp bereits erschienen ist, im Namen Gottes an, von hinnen zu weichen. Hierauf läßt der Alp den geängstigten Menschen in Frieden. Die Frau, die das erzählte, will selbst in dem Alpe einen verstorbenen Dorfbewohner erkannt haben. Eine Braut war nämlich vom Alp befallen worden und ihr Bräutigam führte ihn gerade auf den Kirchhof, als dies Frau ihnen begegnete, aber sich in ihrer Angst hinter einen Baum versteckte; denn dem Alp hätten die Augen furchtbar geleuchtet. – Wie hier Verstorbene als Alpe gedacht werden, so gehen nach einem andern Volksglauben auch die Seelen lebender Menschen Alpdrücken. Insbesondere stehen Personen, deren Augenbrauen zusammengewachsen sind, in diesem Verdachte.

1 Pilosi qui a graecis panites a latinis incubi vocantur, quorum forma ab humana incipit sed bestiali extremitate terminatur. Hanka zbírka, p.

Anmerkungen über Seelenvögel, aus Oskar Dähnhardt, `Natursagen´

Mai 7, 2017

 

Ein großer Teil der Verwandlungssagen beruht auf dem Glauben, daß die menschliche Seele, wenn sie durch Tod oder Verzauberung des menschlichen Körpers verlustig gehe, ein selbständiges Dasein in Gestalt eines beflügelten Wesens fortführe. Zumeist wird sie als Vogel gedacht, aber auch als Fledermaus1, als Insekt2, als Schmetterling3, da die volkstümliche Tierkunde auch diese zu den Vögeln rechnet.

Zur Erklärung jenes Glaubens erinnert Jul. v. Negelein (Seele als Vogel, Globus 79, [357–61; 381–84] S. 357) an die Tatsache, daß die Vögel als Unheilstifter gelten, daß der Ruf, ja die bloße Nähe der Eule oder Krähe als Vorbote des Todes angesehen wird, und er findet als deren Ursache den Ruf der Vögel und seine Wirkung auf die menschliche Einbildungskraft.

»Die Stimme der Vögel sprach einst mit lebhafterem Akzent zum Menschen als heute und mochte, zumal bei Tieren, die sich selten oder nie dem menschlichen Blicke zeigten, als Wehruf aus dem undurchdringlichen Todesdickicht der Wälder geklungen haben.«

»Eine benachbarte Idee, fährt er fort, knüpfte die Bande zwischen Mensch und Vogel noch enger und ließ diesen aus jenem entstehen; Verwandlungen kennzeichnen sich in Mythen immer (?) als Folgen übergroßen Kummers des betreffenden Individuums. Das sich so entwickelnde beflügelte Wesen wird in der Stimmung tiefster Seelentrauer befangen gedacht, bekundet sich also als ein dem Totenreich zugehöriges Wesen; denn der gesamten antiken Zeit [ebenso den Naturvölkern] ist der aus der materialistischen Vorstellung der völligen Todesvernichtung hervorgehende Zug, daß die Seelen der Verschiedenen den Verlust des Lebens beklagen, gemeinschaftlich. Von einer Wiedervereinigung im christlichen Sinne ist nirgends die Rede. Auch der Vogel, der als Vogel den leblosen Körper verläßt, ist kein lebendiges, sondern ein totes Wesen. Seine ideelle Zusammengehörigkeit mit den Schatten des überall existent gedachten Totenreiches erweist sich namentlich durch die gemeinschaftlich zuerteilten Attribute der schnellen und geräuschlosen Fortbewegung (das Flattern der Vögel und Geister, ihr Huschen), der schwachen, verklingenden Stimme, ihr in die Reflexe der Trauerempfindung zerfließendes rein passives Seelen- und völlig fehlendes Verstandesleben. Daher kommt es, daß, wo auch immer Vögel als Metamorphosen des Menschen auftreten, die Todestrauer zum Leitmotiv ihrer Umgestaltung gemacht wird.« v. Negelein verweist hier außer auf antike Sagen4 auf den unablässigen Kummer des von seinem Männchen getrennten indischen Tschakravakī-Vogels. Von großem prinzipiellem Interesse sei auch ein indischer Sagenansatz (Çatapāthabr. 2, 5, 1, 1):

»Als Prajapāti (der Vater der Zeugung) einst die Geschöpfe erschuf, schlugen diese fehl, und so entstanden die Vögel. Deshalb sind diese gleich dem Menschen, der dem Prajāpati am nächsten steht, zweibeinig.« Die Idee der nahen Verwandtschaft zwischen Mensch und Vogel gehe hieraus hervor (S. 358).

Hierher gehört ferner der Glaube der Inder, daß die Pitara während der zu ihrem Andenken veranstalteten Çrâddha in Gestalt von Habichten und anderen Raubvögeln anwesend seien. Man hütet sich demnach während der Zeit dieser Feste, auf solche Vögel zu jagen (Globus 83, 301 = Revue de l’hist. d. religions 39, 251 Anm.).

