Paul Scheerbart: Wir maken Allens dot!

September 28, 2016

Wir maken Allens dot!

Wir maken Allens dot!

Clownerie

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_032 Hopp! Hopp! Hopp!
Da is er — zieht Cylinder — verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt: »Dramatûschek!«
Der Andre lächelt, klopft sich auf dickes Bauch, nickt mit kahles Kopp und sagt schmunzelnd: »Serr erfreut, mein Lieber! Ick bin der Kapitälski.«
Händegeschüttel — Schmunzelei — zwei Stühle — Cylinder vergraben — Männer rauchen jleich Ziehgam — bald serr viel Dampf in Luft.
»Ick bin«, spricht Dramatüschek, »wie Sie woll wissen —ein Schenie!«
»Weeß ick längst!« erwidert Kapitälski.
»Ick will«, fährt Dramatüschek fort, »bauen jroßes Theater mit neistes Brimborium und allerscheenstes Humbug (speak: Hömmböck!). Wir maken Allens dot.Jiebst Du Kapital? Speak, Kapitälski!«
Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein, raucht wie Schornstein und kickt jradaus wie Tatmensch.
Kapitälski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch — zieht aber jleich wieder Hand raus.
Dramatüschek kriegt Courage, redet feste: »Mensch — jutes! denk an! Ick hab jroßes Jedank mit jroßes Mond — das schwebt auf Podium und quiekt: Au!«
»Jroßes Naar — kei Schenie!« murmelt Kapitälski. — Jast seiniges jleich serr hitzig.
Dramatüschek, das jroße Schenie, erhebt sich von Stuhl und hält wildes Red: »Du hast kei Ahnung, Kapitälski! Weißt Du, was ick will maken? Ick will maken jroßes Theater — serr jroßes und auch serr kleines. Da sollen Sterns vons Himmel auftreten als Aktörs, sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates — noch mehr tiefsinnik. Jroße Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und buntes Pfaulicht. Tanzen sollen Panthers und Kamels, Oxen und Schenies. Janzes Welt soll werden gekrempelt um. Allens maken wir dot! Siehste, Kapitälski?« ‚ .
»Nix seh ick!« schreit der Herr mits Portmonee.
»O du stupides Eichkatz!« kreischt nu Dramatüschek, »hast Du kei Fantasie? Mal Dir aus ein jroßes Kunst mit Blitz und Donner — mit jroßes Krieg — mit herzzerdrücktes Jejammer und bombastisches Seligkeit. Wir maken Allens dot!«
»Kei Kunst!« replizieret Kapitälski, »dotmaken kann jedes Mörder. Achtes Kunst muß maken jutes Appetit —aber nich dickes Kopp.«
Dramatüschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu: »Materialiste biste — kei Schenie! Aber jieb Kapital
— dann biste Ober—Schenie — Erz—Schenie — Gold—Schenie — General—Schenie! Jieb Kapital! Sei Freund!«
Jutes Mensch janz jerührt — umarmt Kapitälski — der steckt wieder Hand in Hosentasch — zieht raus blankes Ding — achtes deutsches Pfennig — jiebts an jutes jerührtes Mensch.
Uih!
Bumm! —
Dramatüschek springt hoch in die Höh, schreit wie Schwein bei Schlächter •— makt immerzu Salto—Mortals und packt altes dummes Kapitälski an Gurgel — dreht — dreht — dreht ab das Kopp. Wie Kopp in Dramatüscheks langes schmales Hand, steht Kapitälski ohne Blut und ohne Kopp janz ruhig auf — und — redet Bauch — — sagt dunkel: »Kapitälski kann leben ohne Kopp — braucht kein Kopp.«
Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall.
Dramatüschek heult wie Wolf, schmeißt Kapitälski—Kopp mang Publikums, daß alle Mädchen quietschen —und fällt steif wie trocknes Brett auf sei Nas‘.
Publikus janz dumm.
Schenie Dramatüschek weint blutijes Trän — Sand wird naß und rot — immer merr naß — wird rotes Strom — und armes Kerl schwimmt fort — auch in sei Stall…
Armes Dramatüschek!
Armes Kerl!
Rotes Strom wird rotes Meer!
Armes Publikus!