Zu der Auffassung, daß der Ruf des Vogels auf den Volksglauben Einfluß geübt habe, füge ich folgende Belege hinzu:

 

1. Heidnisch-arabischer Glaube.

 

a) Aus den Äußerungen der heidnisch-arabischen Dichter ist die Vorstellung vom Seelenvogel bei den alten Arabern zu folgern. In Gestalt eines Vogels (gewöhnlich als Eule) vorgestellt, umschwebt die Seele den Verstorbenen, dessen Körper sie beherbergt hatte. Der Seelenvogel stößt Laute des Schmerzes aus. Gehörte er dem Körper eines gewaltsam Ermordeten an, um den man die Pflicht der Blutrache noch nicht erfüllt hat, so hört man aus seinem Schreien den Ruf nach Tränkung mit dem Blut des der Blutrache Verfallenen. »In allen Tälern hört man das Geschrei des Totenvogels« bedeutet so viel als: Ungerächtes Blut schreit nach Vergeltung. [Dieser Glaube hat sich trotz des Widerspruches mohammedanischer Theologen in islamischer Zeit lange erhalten.]

 

  • Literatur: Goldziher, Der Seelenvogel im islamischen Volksglauben: Globus 83, 302, wo verwiesen ist auf Nöldeke, Zeitschr. d. deutsch-morgenl. Gesellsch. 41, 717; Studien zur vgl. Kulturgesch. 1, 55 (1889); Jacob, Altarab. Beduinenleben 143, 257.

 

b) Der achjalitischen Laila flog aus dem Grabe ihres Geliebten eine Eule in das Gesicht, als sie ihren Zweifel ausdrückte, ob dieser wirklich, wie er in einem Verse gesagt hatte, aus dem Grabe heraus ihren Gruß erwidern würde, und sie starb daran.

 

  • Literatur: Wellhausen, Reste arabischen Heidentums, S. 163.

 

2. Aus Böhmen.

 

Ein Weib, das ihrem Mann untreu ist, wird nach ihrem Tode in eine Eule verwandelt werden.

 

  • Literatur: Grohmann, Aberglauben und Gebräuche, Nr. 1369.

 

3. Aus Annam.

 

Es gibt für den Annamiten kaum etwas Schauerlicheres, als in der Stille der Nacht den dumpfen und raschen Ruf des großen Uhus hören zu müssen. Man vergleicht ihn mit dem Seufzer eines Sterbenden, mit dem letzten Röcheln eines Mannes, der im Busch erdrosselt wird.

 

  • Literatur: Globus 81, 302.

 

4. Aus Südamerika.

 

a) Die Abiponer (Paraguay) halten die kuilili (kleine Enten), welche bei Nachtzeit unter einem traurig tönenden Gezisch scharenweise herumflattern, für Seelen Verstorbener.

 

  • Literatur: Majer, Mythol. Lexikon 1, 8. Auch bei Bastian, Der Mensch in der Geschichte 2, 319 und Waitz, Anthropologie 3, 497.

 

b) Die Goyatacás in den ostbrasilianischen Küstengegenden glaubten an die Unsterblichkeit der Seele und an eine Wanderung derselben in den Leib des krähenartigen Vogels Sacy oder Ganambuch.

 

  • Literatur: Martius, Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerikas, zumal Brasiliens 1, 303.

 

c) Nach dem Glauben der Feuerländer wandern die Seelen Verstorbener in den Wäldern; ein Vogelschrei, den sie sich nicht erklären können, ist Geisterruf.

 

  • Literatur: Ratzel, Völkerkunde2 I, 8. 525.

 

d) Am häufigsten findet sich der Glaube, daß die Seele nach dem Tode in einen raschen Vogel übergeht. Dabei wählt man mit Vorliebe solche Vögel als Seelenträger, die ein Nachtleben führen und durch ihre klagende Stimme auf den Indianer einen unheimlichen Eindruck machen, so vor allem gewisse Ziegenmelker5 und klagende Geierarten. Der Grund zu dieser Wahl ist wohl folgender: Der Verstorbene hat nur ungern, und gezwungen von einem Feinde, das schöne irdische Leben und seine Freunde verlassen. Er sehnt sich vergeblich dahin zurück. Klagend irrt deshalb seine Seele umher und schreckt durch ihre Rufe die Hinterbliebenen, besonders zur Nachtzeit, wenn die Phantasie des Indianers außergewöhnlich erregt ist und ihm in Traumbildern, die er ja für Wirklichkeit hält, die Geister der Verstorbenen erscheinen.

 

  • Literatur: Koch, Animismus der südamerik. Indianer, S. 14.

 

5. Aus Britisch-Guayana.

 

Der Glöckner (Procnias carunculata) ist ein ganz wei ßer Vogel, der in Brasilien sehr gefürchtet ist, da man glaubt, sein Ruf sei der Schrei einer zu ewigen Qualen verurteilten Seele.

 

  • Literatur: Folklore Journal 5, 310 = Peacock, Roraima and Brit.-Guiana 192.

 

6. Aus Australien.

 

Im Westen Australiens glaubt man, daß die Seelen der Verstorbenen auf den Bäumen sitzen bleiben und dort klagen.

 

  • Literatur: Waitz, Anthropologie 6, 809.

 

7. Aus dem Samoaarchipel.

 

Unbeerdigte Tote irren umher, und man hört sie nachts im kläglichen Tone wimmern: »Hu, wie kalt, wie kalt!«

 

  • Literatur: Waitz 6, 304 = Turner 233; Hood 142.

 

Eine besondere Bedeutung haben die Farben der Vögel. »Wenn der Islam den Glauben an das Fortleben der nach Rache schreienden Eule auch ablehnt [oben Nr. 1, a)], so hat seine eigene Mythologie für die Vorstellung vom Seelenvogel im Einklang mit seinen eschatologischen Anschauungen andere Formen ausgebildet. Das heidnische Arabertum kannte nicht Paradies noch Hölle. Die islamische Vorstellung läßt die Seelen der Frommen im Paradiese in Verbindung mit Vögeln weiterleben, die sich auf den Bäumen des Paradieses aufhalten, bis daß sie Gott zur Auferstehung wieder mit den Leibern vereinigt, in welchen sie während ihres ersten Erdenlebens wohnen« (Goldziher, Globus 83, 302). So wandern die Seelen der in der Schlacht bei Ohod Gefallenen in die Leiber von grünen Vögeln des Paradieses. In der späteren Legende werden diese Vögel als eine Gattung von Sperbern näher bestimmt. Die im zarten Alter verstorbenen Kinder heißen »kleine Sperlinge des Paradieses« (Goldziher, ebd. mit näheren Nachw.). Eine feste Tradition über die Gattung der Vögel gibt es aber nicht; bei den von den Schi’ften geübten dramatischen Darstellungen des Martyriums der Familie Alîs werden die Seelen des Hasan und Husein durch zwei blutbespritzte weiße Tauben dargestellt; am meisten verbreitet ist die Vorstellung, daß die Seelen der Frommen in grüne Vögel einkehren, während die Seelen der Ungläubigen und Sünder dem letzten Gericht in den Leibern schwarzer Vögel entgegenharren (Goldziher, ebd., vgl. v. Negelein, S. 382).

Die Farben spielen auch bei anderen Völkern eine Rolle. Wie Karl v.d. Steinen berichtet (Naturvölker, S. 511 ff.) werden die Bororós zu roten Araras (Vögeln). Für diese haben sie eine besondere Vorliebe, weil ihr prächtiges Gefieder ihnen den Hauptschmuck für ihre schönen Federarbeiten liefert.

Die Neger werden nach dem Glauben der Bororós schwarze Urubus. Auf die Frage, was er nach seinem Tode werde, erhielt v.d. Steinen von einer Bororó-Indianerin die Antwort: »Ein weißer Reiher.«

Bei den Isannas gehen die Seelen der Tapferen in bunte Vögel über (Bastian, Elemente 26; v. Negelein, Globus 79, 384).

Auch in Europa bedeuten die Farben wesentliche Unterschiede. Mogk hat in seiner Mythologie (§ 24) darauf hingewiesen, daß der Volksglaube den wesentlichen Charakterzug der verstorbenen Person auf die Gattung des Tieres einwirken läßt, in dessen Gestalt die Seele erscheint. Die Eigenschaften des Menschen und des Tieres waren das tertium comparationis. So erscheinen Jungfrauen in Gestalt von Schwänen, listige Männer von Füchsen, grausame von Wölfen u. dgl. Geizhälse und Missetäter erhalten die Gestalt schwarzer oder feuriger Hunde. Sicher ist auch die Tierfarbe als Symbol der menschlichen Eigenschaft bei der Wahl des Seelentieres von Einfluß gewesen. Der weiße Schwan ist würdig, die Seele der reinen Jungfrau zu tragen (vgl. ob. S. 402)6; schwarze Vögel tragen dagegen das Merkmal des Verbrechens. Charakteristisch ist die schöne Stelle aus dem christlichen Sólarljóđ!, wo die Seelen in der Hölle mit versengten Vögeln verglichen werden. Eine besondere Rolle spielt im heutigen Volksglauben des Nordens der Nachtrabe, nach schwedischer Sage die Seele ausgesetzter Kinder. Vgl. hierzu Grohmann, Abergl. u. Gebr. Nr. 1369 Anm.:

 

Nach einem böhmischen Volksliede flogen aus dem Grabe die Seelen der Ehegatten in Gestalt zweier Tauben, setzten sich auf dem Glockenstuhle nieder und girrten so lieblich, als wenn Trauergeläute hallte. Die von aller Schuld befreite Seele soll sich in Gestalt einer Taube zeigen, weiß wie Schnee; in dem Maße dann, als jemand schuldig ist, nimmt die Taube eine dunklere Farbe oder auch eine andere Vogelgestalt an. Die Seele des Verbrechers verwandelt sich in einen Raben. –