 

(Paul Scheerbart Site see Blogroll)

Paul Scheerbart: Auf der Flucht

September 28, 2016

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Paul Scheerbart

September 28, 2016

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Paul Scheerbart: Lakkarudia

September 28, 2016

Lakkarudia

Eine Schlangen— Novellette

aus: das Lachen ist verboten

ps_048 Kaum glaublich! —  und doch! —  und doch! Dort drüben sitzt ja meine Freundin —  die kluge Lakkarudia. Und die Lakkarudia ist eine geflügelte Schlange… Jawohl, ich sitze hier auf dem Neptun! Wer hätte das wohl gedacht? Die Schlange schreibt —  aber ihr Stuhl und ihr Tisch —  seltsam! —  verblüffend! Eine gewundene, in eine Rinne verwandelte Stahlschiene —  in der Form sehr ähnlich einer aufrecht stehenden arabischen 3 —  das ist der Stuhl. Als Tisch dient eine große, schwarze, blank polierte Steinkugel. Der blau und grün schimmernde gleißende Schlangenleib hat sich fest in die Windungen der Stahlrinne hineingeschmiegt. Die silbergrauen durchsichtigen Hornflügel hängen oben rechts und links steif herunter. Der rote, mit Goldstreifen durchfurchte Kopf der Schlange ist weit über die schwarze Steinkugel gebeugt, und zwei ganz kleine Ärmchen mit zwei ganz kleinen Händchen kommen zu beiden Seiten unter dem roten Schlangenkopf zum Vorschein. Mit dem rechten Händchen schreibt die Lakkarudia in einem kleinen weißen Buch. Die Wände des Gemachs, in dem wir sitzen, sind aus einer bernsteinartigen gelben durchsichtigen Masse gefertigt, die zusammengehalten wird von einern Fischbeingerippe, welches dem Hause die vielkantige, schnörkel—  und bogenreiche Form verleiht. Ich blick’ hinaus aufs Meer, das schwarzblau ist, auf dem wir mit unsrem Hause herumschwimmen… Andre Häuser schwimmen nicht weitab auch herum —  schaukelnd wie stolze Schwäne, Eine ganze Stadt schwimmt da —  denn der Neptun besitzt kein Land —  dieser Stern ist nur eine große Wasserkugel —  ein großer Welttropfen. Doch das Meer wird erregt. Mächtige Wellen wälzen sich durchs Wasser, Wolken ballen sich am Himmel zusammen. Und da drüben erscheint noch eine andere Weltkugel —  eine schwarze; sie ist scheinbar auch ein Welttropfen. „Lakkarudia, schnell! sieh nur! sieh nur!“ Also ruf’ ich, zeige dabei der Schlange die schwarze Weltkugel, die sehr rasch größer wird… Jedoch die Schlange lacht, daß ihr die goldenen Furchen im roten Antlitz blitzen, und daß der blau und grün leuchtende Leib heftiger schillert und glitzert. Dann sagt meine Freundin gutmütig: „Das ist ja nur der Luftballon, mit dem unsre Stadt in die Lüfte fährt.“ „Unsre Stadt?“ frag’ ich. „Ja!“ sagt die Schlange, Währenddem steigen wir auch schon empor, und das Rauschen des Meeres verhallt bald in der Tiefe, Nicht lange währt’s, und wir sind oben in der ruhigen Luft… Oben hielt die Lakkarudia im Schreiben inne, wandte mir ihren Kopf mit den blitzenden Goldfurchen zu, schaute mich forschend an und erzählte mir dabei alles Mögliche vom Leben auf dem Neptun. Sie erklärte mir ausführlich, weshalb wir plötzlich hoch in die Lüfte mit ungeheurer Geschwindigkeit hinaufgezogen wurden: weil’s eben auf dem Neptun im Herbst und im Frühling so stürmisch war, daß die schwimmenden Städte den Sturm auf den Wellen nicht wohl ertragen konnten; manchmal ließen sich die Neptunbewohner auch ins Wasser hinein —  hinab bis zum Mittelpunkt des Sterns —  hinunterziehen —  das geschah gewöhnlich, wenn’s auch in den oberen Luftschichten allzu stürmisch für die geflügelten Schlangen wurde —  von schweren Taucherkugeln wurden sie dann in die Tiefe gezogen, Jedenfalls gingen die Bewohner des Neptuns ängstlich jedem Sturme aus dem Wege —  sie wollten immer in möglichst ruhiger Umgebung leben. Das setzte mich denn doch in Erstaunen, und ich fragte meine Freundin, warum die geflügelten Schlangen die Ruhe so sehr liebten, daß sie ihr zu Liebe die größten Luftballons und die kostbarsten Taucherkugeln mit so viel Mühe herstellten. „Warum flieht Ihr“, fragte ich, „die höhere Erregung im Wasser und in der Luft —  warum?“ Lakkarudia versetzte: „Weil wir eben klug sind. Wir müssen uns doch schützen —  der Sturm gefährdet unsre Häuser und unser Leben.“ Ich jedoch erwiderte der klugen Schlange kaltblütig, daß nach meinem Dafürhalten das nicht der wahre Grund zur steten Flucht vor dem Sturme sein könnte, „denn“, so fuhr ich wörtlich fort, „die Schutzmaßregeln gegen den Sturm würden, wenn Ihr auf der Ober—  fläche des Meeres bliebet, Euch lange nicht so viel Arbeit und Umstände kosten als jetzt.“ Die Schlange hustete heftig, schlug ein wenig mit den silbergrauen Flügeln um sich und meinte scharf: „Nun ja, lieber Freund, uns macht die Ruhe so schrecklich viel Vergnügen —  daher die Umstände! Wir lieben die Windstille, und wir fürchten und hassen den Sturm. Du aber scheinst noch immer zu glauben, daß Du Dich auf der Erde befindest, Auf der Erde habt Ihr ja festes Land, und auf dem festen Lande habt Ihr Ruhe genug —  Ihr seid also an die Ruhe gewöhnt —  daher versteh’ ich völlig Deine kindliche Freude am brausenden Sturm. Versteh’ auch unsre Freu—  de an der Windstille! Die Beweglichkeit uasrer Luft ist uns zur Plage geworden. Entwickelte Wesen sehnen sich eben immer nach dem Anderen. Bei Euch ist aIlerdings das Andere der Sturm —  die Unruhe! Doch bei uns ist nun mal das Andere die Windstille —  die Ruhe! Der Neptun ist doch ein leicht erregbarer Wasserstern. Das darfst Du nicht vergessen. Du bist nicht mehr auf der Erde.“ Lakkarudia pendelte träumerisch mit ihrem lieblichen Goldkopf so hin und her, als könnte sie die vielen Gedanken ihres kleinen Schädels kaum mehr tragen. „Hm! Hm!“ macht’ ich da, dacht’ nach über die Klugheit der Neptunsschlangen und ging hinaus auf den feinen, aus Fischgräten hergestellten Söller… Der Luftballon stand hoch über mir wie eine große schwarze Scheibe. Die andern Häuser hingen nicht weitab —  doch teils tiefer —  teils höher. Rechts hinten unter einem heliblau erleuchteten Hause war der kleine, dunkelrote Sonnenball zu sehen —  ganz hinten im Himmel. Ein paar Kometen durchkreuzten die Neptunsbahn. Und das Dämmerlicht ringsum, in das ein paar Sterne farbig nie—  derleuchteten, war sehr ruhig —  so ruhig wie ein traumloser Schlaf. Ich aber stand auf dem Grätensöller und —  wollte —  das Andere —  fortwährend von Neuem das Andere —  immer wieder das Andere! „Entwickelte Wesen sehnen sich eben immer nach dem Anderen!