 

Nach einem Glauben, der dem Parsismus eigen ist, und den sich sowohl das Judentum als auch die mohammedanische Legende angeeignet hat (Goldziher, S. 302), verbleibt die Seele noch einige Zeit nach dem Tode in der Umgebung des Körpers, der sie beherbergt hatte. »Mit diesem Glauben verknüpft sich dann leicht die Vorstellung von der Anwesenheit des Seelenvogels in der Nähe des Verstorbenen … Sehr leicht entfaltet sich aus solchem Glauben die Anschauung, daß sich die Anwesenheit der Seele durch das Flattern des Seelenvogels um den Leichnam kundgibt. Die entflogene Seele schwirrt um den Körper herum, dem sie angehört hatte.«

Damit hängen wohl die Sagen von den Seelen Ertrunkener zusammen.

 

Aus Portugal.

 

Nach Leite da Vasconcellos, trad. pop. Nr. 309, glauben die portugiesischen Seeleute, daß gewisse Vögel, die man auf hoher See trifft, die Seelen von Kapitänen versunkener Schiffe seien.

 

Aus Frankreich.

 

a) Der Sturmvogel hat die Gewohnheit, allen Schiffen des Meeres zu folgen. Die Seeleute erzählen sich untereinander, daß diese Vögel die Seelen solcher Kapitäne sind, die ihre Mannschaft schlecht behandelt haben und zur Strafe verdammt worden sind, auf dem Meere umherzuirren. Andere sagen, daß es die Seelen im Meer ertrunkener Matrosen sind, die heranfliegen, um Fürbitte zu heischen.

 

  • Literatur: Sébillot, Trad. de la Haute Bretagne 2, 198 = Revue des trad. pop. 8, 311.
    Vgl. Chasse Illustrée 2, 127.

 

b) Die Vögel sind Seelen schiffbrüchiger Kapitäne; sie rufen so lange, bis ihre Körper am Lande ein christliches Begräbnis bekommen.

 

  • Literatur: Revue des trad. pop. 8, 163.

 

c) Die Bretonen glauben, daß es Sendlinge der Hölle sind, die um die Leichen der Verstorbenen herumfliegen.

 

  • Literatur: Swainson, British Birds, p. 212.

 

Aus Belgien.

 

Der Volksglaube an der belgischen Grenze bezeichnet die Seevögel als die Seelen böser Menschen, die zu ewigem Umherirren verdammt sind.

 

  • Literatur: Revue des trad. pop. 15, 603 = C. Popp, récits et légendes des Flandres p. 11.

 

Aus Deutschland.

 

Die Uferschwalbe soll die Seele eines reichen Kaufmanns sein, dem seine Schiffe auf dem Meere zugrunde gingen. Sie fliegt daher beständig am Ufer umher, unruhig erwartend, ob sie noch nicht ankommen.

 

  • Literatur: Kirchhoff, Wendunmuth 4, Nr. 160. Vgl. Menzel, Gesch. der dtsch. Dichtung 1, 213.

 

Daneben finden sich Sagen von Seelenfischen (vgl. Wundt, Völkerpsychologie 2, 2, 62, 74).

 

Aus Frankreich.

 

An mehreren Stellen der Bai von Saint Malo, hauptsächlich an der Küste von Saint Jacut, heißt es, daß sich in dem Körper jedes kleinen Tümmlers die Seele eines ertrunkenen Fischers befindet, und diese Seele gibt dem kleinen Tümmler seinen so sehr veränderlichen Charakter.

 

  • Literatur: Sébillot, Folklore des Pêcheurs, p. 369.

 

Aus Samoa.

 

Die Samoaner fürchten sich vor dem Genuß des Munua, einer Phocena (Schweinfisch), und des Masimasi Delphinus Delphi?) – welche meistens nicht unterschieden werden, weil nach der Sage Häuptlinge von Tutuila, welche auf hoher See von einem Orkane überrascht wurden und ertranken, in Munua verwandelt seien. Bestärkt wird dieser Glaube dadurch, daß diese Fische meist wohlgenährt sind, und, wenn sie spielend sich um die Schiffe und Boote tummeln, ächzende Laute von sich geben, wie die schwimmender Menschen, und daß deren Eingeweide ein ähnliches Aussehen haben sollen, wie die eines Menschen.

 

  • Literatur: W.v. Bülow, Intern. Archiv f. Ethnographie 13, 191.