“ Also sprach die Schlange. Und ich rief laut in die Dämmerung hinein: „Oh, Lakkarudia, ich verstehe schon Deine Sehnsucht nach der Ruhe! Ich versteh’s schon! Aber —  aber —  seit Ihr denn auch wirklich ganz zufrieden, wenn’s so windstill bei Euch ist? Wollt Ihr in der Windstille nicht auch gleich wieder das Andere —  immer wieder von Neuem das Andere?“ Die Lakkarudia hat mich später dieser Rede wegen ausgelacht und mir bewiesen, daß die Ruhsucht der Schlangen auf dem Neptun grade das beste Mittel sei, immer wieder zum Andern hinzureizen die Ruhsucht halte ja die leichten Hütten mit ihren Grätensöllern in ständiger Bewegung —  und die Bewegung erzeuge in jedem Augenblick eine andre Aussicht —  gleichfalls —  immer wieder das Andere! Andre Bilder! Die Lakkarudia meinte, wir müßten sehr vorsichtig in der Wahl des Einen sein, damit uns das Andre nicht in Ungelegenheiten brächte —  an das nur „Nützliche“ dürften wir nicht unser Herz hängen, denn wenn wir im „Nützlichen“ das Eine sähen, so wäre das Andere für uns gewöhnlich ein „Schädliches“ —  und so weiter… Meine Freundin sprach mal ungefähr folgendermaßen: „Genieße nur die Dinge, die Dir weder schädlich noch nützlich sein können, so wirst Du immer ohne Schaden gelegentlich wieder dem Anderen nachjagen können. Das ruhige Wetter ist hier auf dem Neptun nur was „Nützliches“, darum beacht’ es nicht! Auf der Erde ist das Wetter, ob’s nun gut oder schlecht ist, gemeinhin weder schädlich noch nützlich. Auf der Erde kannst Du Dich also allen Luftzuständen mit Feuereifer widmen. Auf dem Neptun ist die Sache anders! Der Sturm zerstört uns hier Alles —  zerstört uns selbst —  deswegen dürfen wir die Windstille nicht so andächtig genießen, wie Du getan hast —  sonst sehnen wir uns auch noch mal nach dem verderblichen Sturm wie Du —  und diese Sehnsucht nach dem Sturme können wir, wie Du jetzt wohl einsiehst, nicht verwenden. Also: wohl sollen wir uns immer nach dem Andern sehnen —  aber das Eine muß auf jedem Sterne naturgemäß ein Andres sein! Du verstehst nicht? Sieh Dir hier lieber die Wolken an und laß die Luftbewegung dicht vor deiner Nase so sein, wie sie will. Hier bei uns ist das Eine sowohl wie das Andre wirklich anders als bei Euch.“ Ich verstand allmählich… Auch das Vielsinnige in Lakkarudias Worten verstand ich allmählich… Es dauerte allerdings eine gehörige Spanne Zeit —  leicht wurde mir das Verstehen nicht. Die geflügelten Schlangen erschienen mir dann eines Tages so klug, daß ich vor meiner Freundin Lakkarudia auf die Knie niedersank und ihr stürmisch meine glühendste Liebe erklärte. Einer so klugen reizenden Schlange gegenülber soll ein Erdenmensch ruhig bleiben? Das geht leider nicht! Das ist leider umnöglich! Klugheit, die fast Weisheit ist, bestrickt zu sehr. Die Lakkarudia erschrak, wie sie mich auf den Knien sah —  sie hätte bei meiner Liebeserklärung fast ihre Neptunsruhe verloren. Der Sturm meiner Leidenschaft umbrauste die Schlange wie ein —  Neptunsorkan. Und es ward ein merkwürdiger Roman daraus —  wieder mal —  wieder was Andres!!! Wie war’s nur? Ach! Ich hab’s vergessen! Wenn man vergessen will, vergißt man so schnell und so leicht. Meine liebe —  meine gute —  meine ruhige —  meine kalte —  meine kluge —  meine falsche —  schlangenschlaue —  böse —  Lakkarudia! Ach! Schluß!!

Paul Scheerbart

September 28, 2016

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Paul Scheerbart: Geistertanz

September 28, 2016

Geistertanz

Bewegungsstudie

 

ps_067 Von Norden kommen sie —  durch die Luft. Schrill pfeift der Wind.

Die dünnen Gewänder flattern.

Übers Meer kommen sie —  am Strande schweben sie hinab.

Am Strande wird getanzt. —

Sie rennen durch den Sand wie die Tollen —  die Dünen hinauf und hinunter. Die Muscheln zerbrechen unter ihren Füßen. Wild springen sie hoch in die Luft, klatschen in die Hände, schleudern die dünnen Gewänder rechts und links, als wären’s Peitschen…

Dann umarmen sie sich —  dann drücken sie sich, als wollten sie sich zerpressen —  —  —  sie lassen sich danach wieder los und drehen sich um sich selbst —  —  —  blitzschnell wie Kreisel —  die Gewänder flattern.

Dann bilden sie einen Kreis.

Zwei Dutzend Geister sind’s.

Sie stehen ganz still im Kreise.

Langsam reichen sie sich die Hände, drücken sie ganz fest ineinander und lassen dann ihren Körper zurückfallen.

Sie kreischen dabei auf und werfen den Kopf ins Genick.

Wie ein Trichter sieht der Geisterkreis aus.

Jetzt braust der Wind —  die Wogen donnern —  das Meer schäumt über die Ufer —  die Wogen bespritzen den Geisterring… Der springt empor und tanzt nun —  die Beine fliegen, die Haare fliegen —  —  in die Wellen springen die Geister hinein. Wie ein Wirbelwind dreht sich —  pfeifend —  der Ring der Geister. Das Wasser sprüht nach allen Seiten.

Die Geister tanzen —  tanzen —  und wie ein Wirbelwind steigen sie empor in die Luft…

Und pfeilschnell drehen sich die Geister wieder nach Norden —  hoch überm Meere schweben sie.

Die Winde brausen —  die Gewänder flattern.

Paul Scheerbart

September 28, 2016

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Paul Scheerbart: Der gläserne Schrecken

September 28, 2016

Der gläserne Schrecken

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

ps_111 Morgens um 5 Uhr fuhr der Chemieprofessor Kuno Pohl in sehr guter Stimmung mit seiner Gattin im Automobil nach Hause. Sie waren auf einem Berliner Maskenball gewesen.

»Halt!« rief da Herr Pohl, »wir wollen noch im Cafe Bauer einen Eisgrog trinken. Das ist die neueste chemikali—sche Komposition — die muß ich noch studieren — es geht nicht anders.«

»Dieser Eisgrog!« rief Frau Frida Pohl. »Du kannst ihn ja gar nicht vertragen. Ich will endlich nach Hause. Und bei einem Topf bleibt’s ja doch nicht. Es ist schon fünf Uhr. Man muß doch an seine Gesundheit denken.«

Das eheliche Gespräch im Automobil wurde sehr lebhaft. Aber schließlich geschah doch, was der Herr Gemahl wollte, obschon sich die Gemahlin in sehr heftiger Weise widersetzte. Vor dem Cafe sprang der Herr Kuno schnell aus dem Wagen raus, befahl dem Portier, seiner Gemahlin beim Aussteigen behilflich zu sein, und eilte ins Cafe. Kaum hatte sich Herr Pohl an einen Tisch gesetzt und einen Eisgrog bestellt, so entsteht draußen vor der Tür ein furchtbarer Tumult. Der Portier stürzt kreideweiß herein und schreit — »Ein Unglück!« — Alles rennt zur Tür. Herr Pohl steckt sich ruhig eine Cigarre an und streichelt seinen Topf mit dem Eisgrog. Danach wird aber das Geschrei vor der Tür so fürchterlich, daß der kaltblütige Professor doch seine Ruhe verliert.

»Was ist denn da draußen?« fragt er heftig, »warum kommt denn meine Frau nicht?« Da kommt der Portier und brüllt: »Ihre Frau ist verglast, Herr Professor!« — »Sie sind wohl verrückt geworden!« brüllt der. Dann aber läuft er auch hinaus. Und draußen sieht er auf dem Fahrdamm drei Automobile in einer Glasmasse, und ein Schutzmann steht dazwischen — auch unbeweglich, in derselben Glasmasse. Kellner werfen den Schutzmann um und versuchen, ihn von der Glasmasse mit Messern zu befreien.

»Das ist gar kein Glas!« sagt der Portier. Herr Pohl sieht jetzt auch sein eigenes Automobil und davor seine Frau — auch wie eine Bildsäule dastehend — von einer durchsichtigen Masse fest an den Boden geklebt. Herr Pohl geht zu seiner Frau und berührt die Masse — sie ist sehr dick und weiß wie Gelatine — läßt sich aber mit den schärfsten Messern nicht durchschneiden. Man bringt Frau Pohl ins Cafe und versucht, die Gelatine zu erwärmen. Das ist sehr unheimlich, denn Frau Frida Pohl blickt starr gradaus und bewegt sich nicht. Die Erhitzung verändert die Gelatine nicht im mindesten. Herr Pohl sagt ruhig: »Das geht offenbar gegen alle Naturgesetze. Aber ich habe ja immer gesagt: Wir haben von den Naturgesetzen keine blasse Ahnung. Es gibt auf der Erde Sauerstoffkompositionen, die uns gänzlich unbekannt sind. Was ist denn aber nur passiert!« Der Portier erwiderte eifrig: »Die Räume sind auch überglast. Und auf der anderen Seite der Straße sind die ganzen Hausfronten verglast, so daß niemand raus kann.«

Im Laufe der nächsten drei Stunden wurden nun im Cafe die neuesten Depeschen bekannt. Drei Schutzleute und Frau Professor Pohl lagen regungslos auf dem Fußboden, und niemand vermochte, die durchsichtige Masse zu sprengen — auch war sie gegen jeden Hitzegrad gänzlich unempfänglich.