 

Eine lehrreiche Übersicht über die Verbreitung des Glaubens an Seelenvögel gibt v. Negelein (S. 382): »Daß die alten Ägypter in ihren Hieroglyphen die Seele unter dem Bilde eines Vogels darstellten, ist bekannt. Wenn der Verstorbene das Bedürfnis nach Speise empfand, so kleidete er sich in Vogelgestalt, flog aus dem Grabe und verzehrte das Essen. Im alten Assyrien führte die Leichtigkeit, mit der sich der Vogel von Ort zu Ort fortbewegt, zu der Annahme, daß dieses Wesen das einzige sei, in dem der seiner Wohnung beraubte Geist ein Heim fand. Die vorislamischen Beduinen konnten eine von ihnen im allgemeinen geleugnete Fortexistenz der Seele nur unter der Voraussetzung verstehen, daß der Geist die Gestalt eines Vogels annehme (vgl. oben). Die Japaner glauben, wenn eine Seele den Körper verläßt, ein Rauschen und Flattern wie von einem Vogel zu hören. Wenn der von Durst Gequälte im Traume Wasser zu trinken glaubt, so nimmt man in Birma an, daß die schmetterlingähnlich gestaltete Seele den Körper verläßt, um den Durst zu stillen. In Indien muß der Glaube an die Vogelgestalt der Seele uralt sein. Aus der ältesten Literatur ist die Verwandlung von Zauberern in Vögel bekannt. Taube, Eule und andere Tiere gelten als unheilvoll. ›Die Ahnen sind ein Ebenbild der Vögel‹, sagt ein alter Text. Der Bote des Todesgottes Yama hat Vogelgestalt usw.« Hinzuzufügen ist, daß im Persischen murgh [zendisch měrěgha] Vogel und Seele bedeutet. Die Vorstellung vom Seelenvogel findet sich auch in den Redensarten und Metaphern der alttestamentarischen Schriften, ebenso im Neuen Testament und im Talmud, wo das sippôr nafschô (der Vogel seiner Seele) vermutlich in diesem Sinne zu deuten ist (vgl. Goldziher, Globus 83, 301; dort auch die folgenden Nachweise). Über den Totenvogel der Chinesen siehe Schlegel, Internat. Archiv f. Ethnogr. 11, 86 ff. Für Australien vgl. Réville, religions des peuples non civilisées 1, 386–398; für Westborneo: Bijdragen tot de Taal-Land-en Volkenkunde VI. Volgr., 3. Deel (1897), 57 ff. Vgl. überdies Alfr. v. Kremer, Studien z. vgl. Kulturgeschichte, 1. Heft (1889), 57 ff. Die Chaldäer schrieben das Niederfallen ihrer Seelen in die Körper dem Verlust der Fittiche zu. In der Höllenfahrt der Ishtar heißt es von den Seelen der Abgeschiedenen: Sie sind gekleidet in das Gewand von Federn (v. Negelein, S. 359). Über den griechischen Seelenglauben siehe Bd. IV der Natursagen. Aus dem Gebiete der slawischen Volksreligion führt v. Negelein (S. 383) die Anschauung an, daß die Seele, die als ein luft- oder vogelartiges Wesen beim Tode aus dem Körper flieht, in heidnisch-böhmischer Zeit aus dem Munde des Sterbenden herausfliegend und so lange auf den Bäumen herumflatternd gedacht wurde, bis der Leichnam verbrannt war. [Vgl. hierzu Grohmann, Abergl. u. Gebr. Nr. 1369 Anm.:

 

Nach altböhmischem Glauben ward die Seele, sobald sie den Körper verließ, beflügelt und fing an, auf den Bäumen herumzufliegen. In einem mährischen Liede von Troppau heißt es:

»Die Seele flog aus dem Körper, niemand weiß, wohin sie flog; setzte sich auf einem Haine nieder, auf dem grünen Rasen.« In einem anderen Liede wird von der Seele gesungen, daß sie aus dem Körper herausflog, sich auf die grüne Wiese niedersetzte und dort wehklagte, bis die Wiese widerhallte …]

Die Seele nahm jedoch vielfach auch die vollkommene Vogelgestalt an. (Vgl. oben S. 481.)

 

Auch nach armenischem Volksglauben setzt sich die Seele des Verstorbenen im Hof des Hauses auf einen Baum nieder. »Wenn man sich nun des Märchens vom Machandelboom erinnert [oben S. 407 ff.], so wird es klar, daß diesen Ideen uralte Anschauungen zugrunde liegen müssen … Das Märchen ist auch deshalb noch besonders wichtig, weil es das Begräbnis unter den Bäumen des Hauses als eine kulturhistorische Tatsache und so die Meinung von dem innigen Zusammenleben der menschlichen und pflanzlichen Seele verstehen lehrt. Die alte Identifizierung der Vögel mit lebengefährdenden Todesdämonen erhielt dadurch eine neue Nahrung. Wie sollte das aus dem Dickicht der Baumäste rufende Wesen nicht an den unter der Wurzel des Stammes Schlummernden gemahnt haben?« (v. Negelein, ebd.) Bekannt ist, daß die Finnen und Litauer die Milchstraße den »Weg der Vögel« nennen, d.h. den Weg der vogelgestaltigen Seelen. [In der estnischen Heldensage steigt die Seele des Kalewi-Poeg wie ein Vogel zum Himmel empor (20. Gesang des Kalewi-Poeg, Vers 933; vgl. Schott, S. 436).] Über germanischen Glauben an Seelentiere, insbesondere auch an Vögel, siehe (außer v. Negelein, S. 384) Mogk, Mythologie § 24.

Unter dem Einfluß des Christentums erhielt die alte heidnische Vorstellung einen neuen Inhalt. Die Kirche ließ fortan nur den Glauben an die Tierverwandlung Ungetaufter gelten; klagenden Vogellaut deutete sie als den Weheruf eines ewig Verlorenen.

 

1. Wenn man abends auf verlassenen Feldern und in großen Wäldern einen sanften, aber tieftraurigen Vogelgesang hört, so glaubt man, daß er von den Kindern herrührt, welche ungetauft gestorben sind und die ihn von den Engeln des Paradieses gelernt haben. Sie werden so weitersingen bis zum Ende der Welt, wo Johannes der Täufer sie alle taufen wird, damit sie ins Paradies kommen. (Aus der Basse-Bretagne.)

 

  • Literatur: Revue des trad. pop. 14, 579 Nr. 5. Vgl. Sébillot, Folklore 3, 210.

 

2. In dem Märchen L’homme aux dents rouges erscheinen die Seelen als Vögel. Die Seelen ungetaufter Kinder flattern vergebens um das Paradies, sie erlangen keinen Eingang.

 

  • Literatur: Bladé, contes pop. rec. en Agenais 1874, 8. 52 ff. (= contes pop. de la Gascogne 2, 191 ff.).

 

3. Die Nachtschwalben (Ziegenmelker, caprimulgus europaeus) sollen die Seelen ungetaufter Kinder sein, die verdammt sind, auf ewig umherzufliegen. (Yorkshire.)

 

  • Literatur: Swainson, British Birds, p. 97.
    (Nach Conway, Demonology 1, 128 gehen die Seelen ungetaufter Kinder auch in Mäuse – also ebenfalls Seelentiere – über.)

 

Zu den Einflüssen der Gesittung, denen alte Glaubensbegriffe unterliegen, gehört auch die Wertschätzung des Ehestandes. So viel dieser dem Volksherzen gilt, so ungünstig muß andererseits das Urteil über die Ehelosigkeit lauten. Die allezeit zum Spott aufgelegte öffentliche Meinung trifft dabei vorzugsweise das weibliche Geschlecht; sie spottet, daß die ledigen Jungfrauen – freiwillig oder unfreiwillig – ihren eigentlichen Beruf nicht zu erfüllen wissen, und ersinnt ihnen zur Strafe für diese Unterlassung ein eigentümliches Schicksal nach dem Tode. Sie müssen Sägemehl knüpfen, Leinsamen spalten, Wolken schichten und andere unfruchtbare oder unmögliche Beschäftigungen verrichten.7 Vergeblich wie ihr Leben war, wird ihre Arbeit sein. Am bekanntesten ist wohl die Strafe, die in Tirol ihnen zugewiesen ist: sie müssen im naßkalten Moorboden des Sterzinger Mooses bis zum jüngsten Tage das Moos mit den Fingern nach Spannen ausmessen.8 In der Schweiz findet sich die Angabe, daß die alten Jungfern auf das Giritzenmoos, d.i. den Gletscher des schauerlich wilden Rottales kommen (unterhalb der Jungfrau), wohin noch eine Menge anderer unseliger Geister verbannt werden. Nun heißt aber Giritz, wie L. Tobler nachweist, nichts anderes als Kiebitz, und Moos gilt als unheimlich und als Brutstätte von Unheimlichem.9 Das führt weiter in das Altertum zurück, als die halb scherzhaften Strafbestimmungen zunächst vermuten lassen. Die auf das Giritzenmoos verwiesenen Jungfern sind dort einst als Kiebitze hausend gedacht worden. Zur Stütze dieser Schlußfolgerung führt Tobler an, daß dem Kiebitz (nach Grimms Wörterbuch) ein unheimliches Wesen zugeschrieben wird, ähnlich dem Kauz, der Eule und dem Kuckuck. Auch deute seine Vorliebe für einsamen Aufenthalt, vielleicht auch sein Schrei (»wo bliw ik?«) sowie die haubenartig am Hinterkopf hervorstehenden Federn auf eine alte Vorstellung von verwandelten Jungfern. Und wenn man im Harz den spukenden Geist einer geizigen Frau aus dem Hause in einen Kiebitzbruch wegfahre, so sei damit gemeint, daß dort der Geist in einen Kiebitz übergehe. Endlich erinnert Tobler an verschiedene abergläubische Volksmeinungen. In Estland werden die alten Jungfern zu Brachvögeln10, in Baden zu Bremsen. Die alten Griechen behaupteten das gleiche von einer Art Grille oder Heuschrecke; in Pforzheim sagt man, die Eidechsen seien einst Jungfrauen gewesen. [Über die Unke s. oben S. 399.]