Aus den neuesten Depeschen ging hervor, daß diese »Verglasung« nur auf einem länglichen Erdstreifen stattgefunden hatte, der allerdings in der Länge wohl auf 6oo km geschätzt wurde, in der Breite aber nur 300 Meter in der Mitte hatte, nach beiden Enden zu wurde der Streifen, auf dem die »Verglasung« stattfand, immer schmaler. Durch drahtlose Telegraphie war auch gegen 8 Uhr bekannt geworden, daß drei Schiffe teilweise unter der »Verglasung« gelitten hatten. Ein fahrender Eisenbahnzug war durch die »Verglasung« plötzlich zum Stehen gebracht worden.

»Das Merkwürdigste ist«, sagte Professor Pohl, »daß sich dieses weiche Glas gar nicht mit menschlichen Instrumenten bearbeiten läßt. Es ist somit zum ersten Male konstatiert, daß sich auf der Erdoberfläche Stoffkompositionen bilden können, die allen ändern Stoffen der Erde gegenüber unempfindlich sind. Allerdings — bis zu einem gewissen Grade unempfänglich. Eisen sowohl wie Diamant bringen keinen Eindruck in diesem weichen Glase hervor. Dagegen gibt der Stoff dem leisesten Fingerdruck nach. Was man auch alles in diesem Jahrhundert erleben muß! Vor 30 Jahren stellten die Männer der Wissenschaft fest, daß sie die meisten Naturgesetze ganz richtig erkannt hatten. Heute können wir das Gegenteil feststellen. Unser Wissen ist nur noch ein Wissen von Nichtwissen. Wir wissen gar nicht, wie dieses weiche, biegsame Glas entstanden ist. Und wir wissen nicht, ob wir’s jemals durchdringen können. Das Undurchdringliche ist hier Ereignis geworden. Kellner, bringen Sie mir noch einen Eisgrog und eine Browning—Pistole dazu!« Beides wurde umgehend vom Kellner gebracht, und Professor Pohl schoß in die Glasmasse hinein, die sich rechts unten um die seitwärts geschobenen Kleider seiner Frau gebildet hatte. Die Kugel drang tief ein und wurde dann mit mächtiger Gewalt zurückgeschleudert und fuhr tief in die Decke des Cafes. Auf dem Glase blieb nicht eine Spur des Kugeleindrucks zurück.

»Die zu spät nach Hause kamen«, sagte der Portier, »die hat’s getroffen. Die Liste der Verglasten zeigt, daß fast nur Maskenballbesucher von dem großen Unglück getroffen wurden. Die Häuser, die verklebt sind, lassen sich immer noch von einer anderen Seite durchbrechen, so daß ein weiterer Verlust von Menschenleben nicht zu befürchten ist.«

Währenddessen hatten sich in allen Cafes und in allen Unfallstationen, in denen die Verglasten untergebracht wurden, Kapazitäten der Wissenschaft eingefunden und besprachen den Fall. Um 22 Uhr war alle Welt darüber einig, daß wahrscheinlich ein unsichtbares Stück eines Kometen der Erdoberfläche zu nahe gekommen sei und auf dieser eine merkwürdige weiche Glasspur hinterlassen habe.