Dieser umsichtigen Beweisführung stellt sich die Angabe aus Worcestershire zur Seite, daß der Kiebitz old maid heiße (Swainson, British Birds, S. 184), und eine Sage aus Dänemark, wonach die Kiebitze verwandelte alte Jungfern sind, die Moorschnepfen alte Junggesellen: Die Kiebitze fliegen unruhig um Sumpf und Moor herum und rufen in klagendem Ton: »hvi villd do it? hvi villd do it?« (warum wolltest du nicht, nämlich heiraten?) Die Moorschnepfen antworten: »for a turr it!« (weil ich es nicht wagte!) (Kristensen, Folkeminder 8, 373, Nr. 667; vgl. Swainson, ebd.) Da die Eule ein bekannter Seelenvogel ist (vgl. Globus 69, 271), so gibt es in Frankreich (Chateaubriant) auch die Anschauung, daß Eulen verwandelte alte Jungfern sind, die des Nachts schreien. (Sébillot, Folklore 3, 167.)

Es ist nun nicht bloß die Menschenseele, die sich der Volksglaube in Vogelgestalt vorstellt, auch überirdische Mächte werden so verkörpert gedacht. Hierher gehört die Taubengestalt des heiligen Geistes; islamische Sagen stellt Goldziher, Globus 83, 304, zusammen. Daß auch anderwärts Vögel und Tiere überhaupt in Götter und Geister übergehen können, beweisen u.a. folgende Belege:

 

1. In China gilt die Eule als ein Teufel in Vogelgestalt, ›a transformation of one of the servants of the ten kings of the infernal regions‹. (China Review 4, 3 = Swainson, British Birds, S. 126.) Vgl. Oldenberg, die Religion des Veda 266: Dämonen oder die mit ihnen verbündeten Zauberer werden zu Vögeln und fliegen nachts umher.

2. Die Moánus (Admiralitätsinseln) glauben, daß ihre Schutzgeister gelegentlich in Haifische fahren, um den auf der See Bedrängten zu Hilfe zu kommen. Ebenso kann der Geist in einen Fischadler fahren, um ein bedrohtes Dorf rechtzeitig von der Gefahr zu benachrichtigen.

 

  • Literatur: Parkinson, Südsee, S. 720.

 

3. Geister und Völker zeigen sich oft als Schlangen, Krokodile, Kröten, Vögel, Ratten, der Meeresgott als Hai (Melanesien).

 

  • Literatur: Waitz, Anthropologie 6, 670.

 

4. Der Vogel Lota, welcher die Seelen des gemeinen Volkes frißt, ist die Inkarnation eines Gottes [vielleicht des Herrschers des Totenreichs]. (Tonga.)

 

  • Literatur: Waitz, Anthropologie 6, 301.

 

5. Die Götter erscheinen als jedes beliebige Tier. (Neuseeland.)

 

  • Literatur: Waitz 6, 307.

 

Im übrigen vgl. Wundt, Völkerpsychologie 2, 2, S. 72 ff., Grimm, Mythologie 24, 690 f., KHM. 33, 78, Wackernagel, Kl. Schr. 3, 228–244 (ἐπεα πτερόεντα), Uhland, Schriften 3, 278–286.

Fußnoten

1 Vgl. S. 407 und Nachtr.: »Der slawische Vampirismus war die natürliche Folge, und das jetzt nur noch den Seelen ungetaufter Kinder und Verdammter zugeschriebene Schicksal, in Gestalt von Fledermäusen und fabelhaften Flügeltieren Unheil zu stiften, ein gemeines Los.« v. Negelein, Globus 79, 383, mit dem Hinweis auf Strauß, Die Bulgaren, S. 209 u. 295 (die Geister ungetauft gestorbener Kinder fliegen wie Vögel nachts umher und saugen den Menschen das Blut aus). – Müller, amerikan. Urrelig., S. 207, Terzeichnet flgd. Glauben der Inselkaraiben: Die Fledermäuse sind Geister, die des Nachts Wache halten.

 

2 Vgl. ob. S. 467 ff. Dazu Marianu, Insectele, S. 293: 1. Die Botys margaritalis Tr. (Orobena extimalis Sc.) soll aus den Leichen von Hexenmeistern und Hexen entstanden, sein. Sie trägt im Rumänischen den Namen: Kleiner Hexenmeister. 2. Diese Tiere sind Seelen von Hexenmeistern, die nachts in die Häuser kommen, um je nach Umständen Gutes oder Böses zu tun. – Auf die Entstehung solcher Sagen wirkte nach v. Negelein, Globus 79, 358 »die Annahme spontaner Zeugung der meist gefährlichen Insekten aus dem menschlichen und tierischen Kadaver [vgl. ob. S. 170]. Diese niedere Tierklasse, zu der namentlich Fliegen, Insekten, Schmetterlinge gehören, bildet eine große Einheit und muß in der Dämonologie der verschiedensten Völker sich Geltung verschafft haben … Dazu kommt, daß man in ihnen Krankheitsdämonen erkannte, sie also im menschlichen Körper als ätiologisches Moment für die verschiedensten Schädigungen desselben vermutete … Wir dürfen also behaupten, daß die Erfahrung von der Gefährlichkeit der Brut gewisser Insekten, Käfer oder Schmetterlinge zu der Furcht vor ihnen als todbringenden Gespenstern geführt hat.« – Vgl. ferner Waitz, Anthropologie 6, 315:

Die Seelen verlassen den Körper gleich nach dem Tode, wo sie von anderen Geistern oder einem Gotte gewaltsam weggeführt werden. Ihre Gestalt ist schattenhaft und dann von menschlicher Form, oder sie nehmen Tierformen an, am gewöhnlichsten die der Eidechsen, Schmetterlinge, Heuschrecken, Vögel. (Neuseeland.) – Ebd. 309:

Die Geister der bei der Geburt ermordeten Kinder wurden Heuschrecken (Taiti). Ebd. 304 (= Turner, Samoa 233):

Ist einer im Kampfe gefallen oder ertrunken, so setzen sich seine Verwandten und Freunde hin, breiten ein Tuch vor sich aus, und nach dem Anruf an die Götter: »Ihr Götter, seid gnädig! Gebt uns die Seele dieses jungen Mannes!« warten sie, ob nicht irgendein Tier auf ihr Tuch kriecht. Kommt denn nun eine Ameise, eine Heuschrecke oder etwas der Art, so ist dies die Seele des jungen Mannes, und das Tier wird mit aller regelrechten Feierlichkeit begraben; kommt nichts, so denkt man, der Geist zürne den Dasitzenden; andere lösen diese ab, und endlich kommt ja auch ein Tier. Nach Lenormant, Geheimwissenschaften Asiens, S. 473, maßen orientalische Völker den Insekten prophetische Gaben bei.

 

3 Vgl. z.B. Grimm, Mythol.4 691. 905, Mannhardt, Mythen 371, Zingerle, Tiroler Sitten2, S. 3. Prato, La Tradition 2, 257 ff.

 

4 Verwandlung der Meleagriden und der Aedon. Hierüber wird Bd. IV der Natursagen handeln, v. Negelein zitiert ferner Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere3 316: »Die Antike pflegt das Leid und das Unglück durch Verwandlung in Vogelgestalt auszudrücken«, und verweist auf Feuerbach, Annali dell’instituto 15, 1843.

 

5 Die Rufe des Ziegenmelkers klingen gleich dem ängstlichen Hilfeschrei eines in äußerster Todesgefahr befindlichen Menschen, mit einem darauffolgenden, laut schallenden höhnischen Gelächter.

Koch, Animismus S. 14, vgl. Ausland 1870, S. 829:

Die Makuschi in British-Guayana betrachten diese Rufe als die Stimmen der bösen Nachtgeister. Als solche gelten aber allgemein die Seelen der Verstorbenen.

 

6 In der Grafschaft Mayo glaubte man, die Seelen der Jungfrauen, die ein besonders reines und tugendhaftes Leben geführt hätten, würden nach dem Tode in Schwäne verwandelt, das Sinnbild ihrer Reinheit. Darum wurden sie nie verfolgt.

Swainson, British Birds, S. 152.

 

7 L. Tobler, Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 14, 64 ff.

 

8 Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols, S. 351.

 

9 Tobler, S. 70 ff.

 

10 Wohl aus Holzmayer, Osiliana, S. 80, entnommen. Toblers Erklärung, der Brachvogel diene deshalb als Seelenvogel, weil die unfruchtbare Brache mit dem weiblichen Leibe verglichen werde, ist nicht annehmbar. Vielmehr ist der verlangende Schrei und das unruhige Flattern für die Vergleichung maßgebend gewesen, daher der Vogel auch unter den dürstenden (ob. S. 312 ff.) erscheint.

Toby Edward Rosenthal: The Trial of Constance de Beverly

Mai 1, 2017

“California claims today the greatest American artist Toby Rosenthal. In the collection his work is unique. His picture of the immuring of ‘Constance de Beverly’ is a true work of art, full of the finest feeling, great depth and beauty. The work shows thought even in the smallest details. The subject is taken from Scott’s ‘Marmion’ and shows the moment when Constance de Beverly, the nun who escaped to serve as Marmion’s page, is doomed to be immured alive in the prepared niche in the stone wall. The blind old abbot, destitute of human feeling, heartlessly condemns the beautiful young Constance to death. On the stony face of the abbess there is almost an expression of delight in being able to agree to this’ terrible punishment. The principal figure, Constance de Beverly, is a personification of beauty and loveliness.” Evening Bulletin (January 17, 1884)