»Es ist nur höchst drollig«, bemerkte dazu Professor Kuno Pohl, »daß nur die allernächste Umgebung des Menschen und seiner Wohnstätten und die Umgebung der Bäume und der Tierwelt für diese Verglasung empfänglich gewesen ist. Es liegt eine partielle Atmosphärenverdickung vor. Und wir wissen nicht, ob der Mensch eine derartige Einkapselung vertragen kann, ohne zu ersticken. Ich sehe, daß meine Frau ganz so aussieht, wie sie ohne Verglasung aussah. Und ich kann mich nicht dazu entschließen, anzunehmen, daß sie erstickt sei. Jedenfalls ist es zweifellos nötig, daß wir nichts unversucht lassen, sie von diesem Mantel zu befreien!«

Hiernach wurden zunächst wieder die neuesten Depeschen an die Wand genagelt. Und da las man denn u. a. folgendes: In Breslau sind 30 Pferde zusammen verglast. Man hat mit Kanonen auf die Glasmasse geschossen, und man hat keine Spur vom Druck der Kanonenkugel nachher entdecken können. Darauf hat man unter den Pferden zwei Zentner Dynamit entzündet — die Pferde sind 100 Meter in die Luft geworfen worden, kamen aber ohne Verletzung der Glasmasse unten wieder an. Die Pferde sind im Museum für Erdkunde ausgestellt. Ihr Aussehen verändert sich nicht. Die weiche Glasmasse wird nicht einmal durch Rauch geschwärzt. Auch farbige Stoffe nimmt das neue Glas nicht an. Die Farbe rinnt einfach herunter. —

»Und alles dieses passiert«, sagte Professor Kuno Pohl, »im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Und wir können mit diesem neuen Stoff, der doch sicherlich ganz vorzügliche Eigenschaften besitzt, eigentlich gar nichts anfangen.«

»Wenn Sie aber«, rief nun wieder der Portier des Cafes, »als Professor der Chemie nichts mit diesem neuen Stoff anzufangen wissen, so ist das wahrlich kein Beweis für die Bedeutung der Wissenschaft.«

»Wahrlich nicht«, versetzte Professor Pohl kleinlaut, »da aber sicherlich der Komet an die eiskalten Temperaturen der Ätherweltjenseits von unserer Atmosphäre gewöhnt ist. so dürfte ihm wohl nur mit sehr kalten Stoffen beizukommen sein. Gegen ein paar hundert Grad Kälte wird das neue Glas wohl nicht unempfindlich sein.«

Ein allgemeines »Ah!« und dann stürmisches Händeklatschen sehen und Bravorufen folgte diesen Worten.

Und um 15 Uhr waren die Apparate zur Herstellung einer fürchterlichen Kälte im Cafe — und Professor Kuno Pohl ließ die Kälte sofort auf die Glasmasse wirken, di( den Körper seiner Frau umgab. Anfangs merkte mär nichts. Dann aber schwoll die Glasmasse auf und wurde undurchsichtig. Und dann gab es plötzlich einen furchtba ren Knall — und die Explosion vernichtete das ganze Cafe mit allem, was darinnen war. Das ganze Haus stürzte eil und fiel zum Teil auf die Straße.

Diesem unvorhergesehenen Naturereignis stand die wis senschaftliche Welt ratlos gegenüber. Niemand wußte, was man dazu sagen sollte. Den Universitäten aber wurde von der Staatsregierung verboten, fürderhin von »Naturgesetzen« zu sprechen, da durch die weiche Glasmasse bewiesen sei, daß menschliches Denkvermögen zur Erkenntnis von »Naturgesetzen« nicht ausreiche. .

Paul Scheerbart

September 28, 2016

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Paul Scheerbart: Trauermarsch

September 28, 2016

Trauermarsch

ps_060 Langsam schreiten die Gerippe, klappern im Takte mit ihren Knochen, schreiten schweigend mit Fackeln in der Knöchelhand durch die Straßen der großen Stadt.

Es ist Nacht. Alles sehr einsam, und von Zeit zu Zeit erschallt wieherndes Gelächter.
Sind’s die Gerippe, die so scheußlich lachen? — oder lachen die Menschen, die aus den Fenstern rausgucken und dem Trauermarsch der Knochenleute so blöde nachstarren?
Die Fackeln — die brennenden Fackeln — stecken sich jetzt die Toten in den Mund — und die ganzen Schädel fangen an zu brennen.
Wieder wieherndes Gelächter!
Die Toten aber schreiten mit ihren brennenden Hirnschalen ruhig weiter — wie alte Soldaten.
Still geht’s mit den Fackeln im Munde zur Stadt hinaus.
Und dann lacht es wieder so schauerlich …
Wer lacht denn bloß?
Lach‘ ich selbst?
Ich bin ganz ernst — wie stets!
Ich glaube: die große Stadt lacht.